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Mallorca Zeitung

Eine Strophe weniger tut es auch: Wie die Partyschlager am Ballermann auf Mallorca entstehen

Der Produzent Dominik De Leon und sein Label Summerfield Records sind für viele der größten Hits an der Playa de Palma verantwortlich. Ein Gespräch über ein ganz eigenes Genre

Dominik de Leon (re.) gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Matthias Distel (Ikke Hüftgold) und Sängerin Isi Glück. | FOTO: PRIVAT

Der Name Dominik de Leon mag nicht vielen Urlaubern am Ballermann ein Begriff sein. Von Heiligenroth in Rheinland-Pfalz aus hat er aber in den vergangenen Jahren viele der größten Hits der Partymeile geschrieben und produziert: „Johnny Däpp“ von Lorenz Büffel, Mia Julias „Endlich wieder Malle“ oder auch Isi Glücks aktuelle Single „Knicklicht“ stammen zumindest zum Teil aus der Feder des 46-Jährigen.

Seine erste Sporen in der Musikindustrie verdiente er sich im Bereich der Trance- Musik in den 90er-Jahren. Mitte der Nullerjahre produzierte er unter anderem Klingeltöne. Er mietete Räumlichkeiten für ein Studio bei einem gewissen Matthias Distel an, der eine Garten- und Landschaftsfirma hatte. Distel erzählte ihm, dass er im Herzen auch Musiker sei, ob man nicht mal was zusammen produzieren könne. Das erste gemeinsame Projekt war ein Kinderhörspiel. Aus einer Bierlaune heraus enstand dann 2009 „Saufen ist scheiße ... doch wir machen es trotzdem“ ein Partyschlager. Aus Matthias Distel wurde Ikke Hüftgold. Und für Dominik de Leon begann eine neue Karriere.

Partyschlager wie die Ihren haben ihre eigene Sprache und ihren eigenen Humor, den man als Außenstehender auch nicht unbedingt immer sofort versteht. Wie bleibt man da als Songwriter auf dem Laufenden, um das Publikum nicht zu verlieren?

Es kommt da sehr auf den Künstler an, dass er den Kontakt zum Publikum hält. Ein Beispiel: Der Song „Dicke Titten Kartoffelsalat“ von Ikke Hüftgold. Das haben wir uns nicht ausgedacht. Das wurde von irgendwelchen Fußballvereinen gesungen, war aber ein eher regionales Phänomen. Das hat Matthias mal gehört. Und wir haben daraus einen Song gemacht. Bei „Modeste“ war es ähnlich. Ich halte aber auch engen Kontakt zu den relevanten DJs an der Playa, von denen ich im Tagesrhythmus erfahre, was funktioniert und was nicht. Es ist sehr wichtig, nah am Zeitgeist zu sein.

Wie erklärt es sich dann, dass viele Partyschlager auf Hits aus vergangenen Jahrzehnten basieren?

Es ist deutlich einfacher, die Leute mit einer bekannten Melodie und einem neuen Text zu begeistern, als etwas Neues zu schreiben. Das Problem ist, dass man dafür vom Verlag eine Bearbeitungsfreigabe braucht. Im Zweifel braucht man eine Freigabe von den Original-Urhebern. US-Verlage haben da große Probleme mit, wenn der neue Text von Alkohol oder Sex handelt. In Europa ist man da kulanter.

Wie verwandelt man einen Klassiker in einen Ballermann-Hit?

Der Text ist sehr wichtig, unabhängig davon, ob es ein Coversong ist oder nicht. Es muss eine Identifikation stattfinden, ein Wir-Gefühl entstehen. Wie etwa bei Ikke Hüftgold „Ich schwanke noch“. Jeder, der Party macht, kann sich mit der Satire identifizieren: Ich überlege, mit dem Saufen aufzuhören, aber ich schwanke noch. Wenn man einen Song über das schöne Wetter macht, erreicht man nicht so viele Leute.

Sie selbst kommen aus der elektronischen Musik. Wie wirkt sich das auf Ihre Produktionen aus?

Ich glaube, wir haben dazu beigetragen, den Sound an der Playa zu modernisieren, auch wenn wir nicht die Einzigen waren. Ein Beispiel: „Johnny Däpp“ war die erste Partyschlager-Nummer, in der Kick-Drum Elemente aus der elektronischen Tanzmusik zum Einsatz kamen. Viele DJs an der Playa haben mir damals gesagt: „Die Nummer funktioniert nicht, die ist zu anders.“ Irgendwann ist der Song dann doch durchgestartet.

Apropos „Johnny Däpp“. Wie kommt es eigentlich, dass gefühlt jeder zweite Song am Ballermann einen „Döp, döp. döp“–Teil enthält?

Man muss auf der Bühne immer Animation haben, und die Künstler fühlen sich bei einem Instrumental-Teil ein wenig verloren. Das kompensiert man eben damit, dass die Künstler „Döp, döp, döp“ singen. Das haben wir aber auch nicht erfunden.

Gibt es Unterschiede, wenn man einen Song für die Playa, für Après-Ski oder für den Goldstrand produziert?

Ja, auf jeden Fall. Früher hatte jeder Künstler einen Song zum Opening, der das Jahr über durchgespielt wurde. Und im Winter bekam das Lied eine Kuhglocke und ein Akkordeon verpasst. Das war dann die Après-Ski-Version. Überspitzt gesagt. Heute wird viel gezielter für die verschiedenen Bereiche produziert.

Welche Rolle spielen Streamingdienste und Plattformen wie TikTok für die Partyschlager?

Spotify ist unser wichtigstes Tool. Innerhalb von ein, zwei Tagen können wir sehen, wie die Songs performen. Die Playlists sind sehr relevant. TikTok ist immer mehr im Kommen. Für „Knicklicht“ von Isi Glück haben wir etwa zwei Wochen vor Veröffentlichung ein Pre-Release gemacht. Die Leute konnten sich also schon mal eine Minute aus dem Song anhören. Und die Lieder selbst verändern sich. Wenn früher ein Song dreieinhalb Minuten lang war, ist er heute 2:45 Minuten lang oder kürzer. Man kann oft eine Strophe weglassen. Das Konsumverhalten der Menschen hat sich verändert. Deshalb veröffentlichen Ballermann-Künstler mittlerweile auch mehrere Songs im Jahr.

Spielt die Aufwertung der Playa für Ihre Arbeit eine Rolle?

Nein. Ich werde bestimmt nicht meine Musik ändern, um es den Leuten von  „Palma Beach“ recht zu machen.

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