SOS an Mallorcas Nordostküste

Ein Waldbrand und ein Abwasserleck setzen der Natur in der Bucht von Alcúdia zu. Das befeuert die Debatte um eine Ausweitung der Schutzgebiete

25.08.2016 | 08:42
Fotogalerie: der Waldbrand bei Son Serra de Marina

Die Luftaufnahmen der Feuerwehr auf Mallorca von Ende vergangener Woche zeigen das ganze Ausmaß des Schadens: Auf einer Fläche von rund 23 Hektar haben die Flammen im Grün des Kiefernwalds nahe des Naturstrands von Son Serra de Marina eine schwarzgraue Schneise hinterlassen. Hier, zwischen dem Gebiet der Playa de Muro und dem Parc de Llevant an der Nordostküste Mallorcas, liegt eines der ursprünglichsten Natur­gebiete der Insel – Kontrastprogramm zum Südwesten Mallorcas.

„Das sind viele Hektar Privatwald, die sich jeder Kontrolle entziehen“, meint Bartomeu Gili, Bürgermeister der Gemeinde Artà, in deren Gebiet das vom Brand betroffene Gebiet von Sa Canova liegt. Die Eigentümer der Ländereien dürfen zwar nicht bauen, weil ein Großteil des Gebiets unter Landschaftsschutz (ANEI) steht. Doch diese Rechtsfigur ist nur von baupolitischer Relevanz – der Wald ist praktisch sich selbst überlassen.

Da sich fast zeitgleich etwas weiter nördlich im Feuchtgebiet s‘Albufera ein weiteres ökologisches Desaster abspielte – durch das Leck in der Leitung einer Kläranlage wurden vier Hektar im Bereich des Feuchtgebiets s‘Albufera verunreinigt –, muss sich die balearische Linksregierung fragen lassen, wie ernst es ihr mit ihrer Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik gerade im Fall der Nordostküste ist. Während das Welterbe der Tramuntana und die Pläne für das Naturschutzgebiet Es Trenc die öffentliche Debatte bestimmen, fühlt man sich gerade in Artà im Stich gelassen. Dabei geht es nicht nur um die Ausweisung von Schutzgebieten, sondern auch darum, wie Auflagen in der Praxis umgesetzt und Programme finanziert werden.

Im Fall von Sa Canova fordert die Gemeinde eine Ausweitung des Naturparks Llevant. Würden weitere Grundstücke zum Naturschutzgebiet erklärt, wäre die öffentliche Verwaltung zur Pflege des Waldes und zu Brandschutzmaßnahmen verpflichtet, argumentiert Bürgermeister Gili – auch wenn man bislang noch nicht wisse, was letztendlich die Ursache für den Waldbrand gewesen sei. Das Beste wäre ohnehin, wenn das gesamte Küstengebiet entlang der Bucht zwischen Port d‘Álcudia und dem Cap Ferrutx als zusammenhängender Naturraum geschützt würde.

Bislang misst der Parc de Llevant mit seiner kaum besiedelten, welligen Landschaft und den wenig besuchten, weil abgelegenen Naturstränden 1.648 Hektar und umfasst dabei die drei öffentlichen Landgüter Albarca, Ses Verger und s‘Alqueria Vella. Eigentlich sollte das Naturschutzgebiet um ein Vielfaches größer sein, doch nach der Abwahl der ersten Linksregierung Antich 2003 stutzten die Konservativen das von ihren Amtsvorgängern ausgewiesene Gelände wieder deutlich zurück und begründeten dies mit dem Protest der Besitzer privater Fincas, die in das Gebiet eingegliedert worden waren.

Gili plädiert nun einerseits dafür, Ländereien durch die öffentliche Hand zu erwerben, die ohnehin zum Verkauf stünden – beispielsweise die Finca Es Canons mit dem Landgut Betlem oder die Naturbucht Es Caló. Zu diesem Zweck könnten die Einnahmen aus der im Juli auf den Balearen eingeführten Touristensteuer verwendet werden. Andererseits seien inzwischen viele Privatbesitzer an der Ausweitung des Naturschutzgebiets interessiert, weil sie so an Fördergelder für Schutzmaßnahmen kämen, die sie bislang aus eigener Kraft nicht stemmen konnten. „Immer ist von Nachhaltigkeit die Rede, aber bisher sind das nur schöne Worte“, so der Politiker der konservativen Regionalpartei El Pi über die balearische Linksregierung.

Im Landesumweltministerium wird freilich an vielen Fronten gekämpft. Für den Parc de Llevent gebe es aktuell kein Projekt zur Erweiterung, heißt es gegenüber der MZ. „Was sollen wir große Pläne verkünden, wenn uns danach das Personal fehlt“, so eine Sprecherin. Schon bei den meisten der bestehenden Parks auf den Balearen fehlen die finanziellen Mittel, um genügend Personal einzustellen und Maßnahmen umzusetzen. In der Pipeline sind zudem die Erweiterungspläne für den Nationalpark Cabrera, die Ausweisung des Naturschutzgebiets Es Trenc – das Projekt erweist sich wegen des Besucheransturms als besonders konfliktreich und komplex – sowie mehrere Meeresschutzgebiete.

Konkrete Erweiterungspläne gibt es hingegen für das Feuchtgebiet s‘Albufera – genau in dem Bereich, wo sich jetzt geschätzte bis zu 20.000 Kubikmeter Abwasser ergossen haben. Es handelt sich dabei um die Finca Son Bosc in der Gemeinde Muro, wo nach einem jahrelangen Rechtsstreit ein geplanter Golfplatz endgültig verhindert wurde. Das Leck trat bereits am ­vorvergangenen Wochenende auf, wurde am Montag (15.8.) entdeckt und Mitte der Woche gestopft. Ein Teil des Abwassers konnte noch abgesaugt werden, der Rest versickerte im sandigen Boden. Nun droht nach Einschätzung der Umweltschutzvereinigung Gob durch die Anreicherung mit Nitraten vor allem der Flora ein größerer Schaden – wobei die Parkleitung auch vorher schon über die chronischen Probleme mit der Wasserqualität klagte. Das Leck sei nur die Spitze des Eisbergs, heißt es.

Geplatzt war eine Abwasserleitung, die den jetzt im August praktisch ausgebuchten Touristenort Can Picafort mit der Kläranlage von Playa de Muro verbindet, die wiederum direkt an den Naturpark s‘Albufera angrenzt. Dass die veraltete Leitung nicht längst gewartet wurde, begründet das balearische Wasserwirtschaftsamt damit, dass schließlich ohnehin der Bau einer neuen Kläranlage in Can Picafort geplant sei. Die Gemeinde Santa Margalida jedoch, in deren Gebiet der Küstenort liegt, lehnt den Bau wegen eines geplanten Ableiters am Meeresboden der Bucht ab – das Projekt ist bereits seit rund zehn Jahren blockiert.

Auch der Bürgermeister von Artà hält nichts von einer Klär­anlage im nahe gelegenen Can Picafort – im Nordosten ist sich jede Gemeinde selbst die nächste. Aber zumindest über die Parteigrenzen im Gemeinderat hinweg wolle man das Projekt einer Erweiterung des Parc de Llevant vorantreiben, meint Gili. Im September soll das Thema wieder auf die Tagesordnung.

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