29. Juni 2018
29.06.2018

Lotsen-Ärger bei Mallorca-Flügen: Marseille umfliegen ist nicht so leicht

Warum der Lotsenstreik in Frankreich voraussichtlich noch bis Herbst den Flugplan durcheinanderwirbeln wird

29.06.2018 | 01:00
Nadelöhr zwischen Deutschland und Mallorca: Das „Fluginformationsgebiet" Marseille ist ganz schön groß, Umfliegen nur selten eine Lösung.

Palmas Lotsen bald vor Gericht

  • Knapp acht Jahre nach dem Zwischenfall im Kontrollzentrum von Palmas Flughafen, bei dem Lotsen reihenweise ihren Arbeitsplatz verlassen und ein Flugchaos ausgelöst hatten, wird nun der Prozess vorbereitet. Das balearische Oberlandesgericht will 82 Lotsen wegen Arbeitsverweigerung zur Verantwortung ziehen.
  • Auf eine Anklage wegen des spanischen Delikts des Aufruhrs soll verzichtet werden, falls sich die Lotsen im Gegenzug schuldig bekennen. Auf diese Weise kämen sie mit einer Geldbuße davon, andernfalls drohen Haft und Berufsverbot.
  • Ende 2010 war ein Streit mit der Zentralregierung um Privilegien, Überstunden und Gehälter eskaliert. Als die Reformen forciert wurden, meldete sich ein Großteil der Lotsen krank. Der Luftraum wurde geschlossen, der Flugverkehr kam zum Erliegen.
  • Auf das Chaos reagierte die Regierung kurzfristig mit einer Militarisierung der Kontrollzentren, langfristig mit einer Privatisierung der Ausbildung und eines Teils der Flugkontrolle.

Fluglotsin Ana Manuel kommt gerade von der Nachtschicht im Tower von Palmas Airport. Auch wenn nachts auf Son Sant Joan deutlich weniger los ist als tagsüber, haben die Lotsen in letzter Zeit auch in dieser Schicht mehr zu tun. „Wenn die Kollegen in Frankreich streiken, gibt es hier auch Flüge um 3 Uhr nachts", erzählt Ana Manuel beim morgendlichen Treffen in der Flughafenkantine.

Die Fluglotsen in Marseille sorgen auf den Flügen zwischen Mallorca und Deutschland für Turbulenzen: Stets am Wochenende treten sie in den Ausstand, und der Luftraum über Frankreich wird zum Nadelöhr. Das geht schon seit mehreren Wochen so – und soll den ganzen Sommer über anhalten, wenn keine Einigung gefunden wird. Am vergangenen Sonntag (24.6.) mussten 59 Mallorca-Flüge gestrichen werden, am Samstag 41. Zahlreiche weitere Flüge waren verspätet.

Nicht nur die Passagiere sind verärgert, auch Airlines und Politik schlagen Alarm: Allein im Mai seien europaweit 117.000 Flüge verspätet gewesen – knapp zwei Drittel wegen Streiks und Personalmangels, kritisiert Ryanair-Chef Michael O'Leary. Die Verantwortlichen für die Flugüberwachung nähmen einen möglichen „Kollaps" in Kauf. Auch die Iberia-Mutter IAG forderte die EU sowie die Regierungen zu Sofortmaßnahmen auf.

Die derzeitigen Streiks sind Protestaktionen gegen die Regierung unter Staatspräsident Emmanuel Macron, der rund 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen will. Warum aber ein innenpolitischer Konflikt die Flugpläne in ganz Europa über den Haufen wirft, erklärt Fluglotsin Manuel: Da speziell im Kontrollzentrum von Marseille infolge des Streiks weniger Lotsen zum Dienst erscheinen, wird auch die Zahl der Flugzeuge reduziert, die pro Stunde den dortigen Luftraum durchqueren dürfen. „Die Zahl der Flugbewegungen pro Lotse und Sektor ist gedeckelt."

In Folge übernimmt Eurocontrol in Brüssel, die europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt, die Koordinierung und schlägt den Airlines alternative Routen vor, die südlich oder nördlich um den Luftraum von Marseille herumführen. Dann ist der Ball wieder im Feld der Airlines: Diese müssen entscheiden, ob sie massive Verspätungen bei Beibehaltung der Route in Kauf nehmen, einen Umweg vorziehen – und dabei ebenfalls deutlich mehr Zeit einkalkulieren müssen –, oder den Flug ganz und gar absagen.

