Gebannte Blicke auf das andere Mittelmeerufer

Sie hoffen auf freie Wahlen, haben Angst um ihre Familien oder verteidigen ihre Regierung: Wie die Insel-Araber die Aufstände in ihrer Heimat erleben

15-02-2011  
Marokkaner in Palmas Viertel Pere Garau
Marokkaner in Palmas Viertel Pere Garau Foto: Terrassa

SILKE DROLL Die Bilder zeigen wütende Menschen, Verletzte und Tote, den mit Demonstranten gefüllten Tahrir-Platz in Kairo, das Herz der seit Wochen andauernden demokratischen Revolution in Ägypten. Es ist Montagnachmittag und in der Cafeteria Roma, in unmittelbarer Nähe der Moschee in Palmas Stadtviertel Pere Garau, läuft der arabische Sender Al-Dschasira. Die Bar ist ein Treffpunkt der Marokkaner. Dort trinken die Männer Minztee, bevor sie zum Beten gehen. Viele der Gespräche drehen sich um die Proteste gegen die autoritären Regime in der arabischen Welt. Marokko, das Land aus dem mit Abstand die meisten arabischen Einwanderer auf Mallorca stammen, ist von der Welle der Volksaufstände zwar (noch) nicht erfasst worden, aber die Ereignisse in Tunesien, Algerien, Jordanien, im Jemen und vor allem in Ägypten, dem einflussreichsten Land der Region, werden aufmerksam verfolgt.

„Ich bin mir sicher, dass es auch in Marokko noch zu Demonstra­tionen kommen wird", sagt der seit neun Jahren auf Mallorca lebende Marokkaner Dris El Massaoudi (38). Die vergangenen Tage hat er mit gespannter Freude erlebt. „Die Ereignisse in den arabischen Ländern bewegen mich sehr. Es ist eine Chance, dass die Menschen dort endlich aufatmen können und vieles anders wird." Anders als in Tunesien und Ägypten erwartet er in Marokko keine Forderungen nach einem Wechsel des politischen Systems, einer Monarchie. Auch in seiner Heimat aber würden die Menschen für Arbeit und mehr Freiheiten eintreten. Marokko sei in den vergangenen Jahren unter dem seit 1999 regierenden König Mohammed VI. moderner geworden, doch Probleme gebe es noch genug. „Es ist zum Beispiel nicht denkbar, einen Politiker zu beleidigen. Im Gegensatz zu Europa gibt es keine Meinungs- und Pressefreiheit."

Der studierte Jurist El Massaoudi kam wegen der wirtschaftlichen Probleme in Marokko nach Mallorca. Nach seinem Studienabschluss vor zwölf Jahren fand er, wie auch viele andere junge Menschen, keine Arbeit. Drei Jahre später vermittelte ihm ein Freund einen Halbjahresvertrag für Feldarbeit in der Landwirtschaft auf Mallorca. Danach schlug sich El Massaoudi irgendwie durch, arbeitete vor allem in Internet-Cafés und auf Baustellen, zog von Dorf zu Dorf, nach dem Auslaufen seines ersten Vertrags eine Zeit lang ohne Papiere. 2005 erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung und 2006 heiratete er seine Frau Zoulikha (36).

Heute leben die beiden mit ihrer Tochter Hoda (2) in Palmas Immigrantenviertel Pere Garau, alle zusammen in einem Zimmer. Für mehr reicht das Geld nicht. El Massaoudi stammt wie die meisten Marokkaner auf Mallorca aus dem Norden des Landes und gehört zur Volksgruppe der Berber. Die Region des Rif-Gebirges war unter der brutalen Herrschaft von Hassan II., dem Vater des aktuellen Königs, besonders vernachlässigt worden, weil sich die Bewohner gegen das Regime aufgelehnt hatten.

Stolz hebt El Massaoudi aber auch die Verbesserungen in seinem Land hervor. „Vor kurzem wurde zum ersten Mal überhaupt ernsthaft gegen Korruption vorgegangen. Es rollten Köpfe in der Justiz, der Polizei und Rathäusern." Auch Frauen hätten nun mehr Rechte, Polygamie sei etwa nur noch möglich, wenn eine Ehefrau dies ihrem Mann ausdrücklich erlaube. Und die Infrastruktur sei mit Investitionen in Straßen, Eisenbahnstrecken und Häfen deutlich verbessert worden. Dennoch, die Unterschiede zwischen den vielen Armen und den wenigen Reichen seien weiterhin riesig.

Auch andere marokkanische Gesprächspartner unterstreichen die erreichten Fortschritte in der Wirtschaft und bei den Menschenrechten. Doch manche weisen noch weitaus deutlicher auf die Missstände hin. „Solange das Königshaus die Macht hat, sind alle Reformen doch nur Fassade. Es ist ein korruptes Land, und wenn du schlecht vom König sprichst, kann das bedeuten, dass du im Gefängnis landest und gefoltert wirst", sagt ein junger Mann aus Fes, der seinen Namen nicht nennen will und in Peguera in einem Hotel als Kellner arbeitet.

In einem Hotel in Peguera hält sich derzeit auch Mohamed Taghouti auf, als Gast. Der 47 Jahre alte Tunesier erholt sich dort von den psychischen und physischen Folgen der Unruhen in seinem Heimatland. Als dort vor wenigen Wochen die Revolution ausbrach, war der gelernte Sportlehrer, der seit elf Jahren in Spanien im Tourismus beschäftigt ist, gerade im Urlaub in der Hauptstadt Tunis. Dort besitzt er ein Haus. Statt zu entspannen, ging er auf die Straße, um zu protestieren. „Ich sah es als meine Pflicht an, mitzumachen." Jeden Tag demons-trierte er für die Demokratisierung, stundenlang. „Es gab Blut und Gewalt, auch ich wurde geschlagen und auf dem Boden getreten. Neben mir sah ich Verletzte. Wir Demonstranten waren ohne Waffen, aber aus der Ferne zielten die Scharfschützen der Spezial­einheiten auf uns", erzählt er.

