Bedroht und nicht bedrohlich

Blauhaie sind Kosmopoliten und mit über 50 km/h ständig auf der Suche nach Nahrung. Zu fürchten haben wir sie trotzdem nicht

26.06.2017 | 15:03
Blauhaie sind gute Schwimmer.

Eigentlich ist er eher im Pazifik und Atlantik von Südamerika bis Großbritannien anzutreffen. Im Sommer folgt der Blauhai (Prionace glauca, span. tintorera) den großen Fischschwärmen wie Heringen, Makrelen und Thunfischen – wertvolle Beute auf seiner bis zu 12.000 Kilometer langen Wanderstrecke von Süden nach Norden. Doch es gibt auch Blauhaie, die das ganze Jahr über das Mittelmeer besiedeln und sich rund um die Balearen fortpflanzen. Die drei bis vier Meter großen Tiere haben strahlend dunkelblaue Rücken und Flossenoberseiten, Bauch und Flossenunterseiten sind dagegen weiß und die Flossenspitzen schwarz.

Blauhaie können bis zu 400 Meter tief tauchen und über 50 km/h schnell schwimmen. Auch an der Wasseroberfläche sind sie ab und an anzutreffen – die Rückenflosse ragt dann aus dem Wasser heraus. Der Küste nähern sich die bis zu 200 Kilogramm schweren Hochseehaie vor allem im Sommer nur selten, denn sie bevorzugen Wassertemperaturen von sieben bis 15 Grad. „Gute Chancen, jetzt einen Blauhai nahe Mallorca zu sichten, hat man rund um Cabrera und südlich von Dragonera", erzählt Juan Poyatos, der sich schon als Kind für Haie in einheimischen Gewässern interessierte und ein beachtenswertes Buch darüber geschrieben hat: „Tiburones en el Mar Balear".

Bei seinen Recherchen schwamm der Tauchexperte immer wieder mit Haien. Auch sammelte er Fotos von ihnen – Aufnahmen, die in den vergangenen von Touristen oder Fischern gemacht wurden. Zudem interviewte er zahlreiche Fischer auf Mallorca, die in den 70er Jahren noch täglich einen Hai aus dem Wasser zogen. „Heute werden nur noch wenige Exemplare gefangen", sagt Juan Poyatos, „und sie werden von Jahr zu Jahr kleiner".

Blauhaie sind neugierig und ziemlich selbstbewusst. Manchmal folgen sie stundenlang einem Fischerboot – offenbar ahnen sie, dass das Schiff sie zu Thunfischen oder Sardinen führen wird und dann womöglich auch Fischereireste über Bord werfen wird. Den Fischern gelte sie dabei eher als Störenfriede, weil sie den Fang in Netzen und Fangleinen attackieren.

„Auf dem Fischmarkt in Palma sieht man immer wieder mal einen zerlegten und gesäuberten Blauhai", sagt Juan Poyatos. Das Fleisch wird günstig verkauft, da es wegen seines hohen Ammoniakgehalts einen speziellen Geschmack hat. In Japan findet das harnsäurehaltige Fleisch mehr Absatz, als Frischware, gesalzen oder getrocknet. Außerdem werden in Asien die Flossen zu Haifisch­flossensuppe verarbeitet – eine Praxis, gegen die Meeresschützer schon seit Jahren protestieren.

Charakteristisch sind die lange, parabolisch geformte Schnauze sowie das Gebiss des Blauhais, weil er eine artspezifische ­Gebissformel besitzt. Das bedeutet, dass Blauhaie im Oberkiefer einen zentralen Zahn und dann auf jeder Seite bis zu 14 weitere dreieckige Zähne haben. Im Unterkiefer wachsen ein bis vier zentrale Zähne, links und rechts davon je 13 bis 15 Seitenzähne.

„Der Blauhai gehört zu den bekanntesten unter den mittelgroßen Haien in unseren Gewässern", erzählt Juan Poyatos. Blauhaie gehen getrennt auf Wanderschaft – in männlichen und weiblichen Gruppen. Früher erbeuteten die Fischer hauptsächlich weibliche Blauhaie. Deswegen dachten sie lange Zeit, dass das Männchen im Mittelmeer nicht vorkomme.

„Fotos von Blauhai-Weibchen mit Bisswunden am Körper beweisen aber, dass sie auch im Mittelmeer leben", so Juan Poyatos. Wegen der Bisspuren nehmen ­Meeresbiolgen an, dass der ­Paarung ein Vorspiel vorausgeht, bei dem die Männchen die Weibchen mit den Zähnen festhalten. Beobachtet wurde das zwar noch nie, Weibchen besitzen aber eine deutlich dickere Haut als die Männchen, was ebenso für die Vermutung spricht.

Die Junghaie ernähren sich im Uterus der Mutter von einem Dotter in Form eines Dottersacks. Blauhaie tragen den Nachwuchs zwischen neun und zwölf Monate im Bauch, anschließend bringen sie zwischen vier und 60 lebende Junge zur Welt, die bei der Geburt etwa 50 Zentimeter lang sind. Die Junghaie sind voll ausgebildete Miniaturversionen ihrer Eltern und können sofort allein jagen.

„Wenn wir heute nur das Wort Hai hören, denken wir sofort an eine gefährliche Bestie mit mehrreihigen Zähnen, die Menschen angreift und tötet", sagt Juan Poyatos. Mit der Realität in europäischen Gewässern habe das aber nichts zu tun, vielmehr sei die Gefährlichkeit für den Menschen lange Zeit übertrieben dargestellt worden. „Auf Mallorca ist nur ein einziger Hai-Angriff auf einen Fischer bekannt", erzählt Juan Poyatos. Der liegt mehr als 70 Jahre zurück, außerdem handelte es sich damals um einen weißen Hai. „Es ist wahrscheinlicher, dass ein betrunkener Tourist im Meer ertrinkt, als dass ein Hai einen Badenden angreift", sagt der Mallorquiner.

Juan Poyatos fürchtet sich vor etwas anderem: Dass rund um die Balearen immer weniger Hochseehaie existieren und sie bald ganz aussterben könnten. Gejagt wird der Blauhai im Mittelmeer zwar eher selten, auch wenn Hochseeangler sich für die Tiere interessieren und regelmäßig Fangrekorde anmelden.

Viel gravierender sind die Verluste, die bei der Schleppnetz- oder Leinenfischerei entstehen. Die von dem Fang angelockten Blauhaie verheddern sich in den Netzen oder an der Leine und verrecken elend, da sie für ihre Atmung in ständiger Bewegung sein müssen. Auf diese Weise sollen jährlich weltweit hunderttausende Tiere sterben. Auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen die Blauhaie aber noch nicht.

Juan Poyatos, Ana María Abril: Tiburones en el Mar Balear. Editorial Moll 2006. Zum Beispiel im Online-Shop von El Corte Inglés erhältlich für 28,50 Euro.

Erstmas erschienen am 26.11.2014

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