Gute Noten für die neue Bildungspolitik auf Mallorca

Schulabbrecher, Lehrermangel, heruntergekommene Einrichtungen - wie die Landesregierung dagegenhält und dafür zum Schuljahresbeginn gelobt wird

17.09.2017 | 02:30
Gute Noten für die neue Bildungspolitik auf Mallorca

Für viele Schüler und Lehrer auf Mallorca sind die schier endlosen Sommerferien die schönsten Monate des Jahres. Den Eltern bereiten sie regelmäßig Kopfzerbrechen darüber, wie sie ihren Nachwuchs fast zwölf Wochen lang unterbringen und beschäftigen sollen. Am Mittwoch (13.9.) ist es damit wieder vorbei, das Schuljahr 2017/18 startet. Zeit für ein Zwischenfazit der Inselpolitik im Bildungswesen nach gut zwei Jahren Legislaturperiode der Linksregierung.

Die Ausgangssituation

Als der Linkspakt 2015 an die Macht kam, stand es um die Bildung nicht gut. Die Krise hatte ihre Spuren hinterlassen, was sich vor allem bei den Investitionen in Personal und Schulgebäude bemerkbar machte. Zum einen in Sachen Finanzen: Der Haushalt 2013 sah für Bildung gerade einmal 724,7 Millionen Euro vor, im Jahr danach waren es immerhin 740,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: 2009 waren in diesen Bereich noch 910,2 Millio­nen Euro geflossen.

Das eine aber sind die nackten Zahlen, das andere die in weiten Teilen des Sektors kritisierte Herangehensweise der PP an die Bildungspolitik. „Die Verantwortlichen im Ministerium in der vergangenen Legislaturperiode haben keinerlei Probleme gelöst, sondern im Gegenteil noch mehr geschaffen", poltert Albert Lobo, Vizepräsident der Elternvereinigung FAPA und selbst Lehrer.

Lobo kann auch rückblickend immer wieder nur mit dem Kopf schütteln, wenn es um die Besetzung von so manchem Posten im Bildungsministerium geht. Und mit ihm Llorenç Llop, der Präsident der Direktorenvereinigung der Sekundarstufe auf Mallorca. „Immerhin hatten wir eineinhalb Jahre eine Immobilienmaklerin als Bildungsministerin (Joana Maria Camps, Anm. d. Red.)", erinnert sich Llop mit ironischem Unterton. Jetzt habe man endlich mit Leuten „vom Fach zu tun", die wüssten, wovon sie sprechen. Bildungsminister Martí March ist promovierter Erziehungswissenschaftler.

Mehr Dialog

Um es vorwegzunehmen – die Beteiligten im Bildungsbereich sind fast durch die Bank angetan von den Bemühungen der Linksregierung. „Eine Bilanz der Politik in den vergangenen zwei Jahren fällt positiv aus", sagt Llop. Es gebe deutlich mehr Dialog zwischen Politik und Akteuren im Bildungsbereich. „Es wird viel mehr auf uns eingegangen", berichtet auch Lobo. Vergessen sind die Auseinandersetzungen über das Drei-Sprachen-Modell TIL, das mit ein Grund für die PP-Niederlage bei den vergangenen Wahlen war, Lehrer- und Elternverbände waren dagegen Sturm gelaufen. Die Erinnerung an die zu jeder Gelegenheit getragenen grünen Protest-T-Shirts ist noch frisch, „der Krieg aber ist vorbei", wie es die deutsche Stadträtin Alice Weber aus Inca ausdrückt, die bei der linken Regierungspartei Més für Bildungspolitik zuständig ist.

Die neue Dialogbereitschaft unterstreicht auch der Präsident der konservativen Escuela Católica auf Mallorca, Bernat Alemany. Die Escuela Católica betreibt 76 der 113 halböffentlichen Schulen der Insel. „Die Regierung hat eine Politik der offenen Türen etabliert. Die Dinge geschehen jetzt im Konsens." Da­raus soll demnächst ein neues Bildungsgesetz werden, das im September auf den Weg gebracht werden und noch vor Ende der Legislatur­periode in Kraft treten könnte.