Taghouti ist sichtlich nervös. „Ich stehe immer noch unter Schock", sagt er. Neben dem rechten Ohr hat er eine Schwellung, in drei Fingern einer Hand kein Gefühl. Damit er schlafen kann, nimmt er Beruhigungstabletten. Auf seinem Handy hat Taghouti, der Hemd und Sakko trägt und so gar nicht wie ein Steine werfender Demonstrant wirkt, Fotos von der brennenden Villa des Neffen des (Ex-)Präsidenten. Während des Gesprächs mit der MZ greift er immer wieder zum Telefon und erkundigt sich bei seinen Bekannten in Tunesien nach der Lage. Die Proteste dort gehen auch nach dem Rückzug von Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali weiter. „Ich habe Angst um meine Freunde dort", sagt er. Doch die Freiheit sei es wert. „Ich träume davon, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben zu einer demokratischen Wahl gehen kann. Ich wünsche mir eine Entwicklung wie in Spanien nach Francos Tod", sagt Taghouti. Tunesien sei an Europa orientiert, die Menschen offen und interessiert an Bildung und Arbeit. „Es ist nicht so wie in anderen arabischen Ländern." Nach den Erfolgen im Januar befürchtet er allerdings, wie viele seiner Freunde, dass die versprochenen Wahlen nicht umgesetzt oder aber manipuliert werden.

Von freien Wahlen träumt auch Karim Gaafar. Der seit 13 Jahren auf Mallorca lebende Ägypter (47) hat zwar die meiste Zeit seines Lebens außerhalb seiner Heimat verbracht, steht aber in engem Kontakt zu seiner Familie in Ale­xandria. „Ich lebe lieber in Europa. Ich schätze die Freiheiten." Eigentlich wollte er im Januar seine Mutter und Schwester besuchen, doch wegen des Volksaufstands wurde der Flug abgesagt. Während er sich Sorgen um die Sicherheit seiner Angehörigen macht, arbeitet Gaafar nun weiterhin in seinem Antiquitäten-Laden Altres Temps in Palmas Altstadt. Dort, zwischen edlen Kommoden, Spiegeln, Lampen und Gemälden, berät Gaafar seine Kunden mit ausgesuchter, weltmännischer Höflichkeit. Die Tage des Zorns in Kairo wirken weit weg.

Gaafar entstammt dem Hochadel, seine Großmutter war die Schwester von König Fouad I., dem Neffen von König Farouk, dem letzten regierenden Monarchen in Ägypten. Zu seinen Vorfahren zähle auch der Prophet Mohammed, sagt er. Gaafar hat mehrere Studiengänge abgeschlossen, spricht mehrere Sprachen fließend und kommt aus der wohlhabenden Oberschicht des Landes. „Ich selbst habe nie Repressalien zu spüren bekommen, aber ich verhalte mich auch immer vorsichtig", sagt Gaafar. Die Protestbewegung in Ägypten hat ihn nicht überrascht. „Man muss bedenken, dass in Ägypten 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Es gibt keine Sozialhilfe, keine Arbeitslosenunterstützung. Seit 30 Jahren regiert der gleiche Präsident, der seinen Sohn als seinen Nachfolger vorbereitet hat. Einige Geschäftsleute werden immer reicher, während die Armen immer ärmer werden." Von dem großen wirtschaftlichen Fortschritt in den vergangenen acht Jahren unter Hosni Mubarak habe nur seine Familie, seine Freunde und Multimillionäre profitiert. Gleichwohl befürchtet Gaafar bei einem Umsturz des Regimes in Ägypten ein gefährliches Machtvakuum, das von radikalen Islamisten genutzt werden könnte. „Das wäre ein zweiter Iran." In den vergangenen Jahren bemerkte Gaafar bei seinen Besuchen, dass immer mehr Frauen ihren Kopf verhüllten und Männer den typischen Bart trugen.

Nach einem massiven Anstieg der Lebensmittelpreise waren im Januar auch in Algerien Unruhen ausgebrochen. Die Hauptstadt Algier liegt nur 315 Kilometer Luftlinie von Palma entfernt. Als dort demonstriert wurde, war der auf Mallorca lebende Noreddine Belmeddah (36) gerade in seiner Heimat, die er regelmäßig besucht. Belmeddah beteiligte sich nicht an den Protesten, er ist nicht nur Vorsitzender der algerischen Vereinigung auf Mallorca, sondern auch aktiver Politiker und Auslandsvertreter der Regierungspartei FLN. Gerne lobt er seine Heimat. „Wir haben keine Diktatur, wir haben die größte ­Pressefreiheit der arabischen Welt", sagt er etwa. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen" zählt Algerien trotzdem zu den Staaten, in denen die Pressefreiheit bedroht ist.

Belmeddah flüchtete während des Bürgerkriegs 1998 aus dem Land, weil er von islamistischen Terroristen verfolgt worden war. „Ich war Vorsitzender einer studentischen Vereinigung. Als ich in einer Pressekonferenz die Terroristen kritisierte, kamen sie eine Woche später mit einem Maschinengewehr. Ein Freund von mir wurde von den Kugeln getroffen", erzählt er. Auch er wünscht sich für Algerien Jobs für die vielen arbeitslosen jungen Erwachsenen. Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Für den 12. Februar sind dort erneut Demonstrationen angekündigt.

In der Printausgabe vom 10. Februar (Nummer 562) lesen Sie außerdem:
- Ein Problem namens Jaume Font: PP-Abweichler gründet neue Partei
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