Entrevista | Aniol Esteban Leiter der Meeresschutz-Stiftung Marilles

"Wenn auf Mallorca in der Hochsaison Strände wegen Fäkalwassers gesperrt werden, schießen wir uns selbst ins Knie"

Der Meeresschützer Aniol Esteban versteht nicht, warum auf der Insel das Thema Abwasser im Meer so gemächlich angegangen wird

Immer wieder dasselbe Spiel: Hat es stärker geregnet, weht die rote Flagge an den Stadtstränden von Palma.

Immer wieder dasselbe Spiel: Hat es stärker geregnet, weht die rote Flagge an den Stadtstränden von Palma. / B. Ramon

Alexandra Wilms

Alexandra Wilms

Aniol Esteban ist Meeresbiologe und Leiter der 2015 gegründeten Meeresschutz-Stiftung Marilles. Ende September feierte die Stiftung einen zumindest symbolischen Erfolg: Im Balearen-Parlament unterzeichneten alle Parteien – außer Vox – mit dem „Blaue-Balearen-Pakt“ eine Absichtserklärung, in Sachen Meeresschutz aktiv zu werden. Die MZ hat ihn zum Thema Abwassereinleitung befragt.

Wenn Strände wegen Wasserverschmutzung gesperrt werden, geschieht das zum Schutz der Menschen – aber was macht das ungeklärte Abwasser mit den Bewohnern des Meeres?

Das Meerwasser verliert seine Transparenz, das Licht gelangt nicht mehr so weit auf den Meeresboden, und die Meerespflanzen können in tieferen Regionen keine Fotosynthese mehr bilden. Algen und Seegras sind aber Lebensraum für unzählige Arten, die somit ebenfalls gefährdet sind.

Wird genug unternommen, um das Problem zu bekämpfen?

Nein, da haben wir bisher versagt. Das Thema ist von den Parteien zu lange als politische Waffe missbraucht worden, und so ist wichtige Zeit verloren gegangen. Das ist allein schon mit Blick auf den Tourismus unverständlich. Wenn auf Mallorca in der Hochsaison Strände wegen Fäkalwassers gesperrt werden, schießen wir uns doch selbst ins Knie. Da reicht eine Schlagzeile in der „Bild“ oder der „Daily Mail“, um das Image der Inseln schwer zu beschädigen.

Der Meeresbiologe Aniol Esteban leitet die Meeresschutzstiftung Marilles.  | FOTO: BENDGENS

Der Meeresbiologe Aniol Esteban leitet die Meeresschutzstiftung Marilles. / Nele Bendgens

Wo hakt es am meisten? Bei den Kläranlagen?

Nicht nur. Da weiß man wenigstens, welche defizient sind und modernisiert werden müssen, und für einige hat die Zentralregierung in Madrid auch schon entsprechende Gelder zugesagt. Die große Unbekannte, der unsichtbare Feind ist das Kanalisationsnetz der Gemeinden. Niemand weiß, wie viel ungeklärtes Abwasser aus defekten Rohren, von Privathaushalten oder von Unternehmen ins Meer gelangen. Wir fordern eine genaue Prüfung und Überwachung der Wasserqualität an den Küsten, um entsprechende Defizite aufzudecken. Unsere Stiftung finanziert derzeit entsprechende Studien, um zu beweisen, dass es viel mehr verunreinigte Buchten gibt als derzeit bekannt.

Palma hat mittlerweile immerhin ein neues Regen-Überlaufbecken …

Es gab durchaus große Schritte in die richtige Richtung. Aber um wirklich etwas zu erreichen, muss man mittel- und langfristig planen, das kostet Geld und Zeit und muss eine Priorität aller Parteien sein. Dass nun beide großen Parteien auf den Inseln unseren „Blaue-Balearen-Pakt“ unterzeichnet haben, stimmt uns zumindest optimistisch. Aber es ist ja nur eine Absichtserklärung, jetzt müssen Taten folgen. Wir verfolgen aufmerksam, ob im Etat für 2024 wie von uns gefordert ein Prozent für die Erhaltung und den Schutz des Meeres enthalten sein wird – zusätzlich zu den Investitionen in die entsprechenden Infrastrukturen.

Die neue Landesregierung hat gar ein eigenes Ministerium für Meer und Wasser eingeführt.

Nun muss sich zeigen, ob auch entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Das geht nicht nur dieses eine Ministerium an, sondern auch die für Tourismus, Finanzen und Landwirtschaft zuständigen Behörden.

Der zuständige Minister Lafuente hat angekündigt, die Verbesserung des Wasserkreislaufs unter anderem mit Mitteln aus der Tourismussteuer zu finanzieren.

Das wird negative Konsequenzen haben, da für viele andere Bereiche wie Küstenschutz, Regulierung der Fischerei oder die Verbesserung der marinen Lebensräume somit weniger Gelder zur Verfügung stehen. Es ist unabdingbar, dass im Haushaltsetat spezifische Gelder für all diese Ziele veranschlagt sind.

Wird sich die Situation des Meeres mit der neuen Landesregierung verbessern oder veschlechtern?

Ich bin von Natur aus Optimist. Auch wenn die Konservativen in der Vergangenheit nicht gerade für Umweltschutz standen, hoffe ich, dass sich das geändert hat. Wenigstens bestreitet die PP mittlerweile nicht mehr den Klimawandel und setzt auch auf erneuerbare Energien, statt sie steuerlich abzustrafen. Zudem ist ein sauberes und gesundes Meer ein touristisches Aushängeschild für die Inseln. Und ich möchte betonen, dass der „Blaue-Balearen-Pakt“ ja nicht nur von uns Meeresschützern aufgesetzt wurde. Die Forderung für konkrete Schutzmaßnahmen ist von allen großen Unternehmen der Inseln, also von der Privatwirtschaft, unterzeichnet worden. Und diese klare und deutliche Botschaft wird die Politik nicht mehr ignorieren können.

Abonnieren, um zu lesen