Nervöse Bankkunden: Auch auf Mallorca gibt es deutsche Opfer der Lehman-Pleite

02.10.2008 | 02:00
Die spanische Santander-Bank hat Teile der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) übernommen.
Die spanische Santander-Bank hat Teile der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) übernommen.

Als Ingrid und Peter Heyne aus der Gemeinde Son Servera vergangenen Montag ihr Konto im Internet prüften, hatten sie es auch schriftlich. Dort, wo bislang 56.000 Euro verzeichnet waren, steht jetzt "0 Euro". Das Ersparte, die Auszahlung einer Lebensversicherung - das alles soll einfach so weg sein? Dass mit dem Bonuszertifikat etwas nicht in Ordnung ist, hatten die Heynes (Name v. Red. geändert) bereits zuvor erfahren, wenige Tage nach der Pleite von Lehman Brothers in den USA am 15. September. Ihre deutschsprachige Beraterin von der Citibank in Palma meldete sich bei ihnen. Es täte ihr schrecklich leid, aber auch ihr Geld sei von der Mega-Pleite betroffen.



Die Heynes fielen aus allen Wolken. ?Das Wort Lehman war zuvor nie gefallen", versichert das deutsche Paar, das vergangenes Jahr 16.000 Euro und im März 2008 noch einmal 40.000 Euro anlegte. In den auf Deutsch geführten Beratungsgesprächen sei lediglich von einem Bonuszertifikat die Rede gewesen, das an die Entwicklung des Eurostoxx 50 und des Nikkei 225 gekoppelt sei - mit einem Jahreseffektivzinssatz von 10,16 Prozent bei halbjährlicher Ausschüttung. ?Das Kapital ist am Ende der Laufzeit garantiert !!!!!", heißt es mehrfach in offiziellen Fax-Schreiben der Bank, die der MZ vorliegen. Bei der Citibank in Palma wollte man sich bis Redaktionsschluss zu den Vorgängen nicht äußern.



In Wahrheit bürgt allein Lehman Brothers für das Geld, die Hausbank ist nur Vermittler. Den Namen haben die Heynes inzwischen in der spanischsprachigen Dokumentation gefunden. Lehman ist zahlungsunfähig, und da Zertifikate sogenannte Inhaberschuldverschreibungen sind, bieten sie im Insolvenzfall im Gegensatz zu Sparbriefen, Tages- oder Festgeld keinen Einlagenschutz. EU-weit gelten für den Einlagenschutz Mindestanforderungen, in Spanien sind jedem Sparer im Fall der Pleite der Bank 20.000 Euro garantiert.



Die Heynes sind nicht die einzigen Lehman-Opfer in Spanien, wie sie inzwischen in einem Internetforum herausgefunden haben. ?Viele sind fix und fertig mit der Welt, da ist das gesamte Erbe der Familie weg", berichtet das Paar. Wegen der Sprachprobleme suchen die beiden Deutschen jetzt über die MZ Kontakt zu betroffenen Landsleuten auf Mallorca, um eine Interessengemeinschaft zu gründen und ihre Rechte zu verteidigen.



Auch bei Sabine Seifert, Anlage- und Vermögensberaterin auf Mallorca, fragen jetzt viele besorgte Bankkunden nach. Im Zuge der Lehman-Pleite prüfen zahlreiche Anleger inzwischen genau, wo und unter welchen Konditionen ihr Geld angelegt ist. Auch sie kenne Opfer von Lehman-Zertifikaten auf der Insel, so Seifert, allerdings sei ihre Zahl in Spanien geringer als in Deutschland. Das liege daran, dass Anlageformen wie Zertifikate trotz einer starken Entwicklung in den vergangenen Jahren hier noch nicht so verbreitet seien wie in anderen Ländern. Und nicht nur Anleger seien mit ihnen unerfahren: ?Viele Berater waren sich selbst nicht der Tatsache bewusst, dass die Kapitalgarantie nicht mehr existiert, wenn der Emittent pleitegeht." Angesichts der derzeitigen Spekulationen könnten die Anleger nur abwarten.Hoffnung bestehe noch am ehesten für diejenigen, deren Zertifikate über eine längere Laufzeit verfügten und noch nicht fällig sind.



