Motorradrennen in der Tramuntana: "Jeder weiß, was hier abgeht"

Die Ma-10 hat sich zu einer Rennstrecke entwickelt. Anwohnern und der Politik reicht´s

31.01.2016 | 08:34
Vor allem am Wochenende rast ein Biker nach dem anderen auf der Ma-10 durchs Gebirge. Für manche endet der Geschwindigkeitsrausch tödlich.

Der 6. Juni 2015 war einer dieser Tage, an dem die Raserei im Tramuntana-Gebirge das Leben eines Menschen auslöschte. Der 32-jährige Manuel C. war mit seinem Motorrad-Club auf der Ma-10 zwischen Sóller und Fornalutx unterwegs, als er in einer Linkskurve frontal mit einem Linienbus zusammenstieß. Der Biker starb noch an der Unfallstelle, ein großes Kreuz erinnert seitdem an das Unglück. In Internet-Kommentaren wurde die Schuldfrage ausführlich diskutiert, so mancher Kumpel von Manuel aus der Motorradszene machte den Busfahrer verantwortlich. Doch diejenigen, die an der Strecke wohnen und sie täglich befahren, haben eine andere Meinung zu dem Thema.

„Was hier abläuft, ist eine Schande. Die Motorradfahrer spielen mit ihrem Leben und mit dem der anderen", empört sich Juan Sánchez, der direkt an der Panoramastraße auf der Höhe von Fornalutx lebt und dessen großzügige Finca auf vier Kilometern an die Strecke angrenzt. Sánchez kocht innerlich über die Zustände auf der Ma-10 – sein Mitleid mit verunglückten Motorradfahrern ist zumindest verbal nicht sonderlich ausgeprägt. Trotzdem hat er bereits mehrfach Erste Hilfe bei Unfällen geleistet. Unter anderem jenem Manuel C., der im Juni ums Leben kam. „Der war ein paar Monate vorher schon mal in der Nähe meiner Finca gestürzt. Ich habe ihm geholfen, gelernt hatte er offensichtlich nichts daraus."

Zumal Manuel C. aufgrund seiner Fahrweise bereits bei der Guardia Civil in Sóller bekannt gewesen sei. „Wir Anwohner sind es leid, was hier vor unserer Haustür passiert. Wir trauen uns ja kaum auf die Straße am Wochenende." Dann, wenn es fast schon an Verwegenheit grenze, mit seinem Auto vom Grundstück auf die Ma-10 aufzufahren. „Eigentlich dürften wir nie in die Straße einbiegen. Denn wenn ein Trupp Motorradfahrer um die Kurve rast, haben die keine Chance zu bremsen." Es sei keinesfalls eine kleine Minderheit, die zu schnell fahre. „Von 300 Motorradfahrern, die hier am Wochenende vorbeikommen, rasen 290."

Zwei Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Manuel C. sein Leben verloren hat, sitzt Antoni Aguiló unter dem Porträt von König Felipe VI. in seinem Amtszimmer in Fornalutx. Der Bürgermeister der kleinen Tramuntana-Gemeinde hat hier zwar erst seit 2015 das Sagen, doch das Problem mit den Motorradfahrern kennt er seit Jahren. „Jeder, der an dieser Straße wohnt, weiß, was hier abgeht." Neben der Unfallgefahr sei es auch die Lärmbelästigung, die die Menschen rund um Fornalutx wahnsinnig mache. „Am Wochenende hat man bei uns im Ort das Gefühl, direkt an einer Rennstrecke zu stehen, die Schallwellen kommen genau zu uns ­herüber."

Die Bürgermeister entlang der Ma-10 im Gebirge waren lange Zeit geduldig, jetzt wollen sie Ernst machen. Am Montag (11.1.) haben sich die Lokalpolitiker zusammengesetzt, um einen Brief an die Vertretung der ­Zentralregierung auf den Balearen zu verfassen, die die Kontrollen veranlassen kann. „Sonst passiert ja überhaupt nichts. Wir Bürgermeister fordern seit Jahren mehr Kontrollen. Gesehen habe ich noch keine", sagt Aguiló. Es handle sich schließlich nicht um ein punktuelles Dilemma rund um Fornalutx, sondern betreffe mehr oder weniger die gesamte Ma-10 von Andratx bis Pollença.

Der Politiker der konservativen Volkspartei (PP) fährt selbst Motorrad und betont: „Es geht uns nicht darum, das Motorradfahren in der Serra zu verbieten." Doch die lebensgefährlichen Manöver und die illegalen Rennen müssten ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Ob diese Rennen wirklich von langer Hand geplant sind oder sich doch spontan auf der Straße ergeben, weiß keiner der ­Bürgermeister so genau. Auch bei der Guardia Civil ist man bei diesem Thema vorsichtig. „Wir versuchen, das gerade herauszufinden", sagt eine Sprecherin der MZ. Sie bestätigt Berichte anderer Medien, nach denen die Kontrollen im Tramuntana-Gebirge in nächster Zeit verstärkt werden sollen. „Wir werden Hubschrauber genauso einsetzen wie etwa mobile Radarfallen", sagt die Sprecherin. Genauer ins Detail gehen möchte sie aber nicht, um die Strategie der Polizei nicht preiszugeben. Zum Vorwurf der Tramuntana-Bürgermeister, die Guardia Civil habe in den vergangenen Jahren vor allem durch Abwesenheit geglänzt, möchte sie sich nicht weiter äußern. „Wir waren auch bisher schon präsent", heißt es nur.

Den Bürgermeistern indes geht es auch darum, dass nicht noch mehr Motorrad-Rowdies herangezüchtet werden. Denn auch die Teenager in Sóller und anderen Tramuntana-Orten, die sich ein Mofa zugelegt haben, seien am Wochenende Stammgäste an der Strecke, um mit großen Augen die PS-starken Maschinen zu bestaunen. Auch zahlreiche Videos gebe es. Aguiló wurde eine Aufnahme zugespielt, in dem ein Motorradfahrer mit 235 km/h in einer Tempo 70-Zone durchs Gebirge braust.

„Wenn es denn dann wenigstens in der Zeitung stehen würde, wenn sich wieder einer umgebracht oder schwer verletzt hat", schimpft Finca-Besitzer Sánchez. „Aber die meisten Unfälle, die ich gesehen habe, werden totgeschwiegen. Die Biker halten dicht und rufen höchstens einen Abschleppwagen und einen Krankenwagen. Die Polizei erfährt es oft gar nicht."

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