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Mallorca Zeitung

Finca zwischen Himmel und Erde: Wie zwei Deutsche auf Mallorca die Kraft der Tramuntana erfahren und erhalten

Das Anwesen Fartàritx, gelegen in einer Hochebene der Tramuntana bei Pollença, bietet den Menschen auf der Insel seit Jahrtausenden einen idealen Lebensraum. Dabei spielte immer auch die Mystik eine Rolle. Wie ein deutsches Paar diese Tradition neu belebt

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Fartàritx - mythische Finca in der Tramuntana Frank Feldmeier

Nicht weit hinter dem Gutshaus beginnt das Rauschen. Es sind gleich drei Quellen, die hier zusammenfließen und auch noch im Hochsommer sprudeln. Am morastigen Boden vorbei und über Felsen gelangt Rolf Schulz behände zu einem kleinen Wasserfall im Schatten von Steineichen. Das frische Quellwasser aus den Bergen ist nicht nur eine Attraktion für die Enkel, wenn sie zu Besuch sind, sondern auch einer der Gründe, warum Fartàritx trotz seiner abgeschiedenen Lage in rund 450 Metern Höhe über dem Meeresspiegel schon seit Jahrtausenden den Menschen einen Lebensraum bietet.

Das rund 200 Hektar große Landgut zwischen Campanet und Pollença bewirtschaften heute Heidi und Rolf Schulz, nur ein Mitarbeiter geht ihnen derzeit zur Hand. Für das Paar aus Hamburg ist Fartàritx ein Refugium für einen aktiven Lebensabend. Für Fartàritx ist das deutsche Paar eine Chance, dem Schicksal so vieler Landgüter im Gebiet der Tramuntana zu entgehen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgegeben und sich selbst überlassen wurden. Und so mischen sich bei allem, was Rolf Schulz während des MZ-Besuchs auf Fartàritx erzählt, die Begeisterung für Idylle, Geschichte und Mystik dieser Landschaft mit den Ideen eines Ingenieurs und versierten Tüftlers, wie dieser bislang vernachlässigte Schatz kultiviert und im Einklang mit der Natur genutzt werden kann. Im Fokus dieser Arbeit stehen Wildkräuter – Zutaten für Elixiere mit Bio-Zertifikat, die in Kürze in den Verkauf gehen sollen.

Suche nach der idealen Finca

Bei der Anfahrt über die genauso steile wie kurvenreiche Piste, bei der das Auto mehrfach aufsetzt, fragt man sich unwillkürlich, wie die beiden diese Finca überhaupt gefunden haben. Eigentlich sollte es nach einem bewegten Berufsleben nach Südafrika gehen, aber ein dortiges Weingut erwies sich als zu weit entfernt für den Kontakt mit Kindern und Enkelkindern in Deutschland. Drei Jahre lang habe er auf Mallorca recherchiert, um Fartàritx zu finden, erzählt der heute 70-Jährige, der vor seinem Ruhestand 2006 Unternehmen zu Energiewirtschaft beraten hat. Die Finca sollte groß genug sein, um keine Nachbarn wahrzunehmen, vielfältig, bergig und nicht weit vom Meer entfernt, mit Wald, Wiesen und ausreichend Wasser.

Am Eingangstor auf einem Pass, das Wanderer über eine Holzleiter daneben umklettern können, werden die Dimensionen der Finca klar. Der Blick reicht links auf den Puig des Ca und den gut 1.000 Meter hohen Puig Tomir, geradeaus ist das Gutshaus inmitten der Hochebene zu erkennen, rechts zeichnet sich die östliche Tramuntana ab. Die Buckelpiste führt an Hainen mit uralten Olivenbäumen vorbei, an einem eingezäunten Areal mit Roggen und Kräutern, an Felsformationen. Eine Hirschkuh kreuzt den Weg. Neben den in der Tramuntana allgegenwärtigen Ziegen und Schafen verlören sich in der Weite des Landguts auch wilde Kühe und ein Schimmel, die die Vorbesitzer hier irgendwann einmal aussetzten, erzählt Schulz. Auch die vielen Insekten fallen auf, Schmetterlinge in großer Zahl flattern umher, es riecht wie im Kräuterladen.

