Drogenhandel: Dicke Fische gehen hier nicht ins Netz

Alles wird immer unübersichtlicher. Etliche kleinere Netzwerke teilen sich das Geschäft auf – und müssen regelmäßig Schläge der Polizei wegstecken

29.10.2015 | 08:50
Homegrown: Mallorca baut sein eigenes Marihuana an

Früher war es einfach: Kolumbianer und Mexikaner kontrollierten den Kokainhandel, Türken und Afghanen kümmerten sich ums Heroin und die Nordeuropäer um Pillen und anderes synthetisches Zeug. Doch wie viele andere Branchen ist in Zeiten der Globalisierung auch der Drogenhandel unübersichtlicher geworden. Das macht sich längst auch auf Mallorca bemerkbar, wie die Erkenntnisse von Nationalpolizei und Guardia Civil und insbesondere die zahlreichen Razzien der vergangenen Monate zeigen.

Die Drogen
Heroin ist out. Damit der Stoff kickt, muss man ihn spritzen – doch das passt nicht recht zum ausgelassenen Nacht­leben auf der Insel. Die Königin unter Mallorcas Party-Drogen ist deshalb das Kokain. Gekokst wird auf hippen Privatfeten und in heruntergekommenen Bars in Palma ebenso wie in den einschlägigen Touristenhochburgen Arenal, Magaluf oder Alcúdia. Wie viel Stoff auf der Insel konsumiert wird, ist schwer zu sagen. In Polizei­kreisen geht man davon aus, dass pro Woche mehrere Kilogramm Kokain eingeführt werden müssen, um die Nachfrage zu stillen. Zudem schätzt die National­polizei, dass gut 75 Prozent aller Drogen von Urlaubern gekauft werden. Während sie sich mit Kokain, Haschisch und Gras erst vor Ort eindeckten, würden sie synthetische Drogen wie Ecstasy hingegen meist aus der Heimat mitbringen. Bei den im vergangenen Sommer erstmals auf Mallorca und Ibiza aufgetauchten Designerdrogen wie Flakka oder Kannibale handelt es sich nach Ansicht der Polizei bislang um sehr punktuelle Erscheinungen. Mallorcas Gesundheitsbehörden befürchten indes, dass Dealer die neuen Drogen auf den Party-Inseln für den europäischen Markt testen könnten.

Die Routen
Nur Marihuana – laut Polizei das beliebteste Rauschmittel der Einheimischen – wird direkt auf der Insel hergestellt oder besser gesagt angebaut. Es wird für den Eigen­gebrauch im Garten oder in Raucher-Clubs angepflanzt, aber auch im großen Stil von organisierten Band in Indoor- und Outdoorplantagen gezüchtet und vertrieben. Das Haschisch kommt in der Regel aus Nordafrika übers spanische Festland nach Mallorca.

Die selben Routen werden inzwischen aber auch verstärkt für den Handel mit dem aus Kolumbien, Brasilien oder Bolivien stammendem Kokain genutzt, wohingegen die Einfuhren über den Atlantik und Galicien laut Nationalpolizei zwischen 2007 und 2013 weitgehend trockengelegt wurden.

Vom spanischen Festland, wo das Kokain vor allem in Madrid, Barcelona oder Valencia ­weiterverarbeitet, also gestreckt, und gelagert wird, geht es schließlich per Schiff weiter nach Mallorca. Da die Kontrollen auf dem Flughafen in Palma sehr streng seien, brächten die Händler ihre Ware fast ausschließlich in manipulierten Fahrzeugen über die Fährwege, in Einzelfällen aber auch mithilfe von Segelbooten auf die Insel, erklärt ein Polizeisprecher. Auf den Balearen werde der Stoff möglicherweise noch weiter gestreckt – ohne dass die Kunden es merken sollen – und portionsweise abgepackt. „Hier wird nur verkauft, nicht gelagert, das wäre aufgrund der Insellage viel zu riskant."

