Palmrüssler: Diese kleinen Mistviecher

Schlaffe Wedel, Baumstümpfe ohne Kronen: Der 2006 nach Mallorca eingewanderte Palmrüssler hat weite ­Teile der Insel mittlerweile fest im Griff. Besonders viel Schaden richtet er an den Strandpromenaden an

22-12-2011  
Der Palmrüssler wird etwa 3,5 Zentimeter groß
Der Palmrüssler wird etwa 3,5 Zentimeter groß 

SILKE DROLL dest ohne die beliebte Kanarische Dattelpalme. Das ist das Horror­szenario, das seit der Ankunft des Palmrüsslers vor fünf Jahren wie ein Damoklesschwert über der Insel schwebt. Seitdem fressen die gut drei Zentimeter großen, ursprünglich aus Asien stammenden roten Rüsselkäfer auch hierzulande meterlange Gänge im Inneren der Stämme und bringen die grünen Palmwedel zum Abknicken. Wenn ihnen vorher nicht der Garaus gemacht wird, erlegen die Palmrüssler so den kompletten Baum.

Mittlerweile hat der Rhynchophorus ferrugineus fast die komplette Insel im Griff, nur das Tramuntana-Gebirge hat er noch nicht erreicht. Im vergangenen Jahr erreichte sein Zerstörungszug mit 744 offiziell gezählten befallenen Palmen seinen bisherigen Höhepunkt (die tatsächliche Zahl lag wohl noch höher). Und 2011 wird die Käferplage wahrscheinlich noch schlimmer ausfallen. "Wir rechnen damit, dass mindestens genauso viele wie 2010 oder noch mehr Palmen vernichtet werden", sagt der oberste Schädlingsbekämpfer der Insel, Andreu Juan Serra.

In Palma und Pollença sind die Folgen der Palmrüssler-Invasion derzeit am augenfälligsten. Dort hat der Käfer die mit palmeras besäumten Strandpromenaden angegriffen, wie in Palma etwa den Paseo Marítimo. Besonders stark wütet der Käfer außerdem im Südosten, in der Gegend von Felanitx und Santanyí. Erstmals entdeckt wurde der Käfer auf Mallorca 2006 in Sa Ràpita. "Dort hat sich das Vorkommen aber stabilisiert", sagt Serra. Insgesamt neun Schädlingsherde hat das Landwirtschaftsministerium mittlerweile ausgemacht, wobei das Inselinnere weniger betroffen ist. "In Alaró etwa wurde zum Beispiel eine befallene Palme registriert, der Käfer breitete sich dort aber nicht weiter aus."

Am liebsten frisst sich der Palmrüssler durch die beliebte, hohe Kanarische Dattelpalme (Phoenix canariensis), die typischerweise an Promenaden und als ­Einzelexemplar zum Stolz der Besitzer auch auf Privatfincas gepflanzt wird. Mit 95 Prozent machen sie den Großteil der Opfer des Käferbefalls aus. Ansonsten nistet er sich auch in den ähnlich aussehenden Echten Dattelpalmen (Phoenix dactylifera) ein. Verschont bleibt der niedrige heimische Palmito (Chamaerops humilis) und die Washingtonia filifera.

Ein echtes Gegenmittel gegen den Palmenvernichter gibt es bis heute nicht. "Die einzige wirksame Lösung ist, die Palme zu fällen", sagt Serra. Fast 1.000 Palmen sind deswegen inselweit bereits entsorgt worden. Das Ministerium beauftragt dazu speziell gerüstete Gartenbauunternehmen. Die Palmenschneider nehmen dann die Baumkrone und den oberen Teil des Stamms ab. Damit die ihrer Wirtspflanze beraubten Palmrüssler nicht mehr andere Bäume anfliegen können, werden die Pflanzenreste mit Insektiziden besprüht, bevor sie dann "gut abgedeckt" in die Müllverbrennungsanlage nach Palma gebracht werden. Die Kosten von 250 bis 300 Euro pro entsorgter Palme trägt das Landwirtschaftsministerium. Um die Entfernung des verbleibenden Stammes müssen sich die Eigentümer selbst kümmern. "Manche machen zum Beispiel Sitzhocker daraus", weiß Serra.

Doch viele Inselbewohner wollen ihre kranke Palme eigentlich retten. Das Problem: Möglich ist das nur im Anfangsstadium. Einen Befall erkennt man daran, dass die Wedel der Krone abfallen oder so schlapp werden, dass sie sich ohne Weiteres abziehen lassen. Am Ansatz des Wedels sind dann die Bisse des Palmrüsslers zu erkennen. Wer früh genug handelt, kann die Baumkrone so abschneiden, dass sich die Pflanze erholen kann. "Das erledigen wir, dann muss aber der Eigentümer auf eigene Kosten alle sechs Wochen eine Behandlung mit Pestiziden durchführen, damit keine neuen Palmrüssler angelockt werden." Dies ist notwendig, weil bei einem Schnitt der Palme Lockstoffe austreten, die die Insekten anziehen.

Allerdings ist die Behandlung sehr schwierig, weil der Käfer im Inneren der Palme lebt und er so vor Giftattacken gut geschützt ist. Trotz des Risikos wurden bislang 67 Inselpalmen auf diese Weise kuriert.

Von September bis Dezember ist Hochsaison der Palmrüssler-Bekämpfung, in dieser Zeit zeigen sich die Anzeichen des Käferbefalls. "Momentan bekommen wir fünf bis sechs Anrufe pro Tag", berichtet Serra. Palmenbesitzer sind dazu verpflichtet, jeden Verdacht auf einen Käferbefall zu melden. Ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums begutachtet dann die Palmen vor Ort und entscheidet über das Vorgehen. Nicht immer ist der picudo rojo die Ursache für schlappe Wedel. In großen Kommunen gibt es eigene Mitarbeiter für die Palmrüssler-Abwehr. Pollença etwa hat in diesem Herbst 80 befallene Palmen im öffentlichen Bereich gefällt, zudem hält die Ortspolizei Ausschau nach kranken Palmen auf Privatgrundstücken.

Für die Bekämpfung des Schädlings gibt das Ministerium in diesem Jahr 250.000 Euro aus, für nächstes Jahr haben die Balearen EU-Gelder in Höhe von 820.000 Euro beantragt. Hoffnung gibt es aber auch von anderer Seite. Einheimische Milben haben mit dem Gegenangriff begonnen. "Wir haben festgestellt, dass sie erwachsene Palmrüssler attackieren. Komplett verschwinden wird der Rüsselkäfer von Mallorca nicht mehr. Es ist unmöglich, ihn auszurotten. Aber normalerweise pendeln sich neue Schädlinge nach einigen Jahren aggressiven Wachstums ein und wachsen nicht mehr weiter." Palmen wird es wohl auch noch in Zukunft auf Mallorca geben - aber wohl nicht mehr so viele.

Ein Palmrüssler-Verdacht muss gemeldet werden: Tel.: 971-17 61 00, E-Mail: sanitatvegetal­@dgagric.caib.es. Weitere Infos sowie Bilder auf der Internetseite www.caib.es (Suchbegriff €Sanitat vegetal").

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