Aller Anfang auf Mallorca ist schwer: Erfahrungen einer Familie aus Rosenheim

14.08.2008 | 02:00
Familie Nitsche mit Hund Lonny auf einem ihrer Montaincarts. Im Hintergrund das Dorf Moscari.
Familie Nitsche mit Hund Lonny auf einem ihrer Montaincarts. Im Hintergrund das Dorf Moscari.

Dass sie drei Wochen nach ihrer Ankunft auf Mallorca aus Angst vor der Mitbewohnerin hinter verbarrikadierten Türen schlafen würden und einen Tag später mitten in der Nacht unter Bewachung der Guardia Civil ihre notwendigsten Sachen aus dem neuen Zuhause holen würden, hatten sich Gundomar Nitsche (52) und seine Frau Christiane (34) daheim im bayerischen Rosenheim nicht im Traum vorgestellt. ?Wir hatten schon mit Problemen gerechnet, aber mit so etwas doch nicht", sagen die Eltern von Santina (4), Laetizia (3) und Julietta (5 Monate). Der dramatische Rausschmiss aus dem Haus in sa Calobra Anfang Juli war der bisherige Super-Gau im neuen Leben der Familie auf der Insel.



Dabei sollte Mallorca eigentlich das Gegenprogramm zu dem jahrelangen Extrem-Stress sein, der hinter Gundomar Nitsche liegt. ?Ich habe Wochen gehabt, da hab ich nur 18 Stunden geschlafen", erzählt der ehemalige Lagermeister einer Tiefkühlfirma. Neben der eigenen Arbeit im Schichtdienst half er am Wochenende in der Ich-AG seiner Frau und kümmerte sich um seine schwerbehinderte Mutter. Als die Mutter vor zwei Jahren starb, schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, mit den jahrelang gehegten Auswanderungsplänen ernst zu machen. Ein eigenes Geschäft wollten sie aufbauen. Sie dachten an Nasseisproduktion und Sauerstofftherapie.



Schließlich las Christiane Nitsche einen Artikel über sogenannte Mountaincarts in der Zeitung. Die Geschäftsidee war geboren: Sie würden Tal-Fahrten mit den modernen Dreirädern auf der spektakulären Serpentinen-Strecke nach sa Calobra anbieten. Und so viel an der frischen Luft sein. ?Da ist die Arbeit dann eher wie ein Hobby", sagt Christiane Nitsche. Die notwendigen Genehmigungen für die Montaincart-Fahrten auf der schmalen Straße, auf der kaum zwei sich entgegenkommende Autos Platz finden, wollten sie sich vor Ort besorgen. Spanisch lernen könnte man dort auch noch. ?Im touristischen Bereich ist das doch nicht unbedingt nötig", sagt Gundomar Nitsche.



Mitte April flog er nach Mallorca, um für sich und seine Familie eine Bleibe zu suchen. Er klebte Handzettel, eine deutsche Frau meldete sich. Das Angebot klang gut: ein Haus direkt an der Sa-Calobra-Straße. Im Juni packten die Nitsches einen Anhänger mit ihrer Habe, Hund Lonny und sieben Mountaincarts voll und düsten los. Das Abenteuer Mallorca nahm seinen Lauf: Schon bei Memmingen im Allgäu platzte der Reifen des Anhängers, zwei Tage später, wenige Meter vor dem Ziel, blieb ein Rad des Anhängers in einem Schlagloch hängen, und die Schwinge riss weg. Beim Versuch, den Hänger zu befreien, holte sich Gundomar Nitsche einen Bandscheiben-Vorfall. ?Ich konnte mich 14 Tage nicht bewegen."



Knatsch in der WG

Doch die wahren Probleme sollten erst noch kommen. Zwischen den Nitsches und der Bewohnerin des Hauses erschwerte ein offenbar gewaltiges Missverständnis das Zusammenleben. Während die Familie davon ausgegangen war, dass sie nur für eine Übergangszeit mit Angelika Runge zusammenwohnen würde, bis diese wegziehen würde, erhoffte sich diese tatkräftige Unterstützung in Haus und Garten und dachte gar nicht daran, ihr Heim zu verlassen. ?Mein Leben ist miteinander teilen. Frieden ist mein Weg", sagt Runge. Nitsche hatte das Gefühl, dass die Vermieterin sich in die Erziehung ihrer Kinder einmischen wollte. ?Ich hatte ein Problem mit der Art der Kommunikation. Da schreite ich einfach ein", sagt Runge. Noch angespannter wurde die Stimmung in der abgeschieden gelegenen WG nach dem geplatzen Mietvertragstermin beim Anwalt in Palma. Nun sollte die Familie möglichst schnell verschwinden, die Nitsches wussten aber nicht wohin. ?Es wurde richtig unheimlich. Wir haben uns zum Schlafen in einen Raum gelegt und einen Schrank vor die Tür gestellt", sagt Christiane Nitsche. Schließlich fanden sie nach einem Tag voller Immobilien-Besichtigungen das Haus in sa Calobra verschlossen vor. Erst als mitten in der Nacht die Polizei in die Bergschlucht kommt, dürfen sie kurz ins Haus.



Die Nitsches sprechen kein Spanisch, können sich nicht erklären. ?Da kommt man sich total hilflos vor", erinnert sich Gundomar Nitsche. In der Dunkelheit irren sie mit den Kindern im Auto in den Bergen umher, finden Unterkunft im Kloster Lluc.



Einen Monat später haben die Nitsches mit Hilfe von neuen deutschen Bekannten übergangsweise ein Haus zur Miete in Moscari gefunden. Mit der Beantragung einer Betriebserlaubnis für die Mountaincarts ist eine Steuerberaterin beauftragt. Cristiane Nitsche sagt: ?Wir müssen nach vorne schauen."

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

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Fünf Festnahmen bei Korruptionsskandal

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