Die Netzwerke
Früher war es, wie gesagt, übersichtlicher: Die Marokkaner auf der Insel kontrollierten aufgrund der geografischen Lage ihres Heimatlandes das Haschisch-Geschäft. Und die gitanos, die Angehörigen der Roma-Minderheit, die auf dem spanischen Festland traditionellerweise den Heroinhandel beherrschen, setzten auf Mallorca wegen der gesunkenen Nachfrage nach Heroin schon länger auf Kokain. Doch mit der Alleinherrschaft ist es längst vorbei. Einst mächtige Clans wie der um die Drogen­baronin „La Paca", die von Palmas Drogen-Supermarkt Son Baya aus regierte und der inzwischen der Prozess gemacht wurde, sind weitgehend neutralisiert. Drogenbaron „El Pablo" und seine Sippe haben ihren Geschäftsschwerpunkt indes auf den Marihuana-Handel verlegt. Bei einer Razzia in dessen prunkvollem Domizil in Palmas schäbigem ­Viertel La Soledat fanden die Beamten im Juni gerade mal zwei Kilogramm Kokain, dafür aber Hunderte Marihuana-Pflanzen, die unter Scheinwerfern angebaut wurden. Ein paar Monate später beschlagnahmte die Polizei bei einem Großeinsatz in La Vileta, bei dem 15 Gefolgsleute des inzwischen hinter Gitter sitzenden „El Pablo" hochgenommen wurden, 150 Kilo Marihuana.

Während die gitanos früher die gesamte Handelskette kontrollierten, von der Einfuhr des Stoffes bis zum Verkauf an den End­kunden, sind die untereinander oftmals heftig zerstrittenen Roma-Clans in den Augen der Polizei heute nur mehr Zwischenhändler zwischen den großen Banden und den kleinen Dealern und Konsumenten. Zwar kämen nach wie vor Junkies direkt nach Son Banya, Touristen hingegen trauten sich dort selten hin. In der ­Barackensiedlung unweit des Flughafens würden deshalb vor allem Dealer, oftmals senegalesischer Herkunft, einkaufen, die den Stoff anschließend in den Urlauberhochburgen, etwa an der Playa de Palma, an den Mann bringen.

Das große Geschäft dagegen liegt inzwischen in Händen einiger nigerianischer Clans in Palmas sozialem Brennpunkt-Viertel Son Gotleu, mittlerweile ebenfalls ein beliebter Drogenumschlagplatz, und der Südamerikaner, die vor allem von Mallorcas Dörfern aus agieren, wie es heißt. Darüber, ob die Banden außerhalb Palmas zum Großteil kolumbianischer Herkunft sind und direkt mit Kontakten in ihrer Heimat zusammenarbeiten, gehen die Meinungen auseinander. Miguel Jimena, der Chef der balearischen Anti-Drogen-Einheit der Guardia Civil, sagte kürzlich in einem Interview, dass die Banden in der Regel von einem ehemaligen, ­niederen Mitglied eines kolumbianischen „Kartells" angeführt würden, das sich auf Mallorca „selbst­ständig" gemacht habe. Während die meisten von ihnen in Kolumbien bereits vorbestraft seien, führten sie auf der Insel ein ganz geregeltes Leben, oft sogar mit spanischem Pass. Bei der Beschaffung der Drogen aus Südamerika würden die auf Mallorca ansässigen Banden sogar zusammenarbeiten, glaubt Jimena zu wissen.

Marcos Frías, der Sprecher der Nationalpolizei in Palma, hält es zwar für naheliegend, dass die südamerikanischen Banden den Stoff aufgrund ihrer Kontakte direkt aus Kolumbien oder Brasilien beziehen, doch das müsse nicht zwangsläufig so sein. „Das A und O im Drogengeschäft ist das Vertrauen", sagt er. Und davon hänge es letztlich ab, ob man die Ware von einem Kontakt in Südamerika oder doch nur von einem Lieferanten auf dem Festland beziehe. Zumal die Südamerikaner, obwohl ihre Landsleute zu Hause direkt an der Quelle sitzen, zunehmend Konkurrenz von einer dritten Gruppe bekommen: marokkanische Banden, die neben Haschisch längst auch Kokain im Sortiment haben. „Das ist wie in einem Supermarkt, je mehr Produkte man anbietet, desto besser der Umsatz", sagt Marcos Frías dazu lapidar.

Zugute kam den marokkanischen Drogenhändlern, die sich auf Mallorca bevorzugt in der Gegend um Sa Pobla, Inca und Llucmajor niederlassen und nicht selten harmlos wirkende Kebab-Buden oder Internetcafés betreiben, dabei vor allem ihr Standortvorteil in Nordafrika – dem neuen Eingangstor des Kokains nach Europa. Die Guardia Civil hält die marokkanischen Drogenhändler, die selbst nicht konsumieren, sondern die Erträge in die Heimat schicken, wo manch einer schon ganze Hotelanlagen finanziert haben soll, für die derzeit mächtigsten Männer im Kokain-Geschäft auf der Insel.

