Ein Arbeitstier, das gerne auch mal faul ist

29.05.2008 | 02:00
Schau mir in die Augen, Kleines: Katharina Thalbach mit Kollegin Andreja Schneider (gr. Foto) und im MZ-Gespräch.
Schau mir in die Augen, Kleines: Katharina Thalbach mit Kollegin Andreja Schneider (gr. Foto) und im MZ-Gespräch.

Berühmt als Schauspielerin, Theater- und Opernregisseurin, Hörbuch-Sprecherin, Sängerin, im Kino etwa in der „Blechtrommel" zu sehen, im Theater in „Mutter Courage", im Fernsehen in „Die Manns". Unvergessen, wie sie als Regisseurin die Rolle des schwer kranken Harald Juhnke als „Hauptmann von Köpenick" übernahm. Die Biografie der Katharina Thalbach ist umfangreich, für den Gesprächspartner bisweilen erschlagend. Wie tritt man dieser Persönlichkeit des deutschen Schauspiels gebührend gegenüber, wie vermeidet man allzu banale Fragen?

Die erste Frage stellt sie. „Die Fußballer sind doch gerade hier. Haben Sie auch Schweini interviewt? Den finde ich gut. Nicht als Mann, aber als Spieler." Ein Fußballfan also. Katharina Thalbach trägt an diesem verregneten Nachmittag ein Piratentuch und Sonnenbrille. „Wegen eines Moskitostichs, ich seh schlimm aus." Sie schiebt ihre Sonnenbrille herunter und lacht, ihre berühmten Kuller-augen, die ihr in vielen Filmen eine Aura aus Erotik und Unschuld verliehen hatten, leuchten freundlich. Vor der Thalbach braucht man keine Berührungsängste zu haben. Sie ist zierlich, hemdsärmelig, lässt mit rauchiger Stimme gerne mal einen kernigen Spruch los. Man darf die Tochter von Regisseur Benno Besson und der Schauspielerin Sabine Thalbach fragen, ob sie einen anderen Beruf ergreifen wollte. „Ich wollte eigentlich Ägyptologie studieren. Dann ist durch den frühen Tod meiner Mutter alles anders geworden." Mit 15 debütierte sie als Hure Betty in der „Dreigroschenoper".



Katharina Thalbach wird häufig als Arbeitstier beschrieben, was nicht verwunderlich ist, wenn man wie sie auf so vielen verschiedenen Hochzeiten tanzt. Selbst auf Mallorca macht sie keinen Urlaub. Wie kommt man darauf, nach Mallorca zum Arbeiten zu kommen? „Wenn man das große Glück hat, Guido zu kennen und in seinem Haus zu wohnen. Das hier ist für mich Mallorca." Guido, das ist der Designer Guido Maria Kretschmer, den sie vor drei Jahren kennengelernt hat und mit dem sie ein Oscar-Wilde-Stück inszeniert hat. „Guido hat die zauberhaften Kostüme gemacht, Andreja hat mitgespielt."



Andreja Schneider, Kollegin und Freundin von Katharina Thalbach, sitzt mit in der Runde. Die Schauspielerin hat sich auf deutschen Bühnen als Mitglied der kabarettistischen ­„Geschwister Pfister" einen Namen gemacht. Als „Zwei auf einer Bank" wird sie mit Katharina Thalbach ab dem 17. Juni in der Berliner „Bar jeder Vernunft" ihre Lieblingslieder singen, dabei in einer fiktiven Geschichte spielen. „Ich bin sehr froh, dass ich Katharina überreden konnte. Ich war immer davon überzeugt, dass Singen glücklich macht, und Katharina kann man das ansehen", sagt Andreja Schneider. Katharina Thalbach ergänzt: „Wir sind schwanger mit den Liedern und Texten hierher gefahren. Auch wenn es regnet und auch wenn ich so einen blöden Moskito-Stich habe: Es macht einfach Spaß."



