01. März 2020
01.03.2020

Mallorca aus der Vogelperspektive

Ein nun auch auf Deutsch erschienener Führer zeigt, welche Vögel wann auf Mallorca anzutreffen sind. Zählungen belegen die Auswirkungen der Klimakrise

01.03.2020 | 01:00
Das Buch ist liebevoll illustriert.

Als Cati Artigues und ihr Lebensgefährte Toni Muñoz vor Kurzem durch ihren Wohnort Artà spazieren gingen, fiel ihnen plötzlich ein größerer Vogel auf, der direkt auf sie zuflog. „Es war schon dunkel, daher konnten wir zunächst nicht erkennen, um welches Tier genau es sich handelte", so die 52-jährige Ornithologin. Bis die Waldohreule (Asio otus) plötzlich nur wenige Zentimeter über ihre Köpfe hinwegsauste. „Diese Eulenart trifft man hier nur selten an, in der Stadt sind die Chancen sogar noch geringer", sagt Artigues. Gelegentlich halten sie sich aber in größeren, bewaldeten Arealen am Stadtrand auf, etwa um das Castell de Bellver herum, oder auch in Hotelgärten oder Parkanlagen mit einigen wenigen Kiefern.

Unter anderem solche Informationen können Leser jeden Alters im „Kleinen Leitfaden der Stadtvögel Mallorcas" nachlesen, den Artigues und Muñoz, Ornithologe beim mallorquinischen Umweltschutzverband Gob, 2018 in Zusammenarbeit mit dem Inselrat herausgegeben haben. Seit Januar gibt es den sehr schön gemachten und gut übersetzten 84-seitigen Führer kostenlos auch auf Deutsch (auf Nachfrage im Tourismusbüro des Inselrats im Flughafen sowie im Sitz der Inselregierung, Carrer Palau Reial, 1, in Palma).

Schon vor zehn Jahren hat Artigues damit angefangen, Vögel zu zeichnen. Einen Groß­teil der Bilder veröffentlichte sie zunächst in einem auf die Gemeinde Artà beschränkten Büchlein. Darauf basierend entstand später die umfangreichere inselweite Version, die etwa auch Wanderfalken (Falco peregrinus) ­abbildet, die in der Kathedrale von Palma beheimatet sind und dafür sorgen, die dortige Taubenpopulation im Rahmen zu halten.

Von den etwa 300 auf Mallorca vorkommenden Vogelarten haben Artigues und ­Muñoz die 60 ihrer Meinung nach wichtigsten und am häufigsten vorkommenden ausgewählt, illustriert und nach ihrem Lebensraum geordnet. „So kann der Leser, wenn er etwa in einem Café in Cala Ratjada sitzt und einen ­Vogel sieht, nach dessen Lebensraum suchen – in diesem Fall ,An der Küste' – und dann das ­lebende Exemplar mit den Zeichnungen vergleichen", sagt Artigues. Neben der Größe der Tiere, den sich oftmals ändernden Gefiederfarben und Schnabeleigenarten ist jeweils auch angegeben, ob es sich um Tiere handelt, die ganzjährig auf Mallorca leben. Oder ob es Sommer- oder Wintervögel oder Durchzügler sind, die auf ihrer Reise von Zentral- oder Nordeuropa nach Afrika nur einen Zwischenstopp auf der Insel einlegen, wie zum Beispiel der Mauersegler (Apus apus).

Ständig in Bewegung

Bevor Artigues die Tiere gezeichnet hat, musste sie noch mehr über ihr Verhalten herausfinden. Also hat sie sie über Jahre hinweg beobachtet und mit Block und Bleistift etwa ihre Haltung skizziert oder sich Notizen zu den Gefiederfarben gemacht. „Leider verschwinden meine Zeichenobjekte meist in Sekundenschnelle schon wieder. Für die Waldohreule etwa hatte ich neben meinen Erinnerungen zum Glück Fotos eines überfahrenen Exemplars. Trotzdem hat es mich von allen Tieren am meisten Zeit gekostet, sie zu zeichnen – eine ganze Woche. Beim Gefieder war extremes ­Detailzeichnen gefragt", so Artigues, die auch Vögel und Schlangen für in Naturparks auf­gestellte Schildern malt. Endgültig auf Papier gebracht hat sie die Vögel dann mit Aquarellfarben in ihrem Studio in Artà. Digital nachbearbeitet wurden sie nicht.

Toni Muñoz hat das Zeichnen ganz seiner Frau überlassen und sich vor allem um die Texte gekümmert. Der studierte Biologe beobachtete und zählte wie auch Artigues schon als Jugendlicher Vögel. Wenn jedes Jahr um den 15. Januar auf den Balearen und anderswo in Europa die Wasser-, und Sumpfvögel sowie Möwen erfasst werden, sind die beiden Teil des Teams aus 45 Ornitho­logen und bis zu 50 wei­teren Freiwilligen. Ende ­Januar hat das baleari­sche Umweltministerium die ­diesjährigen Daten ­bekannt gegeben.

