20. April 2019
20.04.2019

Jetzt werden die Mieter auf Mallorca wütend

Seit Jahren steigen die Preise, jetzt gibt es auf der Insel den ersten Mieterverein

20.04.2019 | 01:00
In Europa demonstrierten am Samstag (6.4.) Menschen gegen hohe Mietpreise. In Palma kamen nicht einmal 200 Personen zusammen.

María José Ordóñez hat am eigenen Leib miterlebt, wie es sich anfühlt, von einem auf den anderen Tag auf der Straße zu stehen. Die
48-jährige Mallorquinerin lebte mit ihrem Mann in einer 75-Quadratmeter-Wohnung im Viertel Can Capes im Nordosten von Palma. Nach eigenen Angaben zahlte sie immer pünktlich die mit 560 Euro vergleichsweise humane Miete. Bis der Vermieter plötzlich mehrere Hundert Euro mehr wollte. Sie konnte nicht zahlen, er setzte sie vor die Tür. „Es fing bereits kurz nach unserem Einzug an, dass der Vermieter uns gängelte. Er hat wohl gemerkt, dass er sich verkalkuliert hatte und die Wohnung deutlich teurer hätte vermieten können", sagt Ordóñez der MZ. Im Februar sei dann die Polizei angerückt und habe das Ehepaar gewaltsam aus der Wohnung befördert. In der 40-Quadratmeter-Wohnung ihrer Tochter fanden die beiden Unterschlupf.

An Fällen wie dem von María José Ordóñez herrscht auf Mallorca und speziell in Palma kein Mangel. Deswegen war es schwer verständlich, dass es auf der ganzen Insel keinen Mieterverein gab, so wie er etwa in jeder größeren deutschen Stadt zu finden ist. Vor wenigen Wochen schlossen sich nun Privatpersonen, aber auch Plattformen wie „Stop Desahucios" oder „Alquiler Digno Mallorca" zusammen, um die erste Gewerkschaft für Mieter auf der Insel zu gründen.

Erster wichtiger Termin war die europaweite Demonstration gegen die Mietpreise am Samstag (6.4.). Zwar kamen nur knapp 200 Menschen zu der Protestkundgebung, aber jeder Anfang sei schwer, sagt Ordóñez. „Die Menschen sind kaum zu Aktionen zu bewegen, selbst wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht", sagt sie. Zu der Kundgebung brachten die Teilnehmer Banner mit Forderungen wie „Bajada del precio del alquiler" (Mietpreise runter), „Más vivienda pública" (mehr Sozialwohnungen) oder auch „Stop Especulación con la vivienda" (Stopp den Immobilienspekulationen) mit. Am Rande der Demonstration konnte man sich für den Mieterbund anmelden. Die Mitglieder zahlen 36 Euro im Jahr und erhalten dafür laut dem Mitinitiator Juan Diego Martínez unter anderem kostenlose Beratung eines Anwalts bei Fragen rund um Dauer des Mietvertrags, Kaution oder im Fall von missbräuchlichen Klauseln im Vertrag.

Auch Martínez ist ein Opfer des angespannten Mietmarktes auf der Insel. Derzeit lebt der 29-Jährige noch mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern in einer Wohnung an der Grenze zwischen Pere Garau und Son Gotleu. Wie lange er noch bleiben darf, weiß er nicht. Vor fünf Jahren zahlte die Familie noch eine Warmmiete von 450 Euro für die Wohnung, inzwischen sind es 630 Euro plus Nebenkosten. Martínez hat vor Kurzem seine Arbeit verloren, auch seine Frau arbeitet zurzeit nicht. Die Miete können sie inzwischen nicht mehr zahlen, Martínez wartet im Grunde nur auf die Räumung. „Seit zwei Jahren suche ich eine Wohnung, aber es gibt nichts Bezahlbares", sagt er der MZ.

Als er in den sozialen Netzwerken Aufrufe für die Gründung der Mietervereinigung sah, stand für den Kolumbianer sofort fest, dass er sich einbringen würde. „Meine Situation ist nicht schön, aber ich bin jung und finde wieder Arbeit. Bei älteren und kranken Menschen sieht das anders aus. Für die müssen wir kämpfen", sagt er. Das Problem sei, so sagt er, dass die Politik die Mieter auf Mallorca stiefmütterlich behandele. „Die linke Stadtregierung behauptet zwar immer, sie setze sich für die Schwachen ein, aber wenn es drauf ankommt, hilft niemand", kritisiert Martínez.

Auch María José Ordóñez ist vom Rathaus enttäuscht. „Nach der Zwangsräumung habe ich mich mit Bürgermeister Toni Noguera unterhalten, der mir bei der Suche nach einer Sozialwohnung helfen wollte. Bisher habe ich nichts von ihm gehört", sagt die 48-Jährige. Es fehlten nun mal Sozialwohnungen an allen Ecken und Enden. Die Warteliste ist endlos. So sind die Ziele des Mietervereins neben gesetzlichen Regelungen, die die Mieter besser vor willkürlichen Mieterhöhungen schützen, vor allem mehr sozialer Wohnraum. Auch sollten Mietverträge mindestens sechs Jahre laufen. „Und die Zwangsräumungen aus Wohnungen, die Banken oder Hedgefonds gehören, müssen ein Ende haben", fordert Martínez.

Wer sich dem Mieterverein anschließen will, kann eine Mail an sindicatllogatersmallorca@gmail.com schreiben und um Aufnahme bitten. María José Ordóñez schickt dann den Aufnahmeantrag zurück, der ausgefüllt werden muss.

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