Freilich wird das Gesangsprojekt nicht Thalbachs einzige Arbeit sein: Das Shakespeare-Stück „Wie es Euch gefällt" wird noch in diesem Jahr im Theater am Kudamm aufgeführt ebenso wie „Der Barbier von Sevilla" in der Deutschen Oper - beide inszeniert von Katharina Thalbach. Bis 2012 wird sie jedes Jahr eine Oper auf die Beine stellen.



Dazwischen hat sie noch Zeit gefunden, Filme zu machen. „Du bist nicht allein", die hochgelobte Sozialstudie mit Axel Prahl, oder davor den Kinderfilm „Hände weg von ­Mississippi" von Detlev Buck. „Ein richtiger Sommer-Kinderfilm. Was wunderschön war: Von Gesetzes wegen dürfen wir mit Kindern nicht so lange drehen. Dadurch hatten wir viel mehr Drehtage und konnten das Leben nach dem Drehen genießen."



Hat sie auch noch Zeit für ihre richtige Familie: Tochter Anna, ebenfalls erfolgreiche Schauspielerin, ihre Enkeltochter, ihren Freund („Der ist Koch und es ist ganz wunderbar, nicht übers Schauspielen reden zu müssen"), fünf Geschwister, Tanten, Onkel? „Klar, ich liebe meine Blutsfamilie. Aber ich habe eben auch meine künstlerische Familie." Da kommt die Blutsfamilie auch schon mal ein bisschen zu kurz. „Das ist schwierig in diesem Job. Die Kinder müssen lernen, dass man oft weg ist. Man muss sehen, wie man das auf die Reihe kriegt." Bei ihrer Enkelin sähen aber sowohl sie als auch ihre Tochter zu, dass sie nicht allein ist. „Ich war da brutaler, muss ich zugeben. Aber wir sind ja eh alle Weicheier geworden, wenn man bedenkt, was unsere Vorfahren durchgemacht haben: Hunger, Diktatur, Krieg." Katharina Thalbach ist in der damaligen DDR aufgewachsen, musste im Zuge der Biermann-Proteste 1976 das Land verlassen. Trotzdem sagt sie: „Ich möchte nicht woanders groß geworden sein. Ich bin froh, das Experiment Sozialismus kennengelernt zu haben, auch wenn es nicht geglückt ist. Der Kapitalismus ist für mich nicht unbedingt die erstrebenswerteste Gesellschaftsform."



Die Produkte der kapitalistischen und US-amerikanischen Filmindustrie sehe sie sich aber gerne an. „Ich hatte ja das Glück, in einem oscarprämierten Film mitzuwirken („Die Blechtrommel", Anm. d. Red.)." Danach habe es auch Anfragen aus Hollywood gegeben. In dem „Dschungel" von Los Angeles aber habe sie sich nicht behaupten wollen. „Der Gedanke, außerhalb meiner Sprache arbeiten zu müssen, fiel mir damals schwer. Jetzt hat sich die Frage ja auch altersmäßig geklärt, ich bin eine 54-jährige Trutsche." Gelächter. „Wenn Sie aber mal eine fiese KZ-Aufseherin brauchen, hier bin ich."



Bliebe noch die Sache mit Harald Juhnke und dem „Hauptmann von Köpenick", wie war das damals genau, als sie selbst die Rolle des Hauptmanns übernahm? „Ich hatte das Gefühl, es wäre ein Fremdgehen gewesen, wenn ich einen anderen Schauspieler gefragt hätte. Weil ich das als Regisseurin und als Frau gemacht habe, war klar: Man kann Harald nicht ersetzen. Nach meinem ersten Auftritt hat er gesagt: ,Kathi, das reicht, ich komme wieder.´ Das war als therapeutische Maßnahme sehr hilfreich. Später ging es jedoch nicht mehr."



Und dann plötzlich dieses Bekenntnis zum Abschied. „Ich bin sehr gerne faul! Ich hätte nichts dagegen, alle fünf gerade sein zu lassen. Vielleicht darf ich ja noch mal kommen." Aber gerne, Frau Thalbach. Zum Urlaubmachen.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

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