Besorgniserregende Zahlen

Sie zeigen, wie sich etwa der Klimawandel auf die Migrationsbewegungen der Zugvögel auswirkt. So sind auf den Balearen zum einen mehr Vögel gezählt worden, die noch vor einigen Jahren den Winter außerhalb der Balearen in wärmeren Gebieten wie Afrika verbracht hatten, nun aber hier überwintern. Zum anderen sind deutlich weniger Vögel erfasst worden, die die Balearen sonst wegen der milden Winter aufsuchten.

Insgesamt zählte das Team aus Ornithologen und Freiwilligen auf den Balearen 16.061 Vögel, die 70 verschiedenen Arten angehören. „Dabei machen die in dem im Norden von Mallorca gelegenen Feuchtgebiet Albufera gesammelten Daten den größten Teil aus", sagt Toni Muñoz. Allein dort wurden 8.331 Vögel gesichtet, die 56 verschiedenen Arten angehören. In der nahe Port de Pollença gelegenen Albufereta erfassten die Experten bei der Zählung 1.882 Vögel von 36 verschiedenen Arten.

Anderswo ist es auch mild

Eine Vogelart, der es auf den Balearen mittlerweile im Winter schon zu warm sein soll,
ist der Kiebitz (Vanellus vanellus). Statt wie zwischen 2000 und 2010 an die 2.600 Tiere, wurden in der Albufera und Albufereta in diesem Jahr nur 565 gesichtet. Von der Graugans (Anser anser) zählten die Wissenschaftler sogar nur vier Exemplare, rund 60 weniger als in früheren Jahren. „Mit jedem Winter werden die Temperaturen milder. Seen, Bäche und Feuchtgebiete sind auch in den nördlicheren Gebieten immer seltener gefroren. Vielen Vögeln, die früher nach Spanien gekommen sind, reicht es nun, nach Frankreich oder Deutschland zu fliegen", erklärt Maties Rebassa, Leiter des Naturschutzgebiets Albufera, in dem schon seit Mitte der 80er-Jahre Vögel gezählt werden.

Dennoch, betont Manolo Suárez vom Gob, ist der Klimawandel nicht die einzige Ursache für Schwankungen in den Populationen. „Die Brut kann etwa wegen zu wenig Regen schlecht ausgefallen sein", so Suárez. Auch Krankheiten in den Herkunftsgebieten der Tiere können die Ergebnisse beeinflussen. Daher würden die Daten eines einzelnen Jahres nur wenig Aufschluss über den tatsächlichen Stand der Populationen geben. Vielmehr müsse man sie über Jahre hinweg miteinander vergleichen.

Balearen statt Afrika

Eine weitere Art, die laut Vermutungen der ­Ornithologen ihr Verhalten wegen des Klimawandels ändert, ist der Stelzenläufer (Himantopus himantopus). Statt lange Reisen nach ­Afrika auf sich zu nehmen, genüge ihm das im Winter auf den Balearen vorherrschende Klima. In den vergangenen 30 Jahren hätten die Stelzenläufer nur sporadisch in der ­Albufera überwintert, nun haben die Ornithologen dort 122 Tiere gezählt, eine Rekordzahl. Auch die Anzahl an Blesshühnern (Fulica atra) war in diesem Jahr deutlich höher als in den
Vorjahren. Über 900 Tiere kamen zusammen, laut dem Umweltministerium fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Die Zahl sei die höchste seit 2012. „Die Population wird langsam wieder stabil", heißt es vom Umweltministerium.

Im Naturpark Ses Salines auf Ibiza fiel bei der Zählung ein Schwarzstorch (Ciconia negra) auf. Die Art ist vom Aussterben bedroht und nur sehr selten zu beobachten. Auch die einst stark bedrohte Population der Milane sei zunehmend weniger in Gefahr. „Wir haben dafür gesorgt, dass weniger Tiere durch Rattengift sterben und auch Stromhäuschen isoliert", so Manolo Suárez.

Weiterhin als mit der meistgefährdete ­Vogel der Insel gilt der Balearensturmtaucher (Puffinus mauretanicus), den es nur auf den Insel gibt. Auch von den Steinröteln (Monticola saxatilis) gebe es nur noch weniger als zehn Paare. „Die Art brütet in über 1.000 Meter Höhe. Wenn der Klimawandel weiter fortschreitet, werden die Tiere dort bald gar keine Nahrung mehr finden", sagt Manolo Suárez. „Die Natur ist eben nicht statisch, sondern ständig in Bewegung", so der 54-Jährige. „Ob Umweltverschmutzung, Bebauung oder der Klimawandel: Unser ganzes Handeln wirkt sich früher oder später auch auf die Vogelwelt aus."

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