13. August 2018
13.08.2018

Warum stürzen so viele junge Leute auf Mallorca in den Tod?

Sie sind jung, voller Enthusiasmus, wollen ihr Leben genießen. Doch immer wieder endet das Leben junger Touristen durch einen Fall vom Balkon. Warum? Eine Analyse

13.08.2018 | 01:00
Unser Bild ist mit einer Puppe gestellt, in der Realität sind dieses Jahr schon sieben Menschen bei Stürzen vom Balkon auf Mallorca gestorben

Natalie Cormack ist 19 Jahre alt, als ihr Leben am 27. April ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, zu Ende geht. Rein physikalisch kann ihr Fall nur wenige Sekunden gedauert haben – länger braucht es nicht, bis ein menschlicher Körper vom sechsten Stock aus auf dem Betonboden aufprallt. Sinnbildlich könnte ihre Fallhöhe kaum größer sein. „Ich erlebe hier die besten Tage meines Lebens", hatte Natalie noch in derselben Woche auf Facebook gepostet. Dazu Fotos von Magaluf, dem Lieblings-Reiseziel so vieler junger Briten, dem „britischen Ballermann", wie Deutsche gerne sagen. Natalie strahlt darauf, ihr ist die Freude anzusehen.

Auch Thomas Owen Hughes scheint recht zufrieden gewesen zu sein. Er war beliebt in der Highschool und in dem Freizeitzentrum, in dem er arbeitete, und war gerade erst 20 Jahre alt geworden, als sein Körper mitsamt seiner Träume am Boden zerschellte. Nur anderthalb Monate nach Natalie, nur wenige Meter entfernt. Tom Channon, 18 Jahre, folgte wenige Wochen später. Wie Thomas war er mit Freunden nach Magaluf gereist, der erste Urlaub ohne die Eltern. Zur Feier nach seinen Abschlussprüfungen. Als man ihn Stunden später unterhalb des Komplexes fand, war er längst tot.

Im Carrer Punta Ballena in Magaluf trifft man auf viele, die Natalie, Thomas oder Tom sein könnten. Junge Teenager, meist aus Großbritannien oder Irland, die in Magaluf auf den Putz hauen wollen. Womöglich zum ersten Mal in ihrem Leben tun und trinken können, was ihnen beliebt. Es ist Freitagmittag, die Sonne brennt heiß, einige der Bars haben kühlende Wassersprenkler im Außenbereich angebracht. Noch ist auf der Partymeile nicht allzu viel los, doch die Bars sind schon geöffnet. Ein Kellner schaut zufrieden auf eine Gruppe von Jungs, halb Kind, halb Mann, die schon leicht schwanken und sich dann auf den Metallstühlen des Clubs niederlassen. „Shots", sagen sie. Und der Kellner flitzt los, kehrt mit einem Ta­blett voll Schnapsgläsern und Hochprozentigem zurück.

Nein, die Namen Natalie, Thomas oder Tom hätten sie noch nicht gehört, sagt einer von ihnen, ein Braunhaariger mit Sommersprossen. Gut möglich, dass er der Anführer der kleinen Gang ist. Aber klar, von den Balkonstürzen hätten sie schon einmal gehört, wirft sein blonder Kumpel ein und gestikuliert wild vor seinen Augen. Ob er sich denn nicht erinnere, an die Typen, die diese „crazy jumps" hinlegen. Auch am unteren Ende der Punta Ballena, am großen Strand von Magaluf, schert sich keiner um vergangene Todesopfer. Hier wimmelt es von Gruppen junger Leute. Oft mit roten Köpfen. Ob vom Alkohol oder von der Sonne – schwer zu sagen.


Die Fakten

Juan José Segura gehört zu jenen, die die Abgestürzten als Erste sehen , nachdem sie auf dem Boden aufgeprallt sind. Nicht unbedingt Natalie, Thomas oder Tom – für sie kam jede Hilfe zu spät. Aber doch nicht für viele andere ihrer Landsleute, die von ihren Hotelbalkons in die Tiefe stürzten. „Código Trauma", heißt es dann im Krankenhaus Son Espases, das „Trauma-Protokoll" greift . „Wir werden direkt informiert. Alle lebenden Sturzopfer werden zu uns gebracht. Dann müssen wir schnell sein", sagt Segura. La hora de oro, die goldene Stunde, nenne man diese Phase, in der die Hoffnung, noch etwas retten zu können, am höchsten ist.

