"Sie will niemals an die Schule zurück"

Nach einer Attacke von Mitschülern wird ein Mädchen im Krankenhaus behandelt. Der undurchsichtige Fall löst eine spanienweite Debatte über Mobbing aus

18.10.2016 | 12:11
Ausnahmezustand an der Schule: Auf diesem Pausenhof soll die Achtjährige angegriffen worden sein.

Polizisten stehen am Schultor, als Eltern am Montagmorgen (10.10.) ihre Kinder bringen. Aber auch ein Dutzend Reporter hat sich vor der öffentlichen Schule Anselm Turmeda in Palmas Norden in Stellung gebracht, einer von ihnen geht live auf Sendung für ein vormittägliches Boulevardmagazin im spanischen Fernsehen. Eltern schimpfen über die Schulleitung, fordern den Rücktritt der Direktorin sowie die Versetzung mehrerer Schüler, die zusammen über ein achtjähriges Mädchen hergefallen seien.

Der Übergriff, über den ganz Spanien debattiert, ereignete sich am Mittwoch vergangener Woche gegen 11 Uhr in der Schule in Palmas Viertel Son Roca. Die Schülerin wollte nach Angaben ihrer Familie zum Ende der Pause einen Fußball beim Lehrer abgeben, als sie von Mitschülern angegriffen worden sei. Ein 14-Jähriger drückte sie auf den Boden, während mehrere Jungs auf sie eintraten, berichtet später eine ältere Schwester. Dickerchen und marimacho hätten sie sie genannt, „Mannweib", weil sie Fußball spielte, obwohl das nichts für Mädchen sei. Die taugten sowieso nichts. Das Opfer wurde schließlich mit mehreren Blutergüssen und einer Nierenverschiebung ins Landeskrankenhaus Son Espases eingeliefert.

Die Debatte, in der sich auch der spanische Innenminister Jorge Fernández Díaz zu Wort meldete, wäre wohl nicht so hochgekocht, wenn die Schule anders mit dem Fall umgegangen wäre. Die Mutter erfuhr von dem Übergriff nach eigenen Angaben erst Stunden später, als sie ihr Kind von der Schule abholte. Weder sei ein Arzt verständigt worden, noch hätte die Schule Diszi­plinarmaßnahmen eingeleitet - es war offenbar bei einem Rüffel geblieben. Es sei auch keine Pausen­aufsicht in der Nähe gewesen, die eingeschritten wäre.

Hinzu kommt, dass die Achtjährige sowie auch eine weitere Schwester im Alter von zwölf Jahren laut der Familie schon seit Monaten unter Hänseleien, Drohungen, aber auch Tätlichkeiten zu leiden gehabt hätten, über die man die Schulleitung informiert habe. Die Mutter wirft der Schulleitung außerdem vor, versucht zu haben, den Vorfall zu vertuschen und später herunterzuspielen.

Die Polizei hat inzwischen sechs Kinder als mutmaßliche Angreifer identifiziert. Sie sind alle unter 14 Jahre alt und damit strafunmündig. Allerdings wurde der Fall an die Jugendstaatsanwaltschaft übergeben, die die Kinder vernehmen und auch deren familiäres Umfeld überprüfen will, um falls nötig das Jugendamt einzuschalten.

Eine Untersuchung hat auch die balearische Schulbehörde eingeleitet. Eine knappe Woche nach dem Vorfall nahm am Dienstag (11.10.) der balearische Bildungsminister Martí March Stellung, nachdem auch die oppositionelle Volkspartei Erklärungen gefordert hatte. March verurteilte den Vorfall, streute aber Zweifel an der Darstellung der Familie und sprach der Schulleitung seine Unterstützung aus. Seinen Informationen zufolge hätten zwei Lehrer den Pausenhof beaufsichtigt – wobei unklar blieb, was sie gesehen haben. Anzeigen über mutmaßliche vorherige Mobbing-Fälle lägen weder der Schule noch dem Bildungsministerium vor. Man müsse zunächst die Untersuchung abwarten und auch die Schwierigkeiten in einem sozialen Brennpunkt wie dem Viertel Son Roca berücksichtigen, so March.

Die Elternvereinigung von Anselm Turmeda lobte in einer Mitteilung sogar ausdrücklich die „gute Arbeit" der Schule. Deren Leitung äußerte sich nicht offiziell. Laut Medienberichten herrscht jedoch Unmut über den Medienrummel, die Ereignisse würden übertrieben, von Mobbing könne nicht die Rede sein. Nicht namentlich genannte Lehrer sprachen von einem Ballspiel, das außer Kontrolle geraten sei.

Die Familie hat unterdessen angekündigt, die Versetzung der Achtjährigen zu beantragen. „Sie will niemals an die Schule zurück, sie hat Angst." Das gelte auch für die zwölfjährige Schwester. Zudem haben weitere Eltern gegenüber der Presse damit gedroht, ihre Kinder solange nicht mehr zur Schule zu bringen, bis die beschuldigten Mitschüler von der Einrichtung verwiesen würden.

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