Mallorcas Generation Melkkuh

Eine Studie warnt vor finanziellem Missbrauch von Senioren: Oft bedienen sich die Kinder an der Rente und am Ersparten der Eltern

02.12.2015 | 18:39
Mallorcas Sozialbehörde schlägt Alarm: Statt eines geruhsamen Lebensabends erwartet immer mehr ältere Menschen finanzielle Not – weil die eigene Familie ihr Geld verprasst.

Dass Eltern ihrem Nachwuchs finanziell unter die Arme greifen, ist keine Seltenheit – vor allem in Zeiten, in denen es Jugendarbeitslosigkeit und mies bezahlte Einsteigerjobs den jungen Leuten schwer machen, über die Runden zu kommen. Auch die Geschichten von den Omas oder Opas, die mit ihrer Rente ganze Familien durchbringen müssen, sind auf Mallorca längst keine Einzelfälle mehr. „Viele ältere Menschen tun das gerne, weil sie ihren Kindern in einer misslichen Lage helfen wollen", sagt Sofía Alonso von Mallorcas Sozialbehörde IMAS. Manche Senioren dagegen gerieten völlig unfreiwillig in die Rolle der Melkkuh, deren Pension oder Erspartes meist von Familienangehörigen verprasst wird, während sie selbst vollkommen vernachlässigt ihres Schicksals harren „und sich nicht einmal eine neue Brille leisten können".

Erstmals thematisiert wurde der ökonomische Missbrauch älterer Menschen jetzt in einer Studie, die Sofía Alfonso zusammen mit ihrer Kollegin Núria Vaquer für den „Altersbericht 2015" des IMAS erstellt hat. „Größtenteils sind es die Kinder, die ihre Eltern ausnehmen", sagt Sofía Alonso. Vereinzelt sei man jedoch auch auf Enkel, Neffen, Lebenspartner, Nachbarn oder Betreuungspersonen gestoßen, die sich am Bankkonto der betroffenen Senioren bedient hätten. Verwendet werde das Geld der älteren Generation oftmals, um den Lebensunterhalt der eigenen Familie – Miete, Hypothek, ja sogar Lebensmittel – zu bestreiten. Allerdings habe man auch zahlreiche Fälle aufgedeckt, in denen ein Familienangehöriger die Einkünfte der Alten missbrauchte, um seine Sucht zu finanzieren, erklärt Alonso. „Das Geld wurde in Alkohol oder Drogen investiert oder auch beim Glücksspiel verzockt." Generell sei das Risiko für ökonomischen Missbrauch somit in Familien in wirtschaftlicher oder sozialer Schieflage besonders groß.

Als Quelle für die Studie dienten zum einen die öffentlichen und vom IMAS betriebenen Seniorenwohnheime, die über Zahlungsrückstände ihrer Bewohner Auskunft gaben: Von 87 für das Jahr 2014 vermerkten Fällen, in denen die Heimgebühren über Monate hinweg nicht bezahlt wurden, bestätigte sich in mindestens zehn Fällen der Verdacht, dass es nicht die Senioren selbst waren, die ihre für die Finanzierung des Betreuungs­platzes bestimmte Rente anderweitig verjubelten – zumal es sich oftmals um Pflegefälle handelte, die teils sogar einen Vormund mit Bankvollmacht hatten, der für die Überweisung des Geldes zuständig war.

Wichtiges Datenmaterial lieferte den Verfasserinnen der Studie zum anderen das 2011 ins Leben gerufene Programm „Prioridad Social", über das Fälle schutzloser oder missbrauchter älterer Menschen aufgedeckt werden sollen. Die Auswertung der Jahresberichte ergab, dass die Sozialarbeiter 2011 nur viermal wegen ökonomischen Missbrauchs Alarm schlugen, während 2015 bereits 27 solche Fälle registriert wurden. Dennoch gehe man nicht davon aus, dass die Zahlen in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen seien, sagt Alonso. „Vielmehr ist es so, dass die Problematik nun erstmals sichtbar wurde, weil wir gezielt danach geguckt haben." Die Dunkelziffer dürfte deshalb weit höher liegen, so die Vermutung der beiden Autorinnen. Schließlich kamen im Rahmen der Studie nur Fälle ans Tageslicht, die aktiv ­angezeigt wurden – durch die Seniorenheime, durch die Senioren selbst oder durch Verwandte oder Bekannte, die sich mit ihrem Verdacht an die Sozial­arbeiter der Gemeinden wandten.

Bei den Opfern, so das Ergebnis der Studie, handelte es sich größtenteils um Menschen über 80, die der Person, die sie finanziell ausnutzte, ausgesetzt waren und sich aus eigenen Stücken nicht wehren konnten – oder sich ihrem Schicksal fügten. „Vor allem Frauen aus dieser Generation, die kaum Schulbildung genossen und nicht arbeiten gingen, halten es oftmals für völlig normal, dass man so mit ihnen umgeht", sagt Sofía Alonso.

Ziel der Studie ist es zum einen, über das bisher vernachlässigte Thema aufzuklären, damit die Gesellschaft künftig genauer hinschaut. Zum anderen müsse das nach wie vor große Informations­defizit seitens der älteren Generation beseitigt werden – etwa durch Kampagnen und Vorträge, die die ­Senioren über ihre Rechte, aber auch über vorbeugende Maßnahmen informieren. „Wer das alles beizeiten über ein Testament oder entsprechende Verfügungen regelt, kann verhindern, dass er im hohen Alter in eine solche Situation gerät", erklärt Alonso.

Zur Prävention wäre zudem eine bessere Zusammenarbeit mit den Gerichten oder sogar mit den Banken vorteilhaft, die bei auffälligen Konto­bewegungen Alarm schlagen können. Und nicht zuletzt wäre in den Augen der IMAS-Mitarbeiterin eine Gesetzesänderung wünschenswert, damit beispielsweise Kinder, die ihre Eltern finanziell missbrauchen, am Ende nicht auch noch das Erbe erhalten. „Sozusagen als Belohnung, das ist doch absurd", kritisiert sie die aktuelle Rechtslage.

Auch Protokolle, die sich etwa beim Verdacht auf Kindesmissbrauch in Gang setzen, gebe es für Senioren bisher nicht. In den neun Jahren, die sie am IMAS arbeite, sei nur einmal eine alte Frau aus der Familie geholt und in einem Seniorenwohnheim untergebracht worden, erzählt Alonso. „Wir müssen dahin gelangen, dass Senioren denselben Schutz genießen wie Kinder."

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