Genmais auf Mallorca durch die Hintertür

Das Balearen-Parlament hatte die Insel 2007 zur "genfreien Zone" erklärt. Doch das waren fromme Absichten. Die Praxis sieht anders aus

14.02.2017 | 11:42
Genmais wird als Futtermittel für Tiere angebaut.

Wenn Nofre Fullana ein Maisfeld auf Mallorca sieht, dann klingeln bei ihm die Alarmglocken. „Die Chance ist groß, dass es sich um MON-810 handelt", so der Naturschützer vom Verband ökologischer Landwirtschaft (Apaema). MON-810 ist die gentechnisch veränderte Sorte, die weltweit am häufigsten angebaut wird. Vor allem dort, wo bewässert werde, könne man von Genmais ausgehen.

Auf den Balearen dürften davon zuletzt knapp 140 Hektar angebaut worden sein, wobei sich die Felder ausschließlich auf Mallorca befinden. Das sind Zahlen für das Jahr 2014, und es war laut Fullana nicht leicht, an sie heranzukommen. „Wir haben mehrere Monate auf eine Antwort des spanischen Landwirtschaftsministeriums gewartet." Weil zudem die Angaben von Zentralregierung und Landesregierung nicht übereinstimmten, wurde die Anbaufläche über das verkaufte Saatgut errechnet. Die Formel: Eine handelsübliche Einheit MON-810 enthalte 50.000 Körner, drei Dosen reichten für einen Hektar. Da Bewässerung notwendig sei, befänden sich die Felder bei Palma, Sa Pobla, Campos, Manacor und Muro.

Dabei sollten die Inseln eigentlich „genfreie Zone" sein. Das beschloss zumindest das Balearen-Parlament im Jahr 2007. Allerdings hatte der damalige Beschluss keine rechtlichen Auswirkungen, sondern beschränkte sich auf eine Absichtserklärung. Nach Einschätzung des Agrarverbands Asaja wäre ein solches Verbot auch gar nicht möglich. „Sie können uns ja auch nicht verbieten, Artischocken anzubauen", meint Geschäftsführer Joan Simonet überzeugt.

Bislang ist Mais die einzige genveränderte Pflanze, die auf Mallorca angebaut wird, und zwar als Nahrung für die Tiere, sei es als Grünfutter oder als Körner. Bei diesem sogenannten Bt-Mais sind Gene aus anderen Organismen eingeschleust worden, um die Schädlingsabwehr zu verbessern. Ein weiteres Ziel der „grünen Gentechnologie" ist eine höhere Resistenz gegenüber Herbiziden, um die Unkrautbekämpfung zu erleichtern.

Mal abgesehen von der Debatte über Langzeitrisiken, zu denen es bislang wenig aussagekräftige Studien gibt, sieht Fullana im Genmais-Anbau vor allem eine Gefährdung der ökologischen Landwirtschaft auf Mallorca. „Der Samen kann bis zu einem Kilometer weit fliegen", warnt der Umweltschützer. Es seien bereits Felder kontaminiert worden, deren Obst oder Gemüse dann nicht mehr als Bio-Erzeugnis vertrieben werden konnte. Und da auch konventioneller Mais oft kontaminiert sei, könne das Risiko nur schwer abgeschätzt werden.

Der Genmais gefährde beispielsweise das Projekt von Apaema, früher auf Mallorca übliche Maissorten wieder anzubauen. Vor einigen Jahren habe man in einer Art „archäologischer Arbeit" das Saatgut ausgemacht und pflanze es nun auf Versuchsflächen an, so Fullana. Um eine Kontaminierung auszuschließen, wachsen die Pflanzen im unzugänglichen Gebiet von La Trapa, einem Landgut der Umweltschutzvereinigung Gob in der Gemeinde Andratx.

Asaja-Geschäftsführer Simonet hält diese Sorgen für übertrieben. Der Samen fliege lediglich bis zu 60 Meter weit. Der Genmais spiele zudem auf Mallorca eine untergeordnete Rolle – neben der Bewässerung sei auch eine Mindestgröße der Felder wichtige Voraussetzung für den Anbau, „sonst lohnt sich das sowieso nicht für den Bauern". Die öffentliche Debatte über die Risiken werde auf der Basis von Spekulationen geführt.

Das balearische Landwirtschaftsministerium hält sich bislang zurück – auch wegen Zweifeln bei der Zuständigkeit hinsichtlich von Verboten. Die Behörde prüft aber, ein Dekret zu erlassen, das das Nebeneinander von konventioneller oder biologischer Landwirtschaft einerseits und dem Anbau genmanipulierter Pflanzen andererseits regelt.

Nach Ansicht von Fullana geht ein solcher Schritt nicht weit genug. Er verweist auf eine Entscheidung auf EU-Ebene vom vergangenen Jahr, wonach Regionen durchaus ein Moratorium erlassen könnten. Das sei derzeit etwa in der Region Valencia in Vorbereitung. Und dann wäre da das Beispiel Deutschland, wo bislang keine gentechnisch veränderten Pflanzen zu kommerziellen Zwecken angebaut werden. Vor einigen Wochen brachte die Bundesregieurng eine Neuregelung des Anbauverbots für Genpflanzen auf den Weg, das die Verantwortung zwischen Bund und Ländern aufteilt. Warum sollten also die Balearen hinten anstehen, argumentiert Fullana: „Da ist jetzt Mut gefragt."

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