Und beim Rundgang sieht man dann auch die Arbeit, die das Paar seit dem Kauf 2016 in die Finca gesteckt hat, nicht nur in Form erneuerter Wege, Mauern und Zäune sowie auch Wegweisern für Wanderer. Der Deutsche öffnet nahe des Wasserfalls eine Hütte. Außen sind Schläuche zu sehen, innen Turbinen, mit denen die Wasserkraft genutzt wird, wenn der Strom anschwillt. Aber auch im Hochsommer sprudele mindestens ein halber Liter pro Sekunde, erklärt der studierte Maschinenbauingenieur. Auf einer Scheune sind Solarmodule montiert. Das Gutshaus wird im Winter mit einem effizienten Holzvergaser geheizt. Zwischen Kräuterfeldern stehen Solartrockner bereit. Einen Swimmingpool gibt es dagegen nicht.

Neben der Arbeit erkundeten Heidi und Rolf Schulz das Landgut. Auf immer ausgedehnteren Wanderungen stießen sie auf Orte, die Fragen aufwarfen. „Wir fanden immer mehr mystisch anmutende Plätze, Höhlen, Wäldchen, Schluchten, Ruinen“, so das Paar, „und immer wieder Felsformationen, von denen eine magische Energie auszugehen schien.“ Um das zu demonstrieren, führt der Deutsche den Besucher auf ein Feld, auf dem Olivenbäume ihre verknorrten Äste in die Luft strecken. Ein zugewucherter Weg führt hinauf zu einem Felsen auf einer kleinen Anhöhe. „Spüren Sie etwas? Selbst unsensible Besucher haben uns gesagt: Hier ist etwas anders.“

Mehr als 3000 Jahre Geschichte

Um derlei Rätsel zu lösen, versuchte das Paar zunächst, im Archiv von Pollença mehr über Fartàritx zu erfahren. Weil das aber wenig ergiebig war, beauftragten sie den Archäologen Jaume Deyá und den Historiker Rafel Morro, die Geschichte des Landguts zu erforschen. Das Ergebnis ist ein 60-seitiger, wissenschaftlicher Bericht. Er reicht zurück bis in die mittlere Bronzezeit (1500 bis 1300 vor Christus). Die Forscher verweisen darin auf die idealen Lebensbedingungen, „die von Anbeginn menschlicher Existenz auf Mallorca alle Gesellschaften anzogen, die sich auf der Insel niederließen“.

Davon zeugen eine Grabstätte in der Cova dels Morts, der „Höhle der Toten“, sowie die Reste zweier Siedlungen. Auch ein Talaiot, ein steinerner Rundbau aus der gleichnamigen Epoche im ersten Jahrtausend vor Christus, ist auf Fartàritx dokumentiert. In der Umgebung der Passhöhe, am Coll de Miner, fanden sich Reste von Weihe- und Begräbnisstätten. Eine derartige Dichte solcher Orte „lässt vermuten, dass die Menschen jener Zeit dieses Gebiet als Stätte des Kults und des Übergangs zwischen der Welt der Lebenden sowie der Welt der Toten und der Götter verstanden“. Der Zauber von Fartàritx hat eine lange Geschichte.