Das liebe Geld

Um voranzukommen, hat die Linksregierung deutlich mehr Geld in die Hand genommen als die Vorgängerregierung. Der Haushalt stieg in den vergangenen Jahren von 775 Millionen Euro 2015 über 817,2 Millionen Euro im ­vergangenen Jahr bis zu rund 880 Millionen Euro in diesem Jahr – trotz allem noch immer nicht die Summe, die 2009 erreicht worden war. „Die Erhöhung des Etats ist gut und wichtig. Dafür, dass die Regierung aber vor dem Amtsantritt von der Legislaturperiode der Bildung sprach, ist er immer noch deutlich zu gering", kritisiert Elternsprecher Lobo. Sein Verband hat deshalb eine Kampagne in den sozialen Netzwerken gestartet – mit dem Ziel „eine Milliarde Euro für die Bildung". Eine Zahl, die Alice Weber nicht für übertrieben hält. „Für Bildung kann man nie genug ausgeben. Wenn ein Staat nicht auf die Bildung setzt, ist alles andere uninteressant." Hier setzt auch die Kritik der bildungspolitischen Sprecherin der konservativen Volkspartei PP, Nuria Riera, an. „Die Regierung hatte versprochen, fünf Prozent des Haushalts der Bildung zu widmen. Davon sind wir weit entfernt."

Geld ist nicht alles

Doch es geht nicht nur ums Geld. „Wichtig ist auch, langfristiger zu planen und die künftigen Lehrer besser auszubilden. Außerdem müssen die Zugangsvoraussetzungen für den Lehrerberuf strenger werden", sagt Llop, der Sprecher der Direktoren. Diesbezüglich sei die Regierung mit dem Plan „Cap a'l èxit educatiu", den sie im vergangenen Oktober vorlegte, auf einem guten Weg. 106 Maßnahmen für eine Verbesserung im Bildungsbereich werden darin aufgeführt. „Das ist das erste Mal, dass sich eine Regierung so ernsthaft mit dem Thema Bildung auseinandersetzt", lobt Llop. Für positiv hält er vor allem, dass den Schulen mehr Autonomie eingeräumt wird als früher. Und auch die Zahl der Lehrer werde kontinuierlich ausgebaut. Bei ihrer Vergütung sei man dazu übergegangen, wieder verschiedene Extras einzuführen, die die Vorgängerregierung abgeschafft hatte, sagt Bernat Alemany.

Neue Lehrerstellen

Die Landesregierung hat seit dem Regierungswechsel 800 neue Lehrer eingestellt. Inzwischen befinde man sich wieder auf dem Niveau von vor der Krise, so Alice Weber. „Das ist aber trotzdem noch zu wenig, weil die Schülerzahl seitdem deutlich gestiegen ist." Albert Lobo fordert vor allem noch mehr Aushilfslehrer, die auch auf die Bedürfnisse von Kindern mit Förderbedarf eingehen könnten. Dafür hätten die eigentlichen Pädagogen oft keine Ressourcen. PP-Politikerin Nuria Riera erinnert indes daran, dass die gestiegene Lehrerzahl vor allem durch das staatliche Bildungsgesetz Lomce bedingt ist. „Der Linkspakt kann sich den Ausbau der Lehrerstellen nicht ans Revers heften."

Schulabbrecher

Die Schulabbrecherquote auf den Balearen ist immer noch mit die höchste in ganz Spanien. Im vergangenen Jahr lag der Prozentsatz bei 26,8 Prozent, in diesem Jahr dürfte er ähnlich ausfallen. Zum Vergleich: In Deutschland lag diese Quote 2015 bei 5,9 Prozent.

