"Laut wird es erst, wenn wir schließen"

Palmas Wirte fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die Stadt will dennoch die Außenbewirtschaftung strenger kontrollieren

27.09.2015 | 19:20
Reger Betrieb und trotzdem verschlafen: die Plaça Drassana zur Mittagszeit

Am späten Dienstagnachmittag ist nur schwer vorstellbar, dass sich die so idyllischen wie verschlafenen Plätze in Palmas Lonja-Viertel in dezibelträchtige Unruheherde verwandeln könnten. Nur vereinzelt schlendern Touristen aus den Gassen herbei, machen Fotos und blinzeln entspannt in die Sonne. „Wir machen gar keinen Lärm", sagt Raúl Gómez vom Restaurant Sa Llotja am gleichnamigen Platz, „aber die Anwohner denken, wir sind das".

Freilich ist es nicht immer so still wie am Nachmittag: Die Gäste wollen bei warmen Temperaturen auch abends draußen essen, die Wirte verdienen genau damit ihren Lebensunterhalt, die Anwohner wollen früh schlafen und verbinden mit dem Trubel eine Art fremdauferlegten Tinnitus.

Antonia Martín, Stadträtin für Gesundheit und Verbraucherschutz in Palma, plädiert für eine differenzierte Sicht: „Die Diskussion konzentriert sich immer auf die Außenbewirtung, aber das Thema Lärmbelästigung geht viel weiter." Die größte Lärmquelle sei der Verkehr, erst die zweitgrößte der Mensch. „Dieser Lärm kann von Menschen auf der Straße, in Restaurants oder bei der Arbeit kommen – es ist nicht einfach schwarz oder weiß." Eine wichtige Rolle spiele außerdem der Ort. „Enge Straßen erhöhen die Lautstärke", erklärt Martin.

Die Diskussion um den Lärmpegel an gut frequentierten, öffentlichen Plätzen, die Balance zwischen dem Ruhebedürfnis der Anwohner und dem Freizeitvergnügen der Passanten hat Palma nicht für sich gepachtet. „Das ist in jeder Stadt so. In Wien ist das auch nicht anders", sagt Elisabeth, eine Touristin aus der österreichischen Hauptstadt auf der Durchreise.

Doch Wien liegt nicht in Südeuropa, Mallorca tickt in einem anderen Tagesrhythmus. „Wir sind in einem mediterranen Land, der Corte Inglés macht erst um 22 Uhr zu, die Spanier gehen frühestens um 21 Uhr essen, und wir müssen um 24 Uhr zumachen", sagt Conny Haslbeck, Inhaberin der quietschbunten Bar Coto an der Plaça Drassana. „Das ist total absurd."Auch hier sitzen Urlauber und Insulaner draußen, trinken Kaffee, unterhalten sich in normaler Lautstärke. Am meisten Lärm machen zu dieser Zeit tatsächlich die Autos und ein angetrunkener Spanier, der einem Bekannten auf 30 Meter Entfernung etwas zubrüllt.

„Wir Spanier sprechen laut", meint Stadträtin Martín. Was vielfach die meisten Probleme verursache, ist nach Ansicht der Politikerin ein Inselphänomen: „Wenn wir eigentlich schon dabei sind, nach Hause zu gehen, fangen wir an, uns die wichtigsten Sachen zu erzählen. Diese Gespräche stören enorm", sagt Martin. „Es ist wichtig, dass wir auch wirklich nach Hause gehen, wenn die Restaurants schließen."

Gastronomin Haslbeck kennt das, sie hat selbst sieben Jahre an der Plaça Drassana gewohnt. „Das Thema ist: Laut wird es erst, wenn wir schließen." Dann ziehen Urlauber wie Einheimische lärmend über den Platz, setzen sich auf die Steinbänke im Zentrum und veranstalten botellones, wie die Trinkgelage genannt werden. „Ich kann verstehen, dass die Anwohner abgegessen sind, aber wir machen pünktlich zu", sagt Haslbeck.

Martín unterteilt die Restaurantbesitzer grundsätzlich in die Lager der kooperativen und unkooperativen. Wer nicht pünktlich schließe, schade dem Ruf der gesamten Branche und müsse bestraft werden. Dasselbe gelte für lärmende Passanten. Andererseits wolle man keine Gruppe kriminalisieren.

Für die Probleme macht die Stadträtin die konservative Vorgängerregierungen verantwortlich. „Es macht einen Unterschied, ob es in einer Straße zwei oder 20 Bars gibt. Die PP hat zu viele Genehmigungen erteilt." Das jetzige Linksbündnis wolle diesen Fehler nicht wiederholen und mehr Polizisten und Kontrolleure einsetzen, um Restaurants und lärmende Passanten im Zaum zu halten. Das wichtigste sei jedoch der Gemeinsinn aller Beteiligten – wofür im kommenden Jahr wieder einmal eine Kampagne gestartet werden soll.

An der Plaça Drassana sei das Miteinander mit den Nachbarn in diesem Jahr friedlich, sagt Haslbeck. Ohnehin würden sich nur drei Anwohner regelmäßig beschweren. „Es gibt vecinos und vecinos". Einen Platz weiter hat Gastronom Gómez eine Bitte: „Sagen Sie doch bitte den Touristen, dass sie nicht schreien sollen, wenn sie hierher kommen."

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