Segura ist 32. Als er vor Jahren in der Notaufnahme in Palmas Landeskrankenhaus seine Arbeit als Chirurg aufnahm, war er nicht viel älter als die meisten der Sturzpatienten. Zertrümmerte Schädel, gebrochene Rippen, aufgeplatzte Leiber – die Bilder der zerschundenen jungen Körper haben sich in sein Bewusstsein eingebrannt. Und ständig kommen neue dazu. Sieben Todesopfer auf Mallorca allein in diesem Jahr und zahlreiche weitere Verletzte. „Wir müssen abwarten, bis die Saison vorüber ist. Aber schon jetzt kann man sagen, dass es noch nie so viele waren wie in diesem Jahr", sagt Segura. „Zumindest ist die Zahl der Todesopfer höher als sonst."

Segura versucht nicht nur, diejenigen wieder zusammenzuflicken, die schnell eingeliefert wurden, sondern gemeinsam mit sechs Kollegen auch, die Hintergründe zu erforschen. In einer 2016 veröffentlichten Studie werteten sie Patientenakten, Laborbefunde und Gespräche mit Überlebenden oder Unfallopfern der Jahre 2010 bis 2015 aus. Darauf, wie es passiert. Und darauf, warum es keine Einzelfälle, sondern immer wieder auftauchende Phänomene sind. Balconing nennt Segura sowohl die beabsichtigten Sprünge vom Hotelbalkon in den Pool als auch die Abstürze beim Klettern über das Geländer. Zusammengenommen waren es in den fünf untersuchten Jahren 46 Fälle, einige weniger schlimm, andere tödlich.

Die Studienergebnisse sind klar strukturiert, ihre Zusammenfassung passt auf drei Din-A4 Seiten. Menschliche Dramen, zusammengestutzt auf sachliche Statistiken: 60 Prozent der Balconing-Opfer sind Briten, 15 Prozent Deutsche. 98 Prozent sind männlich und Touristen, im Durchschnitt 24 Jahre alt. 13 Prozent sprangen als Mutprobe, 87 Prozent stürzten aus anderen Gründen in die Tiefe. 2 Prozent verstarben, 96 Prozent hatten Alkohol konsumiert, 30 Prozent auch andere Drogen. Mentale Probleme hatte keines der Opfer. Suizidgedanken, die könne man bei allen ausschließen, so Segura. Doch was ist es dann?


Die Umstände

Nicole Blay Franzke hat beruflich viel über junge Leute und ihr Risikoverhalten geforscht. Jahrelang arbeitete die Psychologin für die NGO „Irefrea", die sich für Drogenprävention einsetzt. Mittlerweile betreibt sie eine Praxis für
Psychotherapie in der Palma Clinic. Es seien verschiedene Faktoren, die zusammenkämen, bei der Frage nach dem Warum. Zum einen habe es mit der Persönlichkeit des Einzelnen zu tun. „Es gibt den Typ sensation-seeker. Der braucht das Adrenalin, den Spiel- und Vergnügen-Kontext. Wenn er es gut kanalisiert, lebt er das durch Sport aus. Im ungünstigsten Fall durch waghalsige Aktionen", so Blay. Drogen und Alkohol seien der zweite Punkt. „Alkohol betäubt unsere Reflexe und motorischen Fähigkeiten, aber vor allem auch unser Gehirn." Gerade der Teil vorne, gleich hinter der Stirn, der präfrontale Cortex, sei bei Menschen unter 21 Jahren noch nicht vollständig ausgebildet. „Er hilft uns, Konsequenzen und Risiken zu bewerten, das fällt jungen Leuten in der Regel ohnehin schwerer. Wenn dazu dann der Alkohol kommt, verliert man die Kapazität, Entscheidungen zu treffen", so Blay. Zum Beispiel die Entscheidung, dass es keine gute Idee ist, sich betrunken in 20 Metern Höhe von einem zum anderen Hotelbalkon zu schwingen.
Und dann seien da natürlich die sozialen Faktoren. „Die typischen Balconing-Opfer kommen aus Ländern, in denen ihnen im Alltag viele Dinge vorgeschrieben werden. Dort existiert der soziale Glaube, dass man in Spanien, und gerade in Partyhochburgen wie Ibiza oder Magaluf, alles dürfe." So richtig die Sau raushängen lassen kann, ohne dass es wirklich Konsequenzen hat. Im schlimmsten Fall, denken sich viele, komme man 48 Stunden in die Ausnüchterungszelle und fahre dann wieder heim.