Tonscherben auf dem Landgut zeugen auch von Besiedlung in der Zeit nach Ankunft der Römer im Jahr 123 vor Christus. Der Name des Landguts geht aber wohl auf die Araber zurück, die sich ab dem 9. Jahrhundert auf Mallorca niederließen – fardatxo heißt Eidechse, sie kommt in den Höhlen der Finca zahlreich vor. An mehreren Stätten fanden sich Reste einstiger alquerias. Nach der christlichen Eroberung Mallorcas durch Jaume I. im 13. Jahrhundert fiel Fartàritx dann dem Templerorden zu. Dieser zog aber lediglich die Pacht von den Bauern ein, die auf dem Landgut vor allem Getreide, aber auch Wein und Gemüse anbauten. Oberhalb der Finca liegt eine casa de neu, es ist das einzige Schneehaus im Mittelmeerraum mit erhaltenem Dach. Erst in der Erbfolge der folgenden Jahrhunderte kristallisierte sich dann schließlich die heutige Aufteilung der Ländereien heraus: Fartàritx Gran, Fartàritx d’en Vila sowie Fartàritx del Racó – das Landgut, das Heidi und Rolf Schulz heute bewirtschaften.

Elixiere made in Fartàritx

Wie lässt sich nun eine Finca, die mit dem Tourismusboom im 20. Jahrhundert praktisch sich selbst überlassen wurde, heute wieder bewirtschaften? Heidi und Rolf Schulz zogen Zäune zum Schutz vor den Ziegen und begannen vor drei Jahren mit dem Anbau von Heil- und Aromapflanzen, mit Calendula, Echinacea, Thymian, Arnika, auch Edelweiß. Die Blüten sollten verkauft werden. Doch sei weder eine kostendeckende Ernte möglich, noch könne man mit der Produktion in Marokko konkurrieren. „Wir hatten so einen Berg Rosmarin, und keiner nahm ihn uns ab“, so Heidi Schulz.

Vor zwei Jahren kam eine neue Idee auf, auch dank eines mallorquinischen Bekannten, Jaume de Fartàritx, der auf der Finca geboren worden war und hier noch als Bauer gearbeitet hatte. Er berichtete davon, dass seine Mutter aus Kräutern und Pflanzen Medizin gemacht und für jede Jahreszeit wie Lebenslage einen Trunk aus Hypericum, Myrte, Rosmarin, Thymian oder Efeu bereitgehalten habe. Wie wäre es, aus diesen Pflanzen Elixiere herzustellen?

Da passte es gut, dass Heidi Schulz bereits Erfahrung mitbrachte. „Ich hatte mich schon viel mit Kräutern beschäftigt“, so die 69-Jährige. Weiteres Wissen über die Pflanzen der Insel lieferten Bücher des Biologen und Arztes Carles Amengual. Statt auf alkoholische Auszüge setzt das Paar auf die Methode des Hippokrates sowie Oxymel – eine überlieferte Tinktur aus Honig, naturtrübem Apfelessig und Wildkräutern. „Alle Freunde und die Familie mussten als Probanden herhalten“, erklärt das Paar und lässt auch den Reporter von dem Ergebnis probieren, das man in den Mischungen „Harmonia“, „Força“ (Kraft), „Resiliència“ und „Sensualitat“ inzwischen auf einer eigenen Website vorbestellen kann (heritx.es). Im Glas die mit Wasser aufgegossene, angenehm herbe Erfrischung, auf dem Tisch ein Strauß mit Wildkräutern, der Blick auf die Höhen der Tramuntana – man würde gern länger auf Fartàritx verweilen.

Zum Abschluss zeigt Rolf Schulz noch einen seiner Lieblingsorte, eine Anhöhe, von wo der Blick bis zur Halbinsel Formentor reicht. Der letzte magische Moment liegt erst ein paar Stunden zurück: Am Morgen ging hier die Sonne rotglühend über einem Wolkenteppich auf, aus dem die östlichen Ausläufer der Tramuntana ragten. Jetzt, in der Mittagshitze, fällt der Blick auf verstreut liegende Tierknochen und Federn. Es ist eine Futterstelle für die geschützten Mönchsgeier, die hier oft zu Dutzenden in der Luft kreisen. „Leben und Tod“, sagt Rolf Schulz, und es klingt keine Spur pathetisch.

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