Marcos Frías ist auch bei dieser Aussage vorsichtig. „Das ist heutzutage alles verdammt schwer zu sagen, es gibt kein Schwarz und Weiß mehr." Einerseits sei die Erkenntnis, dass nicht mehr allein die gitanos im Drogengeschäft die Strippen ziehen, wichtig, um diese ohnehin sozial benachteiligte Gruppe zu „entkriminalisieren". Andererseits ändere sich die Lage ständig. So gebe es auf Mallorca eine ganze Reihe an Leuten, die hier leben und nebenbei mit ­Drogen handeln. Andere dagegen kämen gezielt am Jahresbeginn her, um sich in Stellung zu bringen und den Sommer über gutes Geld zu verdienen – falls sie nicht vorher verhaftet werden.

Auch die deutschen Hells Angels um die mutmaßlichen Strippenzieher Frank Hanebuth und Khalil Youssafi zählt der Polizei­sprecher zu den Gruppen, die gerne im Drogen-Business der Insel ­mitmischen wollten – hätten ihnen nicht die spanischen Ermittler bei einer Großrazzia im Juli 2013 mit über 20 Festnahmen gewaltig die Flügel gestutzt. „Allerdings bin ich mir sicher, dass der Drogenhandel nicht das einzige und vermutlich auch nicht das größte Geschäft der Rocker ist", sagt Frías.

Die Razzien
Während den Hells Angels auch über zwei Jahre später immer noch nichts Konkretes nachgewiesen werden konnte, hatten die Ermittler in anderen Fällen mehr Erfolg. Bei sieben groß angelegten Razzien seit Jahresbeginn wurden nicht nur rund 100 Personen festgenommen, sondern auch höchst belastendes Beweismaterial sichergestellt.

Video 1: Eine Wohnung in Portocolom wird gestürmt

Video 2: Festnahme-Aktion in Portocolom

Video 3: Die Verdächtigen werden abgeführt

Video 4: So wird eine Wohnungstür aufgebrochen

Video 5: Blick aus dem Hubschrauber über Portocolom

Gleich vier Banden auf einen Schlag zerschlug die Guardia Civil im März – der wichtigste Erfolg gegen einen Drogenring seit der auf Son Banya abzielenden „Operation Kabul" vor inzwischen sieben Jahren. Mit dem Kokain-Handel auf Mallorca sollen die etwa 20 Festgenommenen größtenteils marokkanischer Herkunft rund eine Million Euro im Jahr verdient haben. Acht Kilo Kokain ­wurden dabei beschlagnahmt. Bei der erst im September erfolgten „Operación Constante" wurden erneut vier Banden, die offenbar untereinander vernetzt waren und diesmal zum Großteil aus Kolumbianern bestanden, geschnappt. Ausbeute: rund zehn Kilogramm Kokain.

Angesichts dieser und weiterer erfolgreicher Einsätze in diesem Jahr zeigt sich Marcos Frías von der Nationalpolizei durchaus zufrieden. Natürlich gehe der Handel weiter, aber 100 Bandenmitglieder müssten erst einmal ersetzt werden. Und dabei stelle sich die Frage, ob die Nachfolger ebenfalls über ausreichend gute Kontakte verfügten, um das Geschäft aufrecht zu erhalten – und vor allem, ob sie clever genug seien für Mallorca. Denn die Insel sei nicht nur ein attraktiver, sondern auch ein besonders gefährlicher Markt. „Auf einer kleinen Insel fliegt alles viel schneller auf."

Klar sei deswegen aber auch, dass den Beamten hier niemals die ganz großen Fische ins Netz gehen werden. „Wir beschlagnahmen hier mal acht oder zehn Kilo, meist aber viel kleinere Mengen, im Prinzip Peanuts", sagt Marcos Frías. Das liege daran, dass Mallorca im internationalen Drogen­handel eine final destination sei. Hier ist deshalb nur die auf der Insel benötigte Ware im Umlauf, während das große Geschäft anderswo stattfindet.

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