Es ist ein Thema, dass die Balea­ren schon seit Jahrzehnten mit sich herumtragen. Auch ungelernte Arbeitskräfte finden im Tourismus ein Auskommen – ein Anreiz, die Schule früh abzubrechen. „Man hat dieses Problem nie in den Griff bekommen, weil man es nie wirklich systematisch angegangen ist", findet Direktorensprecher Llop. Inzwischen gehen die Klassenstärken langsam zurück und es werde weniger auf stures Auswendiglernen gesetzt, berichtet Alemany, zwei Ansätze auf dem weiten Weg zur Reduzierung der Schulabbrecher.

Stipendien

Die Balearen dümpeln vor dem Baskenland weiterhin auf dem vorletzten Platz herum, was finanzielle Unterstützung der Eltern durch die spanische Zentralregierung angeht. Nur gerade einmal 12 Euro pro Einwohner gibt Madrid auf den Balearen an Lernunterstützung aus. In Andalusien ist es das Vierfache. Und das, obwohl es auf den Balearen aufgrund von Behinderung, Fremdsprachenunkenntnis oder sozial benachteiligten Familien einen doppelt so hohen Bedarf an Stipendien gibt wie in einer spanischen Durchschnittsregion.

Die Landesregierung hat auch hier nachgebessert, im Speziellen bei den Zuzahlungen zum Schul­essen. „Vor allem hat sich die Planungssicherheit verbessert", sagt Alice Weber. Seit diesem Schuljahr wüssten die Eltern bereits zu Beginn, ob sie eine finanzielle Unterstützung bekommen. Die erste Rate wird im Oktober bereits überwiesen, die zweite dann im Frühjahr. Bislang mussten die Eltern zunächst zahlen und erfuhren dann kurz vor Schuljahresende, ob sie in den Genuss einer Unterstützung kommen. 3.200 Schüler bekommen in diesem Schuljahr eine Zuzahlung, 260 mehr als vergangenes Jahr.

Neue Schülerverteilung

Positiv bewerten Direktoren und Elternvertreter die neue Verteilung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen wie etwa Behinderungen oder Aufmerksamkeits­defiziten. Llorenç Llop berichtet, dass diese Schüler künftig zwischen öffentlichen und den halb-öffentlichen Schulen, den ­sogenannten colegios concertados, aufgeteilt werden. Besser verteilt werden sollen auch Kinder von ausländischen Familien, die noch kaum Spanisch sprechen. „Ab sofort dürfen nicht mehr als fünf Schüler ohne Spanischkenntnisse in einer Klasse sein", erklärt Alice Weber. Damit sollen Fälle wie in Inca im vergangenen Schuljahr verhindert werden. Dort seien in einer Klasse 23 von 25 Kindern Ausländer gewesen, die kaum Spanisch gesprochen hätten. „Die neue Verteilung ist sehr wichtig, um eine Gettobildung zu ­verhindern."

Infrastruktur

Voran geht es indessen auch in Sachen Renovierung und Neubau von Schulen – ein Thema, dass die Vorgängerregierung laut Direktorensprecher Llop sträflich vernachlässigt habe. Das ist eine Kritik, die Nuria Riera von der PP so nicht auf sich sitzen lassen will: „Die Neubauten, die jetzt angegangen werden, werden zum großen Teil mit Geld finanziert, das wir 2014 bei den Banken in einer schwierigen Zeit lockermachen konnten." Man habe nun einmal auf dem Höhepunkt der Haushaltskrise regieren müssen.

Der Linkspakt stellte im vergangenen Dezember einen Investitionsplan in Schulgebäude in Höhe von 99 Millionen Euro bis zum Jahr 2019 vor. Allein in den Sommerferien sind nun in 75 Schulen Ausbesserungsarbeiten ausgeführt worden. Geplant sind außerdem elf Neubauten auf den vier Inseln. „Fünf davon sind bereits begonnen worden", sagt Alice Weber. Nötig werden sie vor allem wegen des ungebrochenen Zuzugs von neuen Schülern. „Allein im vergangenen Jahr sind 2.009 Schüler während des Schuljahres auf die Inseln gekommen", sagt die Stadträtin.

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