18. August 2011
18.08.2011

Zu Besuch beim Stierkampf auf Mallorca: Das Blut, die Wut und der Tod

Im Coliseo Balear in Palma fanden die einzigen "corridas" des Jahres statt. Der Protest war leidenschaftlich

18.08.2011 | 03:00
Protest gegen die Stierkämpfe in Palma

Das Flutlicht lässt den Degen des Toreros aufblitzen. Die Musik hat aufgehört, es ist totenstill. Mit einem Mal rammt El Fandi (David Fandila) das Stichwerkzeug bis zum Anschlag in den Nacken des dritten Stiers an diesem Abend. Die Beine des pechschwarzen Muskelpakets beginnen zu zittern, das Blut strömt literweise das Fell hinunter und tropft dunkelrot in den Sand. Das massige, noch vor wenigen Minuten quicklebendige Tier fällt auf die Seite und stößt ein mark­erschütterndes Todes-Muhen aus. Die Beine zucken in alle Richtungen. Es stirbt nicht sofort, so wie die ersten beiden von insgesamt sechs Stieren. Erst nach quälend langen Minuten gelingt es Helfern des Toreros, die Kreatur von ihrem Leid zu erlösen.

Ortstermin Coliseo Balear, Stierkampfarena von Palma. Dort hatte Thomas Gottschalk noch im Juni mit „Wetten, dass ..?" leichter verdauliche Unterhaltung geboten. Jetzt ist der 11. August, und es wird das veranstaltet, wozu die Arena gebaut worden war. Früher – vor allem in den 60ern – stiegen hier noch richtig viele Stierkämpfe. Das hat sich geändert: Die meisten Mallorquiner haben mit dem Stierkampf nichts mehr am Hut. Diese Kämpfe hier sind die einzigen in Palma im ganzen Jahr.

Die Arena ist nicht ganz voll, gekommen sind hauptsächlich Touristen. Osteuropäer, Italiener, Briten, relativ wenige Deutsche. Nach dem Todeskampf des dritten Stiers halten es einige Frauen, die vermutlich mit dem Versprechen, ein bisschen rustikalere spanische Folklore zu erleben, in Bussen hierher gelockt wurden, nicht mehr aus. In wehenden Abendkleidern bewegen sie sich tränenüberströmt in Richtung Ausgang. Auch viele andere Zuschauer, die nicht aus Spanien kommen, quittieren das archaische Spektakel mit betretenen Mienen. „Das alles ist faszinierend, aber auch krass", sagt Schifffahrtskaufmann Harald aus Bremen, der mit seinem Vater gekommen ist. Er hatte eine Tour aus einem Urlaubsort Cala Millor gebucht. Begeisterung sieht anders aus.

In der Arena sind aber auch einige Besucher beider Geschlechter auszumachen, die sich am Blutfluss und an den Gesten des Toreros, die heldisch wirken sollen, sichtlich ergötzen. Sie trinken Bier, essen Erdnüsse, lachen laut – ein Verhalten, wie es in den großen Stierkampfarenen des Festlandes eigentlich verpönt ist. Es schickt sich nicht im Angesicht des Todesrituals.

Von draußen hallen Schreie herein. „Torero, Feigling, Torero, Feigling!" Es sind die Sprechchöre der Protestler, die zu Hunderten erschienen sind, Tierschützer der Gruppen „AnimaNaturalis" und „Plataforma Animal". Draußen sind zumeist junge Menschen, drinnen ältere.

Auch draußen sind Deutsche. Zum Beispiel Ruth Baumann. „Vor dem Kampf wird dem Stier etwas in die Augen gespritzt, damit er nicht richtig gucken kann", sagt die Tierschützerin empört. „Und es wird ihnen auf die Hoden gehauen." Einige Demonstranten hatten sich vor Beginn der corrida fast gänzlich ausgezogen, mit roter Farbe beschmiert und samt Plakaten mit blutenden Stieren auf den Asphalt gelegt – nur etwa 100 Meter von den fein gemachten Gästen des Spektakels entfernt, denen Hassgesänge entgegengeschleudert wurden.

Das Polizeiaufgebot ist groß. Eine angejahrte Spanierin mischt sich unter die Protestler. „Was soll dieser Blödsinn?", faucht sie und gibt sich als aficionada, als Liebhaberin des Stierkampfs, zu erkennen. Ein alter Mann mit Gehstock brüllt fast entfesselt: „¡Viva España!" Ein Autofahrer reckt den Protestlern den Mittelfinger entgegen. Wie man zur corrida steht, ist auch auf Mallorca eine symbolisch stark befrachtete Frage.

In der Arena ist derweil der nächste Stier an der Reihe. Und wieder läuft das immer gleiche Ritual ab: Erst wird der Stier mit dem capote empfangen und ein paar Runden vom Torero geführt, dann rammt ihm einer der beiden auf einem gepanzerten Pferd sitzenden picadores eine Art Speerspitze in den Nacken, um ihn den Kopf absenken zu lassen. Der zweite von drei Toreros, El Cordobés, einer der Großen seiner Zunft, nimmt ihn wieder in Empfang und führt ihn den banderilleros zu, seinen Gehilfen, die dem Stier in den spanischen Nationalfarben gerüschte Spieße in den Rücken rammen.

Dann beginnt das letzte Drittel des Kampfes. Ab und zu spielt die Musikkapelle, die üblichen Olé-Rufe hallen durch das Coliseo. Das Tier wird immer schwächer, strauchelt wieder und wieder, wenn es auf das rote Tuch, die muleta, zustürmt. El Cordobés vollführt ein paar gefährliche Pirouetten und tötet den Stier am Ende gekonnt mit seinem Degen.

Die aficionados jubeln, zücken weiße Tücher, in Anerkennung der ihrer Ansicht nach kunstvollen und tapferen ­faena. Dem Tier wird ein Ohr abgeschnitten, das El Cordobés überreicht wird. Der Kadaver wird mit zwei Pferden ­herausgeschleift. Der Torero reckt den Zuschauern die Trophäe entgegen. Sein Kollege El Fandi wird am Ende der ­corrida ob seiner Leistung sogar auf Schultern aus der Arena getragen. Nachvollziehen können das hier nur die wenigsten.

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