Die Ausfälle und die immer neuen Krisenmeldungen aus der internationalen Finanzwelt haben auch andere Bankkunden in Alarmbereitschaft versetzt. Eine Pleitewelle unter den hiesigen Kreditinstituten schließt die spanische Regierung jedoch kategorisch aus. Nach Ansicht von Finanzminister Pedro Solbes verfügt Spanien über ein zuverlässiges Schutzsystem: ?Die Sparer können beruhigt sein. Ihre Ersparnisse sind bei keinem der spanischen Geldinstitute in Gefahr." Die Banken in Spanien seien solvent. Premier José Luis Rodríguez Zapatero sprach sogar vom ?wohl solidesten Banksystem der Welt". Es sei das mit am besten kontrollierte. So hat die Bankenaufsicht die Finanzinstitute in Spanien dazu gezwungen, sich gegen Kreditausfälle ausreichend abzusichern. ?Es hat sich als positiv erwiesen, von den Banken höhere Rücklagen zu fordern", sagt Javier Rey-Maquieira, Wirtschaftswissenschaftler an der Balearen-Universität. Die ?Financial Times" lobt Spanien wegen der rigorosen Aufsichtspolitik gar als internationales Musterbeispiel.



Die größte Bank des Landes, Santander, scheint sogar von der Krise zu profitieren: Sie erwirbt jetzt Teile der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley und erwartet hohe Gewinne (Kasten). Und auch die zweitgrößte Bank Spaniens, die BBVA, zeigt Stärke und kündigte ihren Aktionären trotz Krise eine Steigerung der Dividende um zehn Prozent an.



Der Vorteil der spanischen Großbanken: Sie haben auf den Wachstumsmarkt Lateinamerika gesetzt und sich international diversifiziert. Die Subprime-Krise ging zudem größtenteils an ihnen vorbei, da sie sich vergleichsweise wenig in dem Geschäft mit den faulen Krediten engagierten. Geld verdient wurde stattdessen vor allem mit dem klassischen Bankgeschäft - mit Einlagen und Krediten an Unternehmen und Privatkunden.



Doch genau hier kommen auch auf Spaniens Banken schwere Zeiten zu: Gerade für die regionalen Banken ist der Hypothekenmarkt ein wichtiges Standbein, und es drohen Liquiditätsprobleme. Die geplatzte Immobilienblase führt etwa bei hochverschuldeten Bauunternehmern zu Zahlungsschwierigkeiten. Paradebeispiel ist die Pleite von Mallorcas größtem Bau-Unternehmer, Vicenç Grande, der bei den Kreditinstituten der Insel in der Kreide steht. Insbesondere den Sparkassen wird vorgeworfen, dem Bau- und Immobiliensektor angesichts überbewerteter Immobilien zu bedenkenlos Kredite gewährt zu haben.



Wenn auch im internationalen Vergleich nicht besorgniserregend, steigen die Kreditausfallraten doch schnell an. ?Das dicke Ende kommt noch", sagt Seifert, ?ich bin fest überzeugt, dass es eine Konsolidierung bei den Regionalbanken geben wird." Betroffene der Lehman-Pleite demonstrierten unterdessen am Mittwoch in Madrid und übergaben der spanischen Bankenaufsicht CNMV eine Unterschriftenliste. Der Schaden von Anlegern in Spanien wird derzeit auf mehr als 60 Millionen Euro beziffert. Im Falle des Ehepaars Heyne ist ein Großteil der Alterssicherung betroffen: ?Wir hängen total in der Luft."



Betroffene der Lehman-Pleite können sich unter der Telefonnummer 971-17 05 01 sowie unter der E-Mail mallorcazeitung@epi.es melden.



Info: Die spanische Großbank Santander hat Teile der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) übernommen und verspricht sich von dem Schritt sofortige Gewinne. Die Bank erwartet von der Transaktion bereits im ersten Jahr einen Gewinn von 25 Millionen Euro. Für das zweite Jahr wird mit einem Plus von 75 Millionen Euro gerechnet. Santander übernimmt für rund 770 Millionen Euro die Spareinlagen und das Filialnetz von B&B. Die Bank wies darauf hin, dass sie mit der Transaktion keine Risiko-Kredite auf sich nehme, da die Hypotheken an den britischen Staat gingen. Die Santander-Gruppe ist die größte Bank in Spanien. Gemessen am Börsenkapital ist sie nach eigenen Angaben auch das größte Geldinstitut der Euro-Zone. Sie erzielte 2007 einen Rekordgewinn von neun Milliarden Euro. In diesem Jahr will sie trotz der Finanzkrise den Gewinn auf zehn Milliarden Euro erhöhen.

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