Ein Blick auf die Karte zeigt, warum Umfliegen einfacher gesagt ist als getan: Das Fluginformationsgebiet (Flight Information Region, FIR) Marseille beginnt gleich östlich von Menorca, reicht im Süden bis hinunter nach Sardinien, umfasst Korsika und stößt im Nordosten an die italienische sowie schweizerische Grenze. Eine südliche Umrundung über algerischen, tunesischen und italienischen Luftraum bedeute, dass ein Flieger aus Palma beispielsweise statt wie geplant um 20 Uhr erst um 22 Uhr in Berlin ankomme, erklärt Flugpilot José Carlos Sánchez Cobos. Hinzu komme, dass die in den betroffenen Gebieten bereits programmierten Flieger Vorrang hätten, man deswegen auf frei werdende Zeitfenster angewiesen sei. Angesichts der engen Zeitpläne der Airlines und der knapp bemessenen Verfügbarkeit von Maschinen und Crews führe deswegen oft kein Weg daran vorbei, den Flug ganz abzusagen. Ähnlich sehe es mit der nördlichen Umfliegung aus, hier führt die Route über FIR Bordeaux und FIR Paris.

Während das allgemeine Verständnis für die Streiklust der Franzosen im Sinkflug ist, demonstrieren die Lotsen in Palma Solidarität mit den Kollegen in Marseille. Schließlich ist auch in Spanien das Verhältnis zum Arbeitgeber, dem staatlichen Luftverkehrsnetz Enaire, gespannt. Die Wogen nach dem Chaos von 2010 haben sich nur allmählich geglättet (Kasten). Jahrelang wurden keine neuen Stellen ausgeschrieben. Inzwischen sind spanienweit 17 Tower privatisiert, darunter auch Ibiza. Die dortigen Lotsen wurden unter anderem nach Palma versetzt und linderten den Personalnotstand etwas. Doch nach wie vor gebe es viele Extra-Schichten für eine insgesamt überalterte Belegschaft, so Ana Manuel.

Zudem ist auch in Spanien ein Lotsenstreik möglich. Es brodelt im Kontrollzentrum von Barcelona, das ebenfalls zum Nadelöhr für Mallorca-Flüge zu werden droht. Die Gewerkschaften fordern eine Aufstockung des Personals von 289 auf 380 Mitarbeiter, um den Betrieb zu „normalisieren". Ein für Juni geplanter Streik wurde nur deswegen ausgesetzt, um der neuen sozialistischen Regierung in Madrid Zeit für einen Vorschlag zu geben. Zwar schafft Enaire inzwischen wieder Lotsenstellen, nachdem die Ausbildung reformiert und verkürzt wurde. Doch der Nachholbedarf ist nach Ansicht der Gewerkschaften vor allem wegen des zunehmenden Flugverkehrs immens.

Doch auch wenn die Lotsen in Spanien den Aufstand proben sollten, haben sie weniger Handhabe als ihre Kollegen in Marseille. Streiks sind in Spanien strenger reglementiert: Die Regierung legt den Mindestbetrieb fest – und der kann auch mal bei 100 Prozent liegen. Im balearischen Verkehrsministerium wird insbesondere beklagt, dass die französischen Lotsen quasi ohne Vorlauf streiken könnten – während in Spanien eine Frist von zehn Tagen für die Ankündigung gilt.

„Es ist wie ein Lotteriespiel", meint Pilot Sánchez Cobo. Wenn die Lotsen von Marseille streiken, werde kurzfristig und in Abhängigkeit von vielen Faktoren eine Lösung gesucht, damit der Flug doch noch stattfinden könne. In einem Blogbeitrag bei Enaire ist in Anspielung auf die Chaostheorie gar von einem Schmetterlingseffekt die Rede, den die Lotsen auslösten. Umgekehrt weisen die Gewerkschaften darauf hin, dass der Streik auch so manches Problem im Betriebsablauf der Airlines verdecke und diesen nicht jede Flugstreichung ungelegen komme.

Eine Lösung wäre nach Ansicht von Sánchez Cobo die Durchsetzung des einheitlichen europäischen Luftraums, wie ihn die EU unter dem Stichwort Single European Sky seit den 90er-Jahren anstrebt. Darin wären nicht mehr Ländergrenzen und nationale Tarifverträge ausschlaggebend, vielmehr würde eine begrenzte Zahl von Luftraumblöcken den derzeitigen Flickenteppich ersetzen. Doch davon sei man noch weit entfernt, meint Sánchez Cobo – auch der Ärger mit den Streiks würde daran nichts ändern.

In diesem Sommer müssen sich die Passagiere also weiter auf Turbulenzen im Flugplan einstellen. Zwar soll der Generalstreik in Frankreich am 2. Juli zu Ende sein. Doch die Lotsen wollen noch bis September an den Wochenenden streiken. Für den 5. Juli ist auch noch ein Ausstand in den italienischen Kontrollzentren angekündigt.

Kommentar: Schluss mit der Kleinstaaterei am Himmel über Europa

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