27. Mai 2018
27.05.2018

Der Ferreret schlägt sich wacker auf Mallorca

Die mallorquinische Geburtshelferkröte ist weltweit einzigartig. Ihr Überleben scheint mittlerweile gesichert

27.05.2018 | 01:00
Der Ferreret schlägt sich wacker auf Mallorca

Er ist ein Winzling, hat sich bis in die obersten Winkel der Tramuntana verkrochen, wo ihm seine Feinde nichts anhaben können – und es steht erfreulich gut um ihn. Nachdem es zwischenzeitlich ziemlich düster um die Zukunft des Ferrerets aussah, hat sich die Population der mallorquinischen Geburtshelferkröte dank aufwendiger Artenschutzprogramme inzwischen wieder stabilisiert. Und das in einem Fall sogar fernab des angestammten Verbreitungsgebietes.

Mit dafür verantwortlich ist Samuel Pinya, Biologe an der Balearen-Universität. Der 38-Jährige aus Palma beschäftigt sich schon seit knapp 20 Jahren mit der auf Latein Alytes muletensis genannten Kröte, die maximal vier Zentimeter groß werden kann. Mitte April ist sein jüngstes Buch erschienen „El ferreret". Darin hat Pinya für Laien in einfacher Sprache alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengefasst, die bisher über den Mallorca-Sonderling gesammelt wurden. Das Buch ist bislang nur auf Katalanisch erschienen, bis Anfang 2019 soll eine Übersetzung ins Englische vorliegen.

Etwa 60 Mal im Jahr seilt sich der in Calvià lebende Unidozent in eine abgelegene Schlucht in der Sierra de Tramuntana ab. Hier, in je nach Jahreszeit mit mehr oder weniger Wasser gefüllten Gumpen und Felsspalten des Karstgebirges befinden sich die meisten Kröten-Kolonien. Während sich Pinya anfangs um die jungen Kaulquappen gekümmert hat, untersucht er nun vor allem die erwachsenen Ferrerets. „Nur so kann ich Informationen zur aktuellen Situation und zur Überlebensquote der Populationen sammeln", erklärt der Familienvater.

Pinya vermisst die Tiere zunächst. Anhand der Rückenlänge, die bei Weibchen mit rund 38 Millimetern im Schnitt größer ist als die der Männchen (34,8 Millimeter), und der Größe des Trommelfells – hier wiederum gewinnen die Männchen – kann er ihr Geschlecht bestimmen. Danach wiegt Pinya die Kröten – auch, um herauszufinden, ob die Weibchen Eier im Bauch tragen. Dann bringen sie mehr als sechs Gramm auf die Waage. Bei den Ferrerets kümmern sich später vor allem die Männchen um den Nachwuchs: Drei Wochen lang tragen sie die vom Weibchen abgelegten Eier zwischen ihren Beinen, bevor die Kaulquappen schlüpfen. Das Tragen dieser Last verkürzt die Lebenszeit der Männchen auf dreieinhalb Jahre gegenüber den Weibchen, die im Schnitt auf fünf kommen.

Andere Arten von Geburts­helferkröten gibt es auch anderswo, aber nirgends sind sie so klein und so gute Kletterer wie auf Mallorca. Der Ferreret hat sich über die Jahrhunderte immer weiter in die für seinen Fressfeind, die Vipernatter (Natrix maura), schwer zugänglichen Felsspalten hoch oben im Gebirge zurückgezogen – so weit, dass die Wissenschaft bis 1980 gar nicht mit Sicherheit wusste, ob es ihn überhaupt noch gab. Erst entdeckte man ein Fossil, dann erst die lebenden Exemplare.

Und das Überleben der Spe­zies war keineswegs gesichert. Nur noch etwa 14.000 Kaulquappen, auf elf Populationen verteilt, zählten die Wissenschaftler 1991.

Zwei Artenschutz-Kampagnen sind bislang zur Rettung der Geburtshelferkröte aufgelegt worden, eine dritte ist bereits in Planung. Zunächst ging es vor allen Dingen um die Eindämmung der einst von den Römern eingeschleppten Vipernatter. Diese Wasserschlange wird zusammen mit der Ausbreitung von Landwirtschaft und Bebauung dafür verantwortlich gemacht, dass die mallorquinische Geburtshelferkröte aus weiten Teilen der Insel verschwand.

Samuel Pinya hält bei seinen Exkursionen ins Gebirge ständig nach ihnen Ausschau: Sieht er eine Schlange, die den Kröten gefährlich werden könnte, versucht er sie einzufangen, um sie später beispielsweise im Naturschutzgebiet Albufera wieder auszusetzen.

Die zweite große Bedrohung ist der Pilz Batrachochytrium dendrobatidis, der weltweit den Amphibienbeständen zusetzt. Er beschädigt die Haut der Tiere, die dadurch austrocknen. Auf den Balearen wurde der Pilz erstmals 2006 entdeckt – die Befürchtungen waren groß, dass er auch das Ende des Ferrerets mit sich bringen könnte: Pinya und seine Mitstreiter stellten den Pilzbefall in zwei der Popula­tionen fest.

Die Bekämpfung ist aufwendig: Die Ferrerets und ihre Kaulquappen werden eingesammelt und mit Anti-Pilz-Bädern behandelt, während die Gumpen entleert und desinfiziert werden. Erst dann werden die Tiere wieder ausgesetzt. Die Behandlung begann 2013. Erst drei Jahre später konnte für einer der beiden Populationen Erfolg gemeldet werden: Der Pilz war beseitigt worden – weltweit bisher der einzige Fall, bei dem dies gelang. Die zweite befallene Gruppe Ferrerets wird derzeit noch behandelt.

30.000 Kaulquappen und 35 Populationen hat die jüngste Zählung ergeben, im Vergleich zum Jahr 1991 ein erheblicher Fortschritt. Eine dieser Populationen lebt in der Serra de Levant bei Artà. Es handelt sich um Kaulquappen, die aus der Sierra de Tramuntana geholt, in Gefangenschaft gezüchtet und dann bei Artà wieder ausgesetzt wurden. So wollen die Wissenschaftler testen, ob die Ferrerets es auch schaffen, sich außerhalb der Schluchten im Tramuntana-Gebirge fortzupflanzen. Laut Pinya funktioniert das bislang gut. Die Population wachse.

Während man sich um Kröten in den natürlichen torrents weniger sorge, bräuchten die, die an vom Menschen konstruierten Orten wie Brunnen oder Teichen leben, generell mehr Hilfe. So müssten etwa Fissuren im Gemäuer repariert werden, damit das für die Kröten überlebenswichtige Wasser nicht austrete. „Die Menschen haben mit der Vipernatter den Hauptfeind der Ferrerets mit auf die Insel gebracht. Nun sind wir ihm Hilfe schuldig, damit er überleben kann", resümiert Pinya.

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