Die Schüler treffen sich nicht im Klassenzimmer, sondern in einer Art Garage. Aber heute steht ja auch nicht Mathe oder Grammatik auf dem Lehrplan, sondern vinicultura, also Weinherstellung. Unter der Anleitung von Eulogi Aleixandre lernen die elf Schüler, die im ersten Jahr der Ausbildung sind, wie aus Trauben Most wird. Wobei Schüler ein schwieriges Wort ist, denn die Klasse besteht aus Männern und Frauen zwischen 20 und 60 Jahren. Mit dabei ist etwa María Magdalena, die 39 Jahre alt ist und eigentlich Bäckerin ist. Aber gerade für Frauen sei es schwierig in ihrer Branche, sagt sie. Deswegen mache sie jetzt eine neue Ausbildung. Andere Schüler haben Eltern mit Weingütern oder die mittlere Reife und wollen nach der Ausbildung studieren.

Die weiterführende Schule IES Felanitx bietet die einzige Ausbildung in vitivinicultura, also im Anbau und der Herstellung von Wein, auf Mallorca an. Die Schüler kommen dafür von der ganzen Insel. Der Unterricht findet nachmittags von 15 bis 21 Uhr statt, damit die Azubis vormittags arbeiten können. Anders als in Deutschland ist eine Ausbildung in Spanien meist nicht an einen Betrieb gekoppelt.

Weinanbau-Schule auf Mallorca: Schüler produzieren einen eigenen Wein

Die IES Felanitx bietet zwar auch „duale“ Ausbildungen an, wie sie in Deutschland Standard sind. Es finden sich aber nicht viele Betriebe, die mitmachen. Umso mehr Wert legt die Schule auf Praxis. Die Schüler kümmern sich hier um Rebstöcke, die von der benachbarten Weinkellerei Armero i Adrover gepachtet sind. Sie pressen die Trauben, lassen den Most gären. Am Ende produzieren sie einen eigenen, unverkäuflichen Wein.

Ana Ramal ist die Studienleiterin der gesamten Nachmittagsausbildung in dem Schulzentrum. Dazu gehört neben Weinbau beispielsweise auch Gärtnerei. Sie selbst unterrichtet die zukünftigen Winzer in Biochemie, zeigt ihnen im Labor, wie sie den Alkohol- oder Säuregehalt des Weins überprüfen. Außerdem haben die Schüler Unterricht in Gesetzgebung, Unternehmertum, Pflanzenkunde oder Weinverkostung.

Ana Ramal ist die Studienleiterin für den Weinbau. Nele Bendgens

Damit die Schüler üben können, haben die Lehrer Ende August auf dem Feld, das die Auszubildenden während des Schuljahrs bewirtschaftet hatten, die Trauben gelesen. „Die Natur hält sich leider nicht an das Schuljahr von September bis Juni“, sagt Ana Ramal. Die Trauben haben die Lehrer dann eingefroren, im Laufe des Jahres werden sie nach und nach für den Unterricht aufgetaut.

Wein muss richtig eingestellt sein

In der Unterrichtsgarage pressen die Auszubildenden gerade den Most aus einer Ladung Trauben. Carles Pons füllt ein Weinglas und geht mit zwei Mitschülern vor die Garage. Sie halten ein Refraktometer in die Sonne und schauen durch. Mit dem Gerät lässt sich der Zuckergehalt im Saft messen und damit auch der Alkoholgehalt im späteren Wein. 14 Prozent sind es. Fehlt noch der pH-Wert. Die Säure des Weines muss richtig eingestellt sein, damit er gut schmeckt. Die Schüler gehen dafür in das schuleigene Labor. Pons nimmt mit einer Pipette den Traubenmost aus dem Weinglas und gibt tröpfchenweise chemische Mittel dazu. Er grinst: „Ich fühle mich wie bei ‚Breaking Bad‘ (US-Fernsehserie über die Methamphetamin-Herstellung, Anm. d. Red.).“

Die Schüler erstellen ihren eigenen Wein Nele Bendgens

Der 27-Jährige hatte bisher nur wenig mit Laboren zu tun. Er hat Philosophie studiert, als Kellner gearbeitet. Jetzt macht er die Ausbildung, weil er in einem „Beruf mit Perspektive“ arbeiten will. Viele der Auszubildenden sagen, dass sie wegen der guten Arbeitschancen hier sind. Und das zu Recht: „Alle unsere Schüler finden nach der Ausbildung Arbeit“, sagt Joan Roselló. Der Lehrer unterrichtet Marketing und Weinverkostung im zweiten Jahr. Aber die Auszubildenden haben noch weitere Gründe: die Arbeit in der Natur, die Kreativität bei der Weinherstellung. Ein Schüler lacht bei der Frage und sagt nur: „Ich mag Wein nicht, ich liebe ihn.“