Die Kampagnen

„Es ist toll, wieder hier zu sein", sagt Simon Manley und strahlt in die Runde, als besuche er alte Freunde. Es ist der 6. Juli und der britische Botschafter ist vom Festland nach Magaluf gereist. Nicht zur Erholung, sondern zum Krisentreffen. Das Rathaus von Calvià hat es einberufen, und sie alle sind gekommen: die balearische Ministerpräsidentin Francina Armengol, die Vertreterin der Zentralregierung Rosario Sánchez, die Tourismusministerin Bel Busquets, Sicherheitskräfte, Ärzte. „Es ist tragisch", sagt Manley. Mittlerweile strahlt er nicht mehr, hat einen angemessen betroffenen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Immerhin seien zahlreiche der Opfer Briten. Dass eine neuartige Droge schuld sei, könne man nach dem ausgiebigen Informationsaustausch ausschließen. „Es ist der exzessive Konsum von Alkohol", sagt Manley. Man müsse den Bar- und Clubbetreibern stärker auf die Finger schauen, die junge Leute mit attraktiven Angeboten zum Trinken verleiten. „Und wir tun,was wir können, um ein angemessenes Verhalten der jungen Menschen zu fördern", fügt er hinzu.

Tatsächlich bemüht sich das britische Foreign Office seit Jahren, ihre jungen Landsleute zur Vernunft bringen. Anders als die deutsche Botschaft in Madrid reagierte Manley, als Son-Espases-Arzt Juan Segura vor gut zwei Jahren mit den Studienergebnissen bei den Ländervertretungen anklopfte und um Unterstützung bat. „Holiday win" – unter dem Motto gehen Mitarbeiter immer mal wieder an britischen Flughäfen auf Gruppen Jugendlicher zu, die im Begriff sind, auf die Insel zu reisen. Sensibilisierung nennt Manley das. Auch in den sozialen Netzwerken versucht es das Foreign Office mit Prävention. Ratschläge wie „Beug dich nicht zu weit über das Geländer" oder „Trinke nicht in Höhen" sind dort zu lesen. Zu fruchten scheint die Kampagne nicht.

„Mit Verboten oder Warnungen stößt man bei jungen Menschen oft auf taube Ohren", kommentiert Psychologin Nicole Blay. Auch Bilder von Opfern oder drastische Zahlen zeigen wenig Wirkung. Die Angesprochenen stellen auf Durchzug. „Menschen in dem Alter glauben, sie würden nie sterben und so etwas passiere immer nur den anderen. Sie denken: 'Ich kriege das schon hin'", so Blay. Um wirklich an sie heranzukommen, müsse man nicht auf das Negative, sondern auf das Positive abzielen. Ihnen Alternativen zu den Trinkgelagen schmackhaft machen, andere Freizeitmöglichkeiten betonen.

In dem kleinen Tourismusbüro zwischen der Avinguda Magaluf und Punta Ballena wird man davon geradezu überhäuft. Die Wände sind voller Plakate, die für Jetski, Strandausritte, Kartbahnen oder Wasserparks werben. „Pub Crawls oder andere Alkoholveranstaltungen vertreiben wir hier nicht", sagt die Mitarbeiterin hinter ihrer Theke und fügt nachdrücklich hinzu: „Natürlich nicht." Im Internet sieht es da anders aus. Zahlreiche Websites bewerben Angebote wie den Magaluf Club Pass: eine Woche lang ermäßigter Eintritt in viele Clubs und Discos im Ort, sowie sieben Nächte All-You-Can-Drink für 99 Euro, im Mai und September sogar nur 29 Euro.


Die Verantwortlichen

„Die Besitzer solcher Bars und Discos sollen sich mal bewusst machen, was sie damit zerstören", sagt Andreu Serra, seine Stimme klingt zornig. „Aber nein. Sie sind es, die auf keiner der Krisensitzungen erscheinen." Als stellvertretender Bürgermeister und Sicherheitsbeauftragter der Großgemeinde Calvià löst bei ihm jeder weitere Vorfall von balconing weit mehr als nur Betroffenheit aus. „Seit Jahren versuchen wir, gegen das Phänomen anzukämpfen." Durch Benimmregeln, Verbot von Alkoholwerbung, die schon von der Straße zu sehen ist, Bußgelder, die jeder bezahlen muss, der dabei erwischt wird, wie er auf Hotelbalkonen herumklettert oder andere dazu anstachelt. Viele der Regeln hängen sogar plakativ an Laternenmasten rund um die Partymeile, in Großbuchstaben, auf Englisch. Und doch: Zu bessern scheint sich nichts. „Doch", weist Serra deutlich zurück. „Wir haben schon viel erreicht." Die Partyzone begrenze sich mittlerweile fast ausschließlich auf Punta Ballena. Und andere Vorfälle, die auf übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen sind – Schlägereien oder Verkehrsunfälle zum Beispiel – seien zurückgegangen. Nur das balconing nicht.

„Balconing im herkömmlichen Sinne schon", widerspricht Sebastián Darder. Sein Büro gleich neben der ausladenden Rezeption des Hotels Sol Palmanova I ist angenehm klimatisiert. „Balconing, das ist für mich, wenn die Urlauber als Mutprobe in den Pool springen und sich dabei filmen, und das gibt es eigentlich gar nicht mehr", betont er. Überhaupt finde er den ganzen Wirbel um Magaluf ein wenig übertrieben. „Es macht sich in der Sensationspresse gut, deshalb werden die Fälle hier in den Medien immer wieder aufgebauscht. Dabei hatten wir doch dieses Jahr auch schon einen Fall an der Playa de Muro. Und einen in Porto Cristo." Darder vertritt 88 Hotels mit rund 30.000 Schlafplätzen. „Nur 2,6 Prozent davon sind Einrichtungen, die All-inclusive-Angebote haben und gleichzeitig auf junge Partytouristen spezialisiert sind", sagt er. Das seien 6.000 Betten. „Bei so vielen jungen Leuten ist es noch wenig, was hier passiert." 220 Millionen Euro hätten die Unternehmer in den vergangenen fünf Jahren investiert, 60 Prozent der Anlagen seien seitdem mit mindestens vier Sternen ausgezeichnet. „Und da zieht es keine jungen Partyurlauber hin." Er deutet auf eine Liste vor sich. Der Anteil des jungen Partyvolks habe 2013 noch bei 29 Prozent gelegen. „Und im vergangenen Jahr waren es nur noch 22 Prozent", sagt Darder triumphierend.

Es sind Statistiken, die etwas erklären sollen, das nur schwer auf einem Blatt Papier abzubilden ist. Und in denen auch nichts davon steht, was ist, wenn junge Leute sich im Hotel vertun. So wie Natalie, Thomas und Tom. Die drei starben in einer privaten Apartmentanlage, dem Eden Roc, einem schäbig wirkenden Komplex etwas abseits der Partymeile. Keiner von ihnen wohnte dort, alle gelangten aus Zufall dorthin, weil sie sich im Gebäude irrten, betrunken. Im Eden Roc sei baulich alles in Ordnung, heißt es im Rathaus. In 40 Jahren sei dort nie etwas passiert. Bis zu Natalies Todestag im April. Danach hätte man zusätzlich zur vorgeschriebenen Mindest-Geländerhöhe von 1,10 Metern weitere Barrieren eingebaut. Thomas und Tom stürzten trotzdem. „Wenn sich nach dem letzten Unfall wirklich etwas getan hätte, wäre das Tom niemals passiert", klagt Toms Vater John Channon in der britischen Presse.


Überblick: Alle Artikel zum Thema Balkonstürze


Tage später ist in den Inselmedien von weiteren Stürzen zu lesen. Ein junger Mann klettert an der Fassade eines Hotels bis zu einem Balkon im 3.Stock und springt von dort in den Pool. An der Playa de Palma, nicht in Magaluf. Er überlebt. Eine Frau, 25 Jahre alt, Ungarin, stürzt betrunken aus dem zweiten Stock in Arenal auf ein Auto. Die Schwerverletzte war mit ihrer Mutter in Urlaub, nicht mit Freunden. Ein junger Ire stürzt in Santa Ponça zwei Stockwerke tief. In ein Treppenhaus, nicht vom Balkon. Es sind Fälle, die nicht in die Statistik zu passen scheinen – oder eben doch.

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