19. Juni 2019
19.06.2019

Im Dienst der Mallorca-Orange seit über 400 Jahren

Jaume Soler ist schon 79, trotzdem werkelt er noch jeden Tag auf seiner Orangen-Plantage in Sóller - so, wie es seine Vorfahren seit Jahrhunderten taten. Ein Schicksalsschlag hat ihn für den Familienbetrieb unverzichtbar gemacht

19.06.2019 | 01:00
Jaume Soler (79) mit Enkel Toni (9) und Ehefrau Cati Genestra auf ihrem Anwesen im Sóller-Tal

Es gibt nichts, was Jaume Solers Leben mehr bestimmt als die Arbeit. Er ackert von dem Moment an, wenn er morgens aufsteht und eine erste Runde durch die angrenzende Plantage dreht, bis zu dem Moment, an dem er sich mit seiner Frau Cati abends vor das alte Bauernhaus auf Mallorca setzt und die letzten Sonnenstrahlen genießt. Dabei hätte Jaume Soler sich seinen Ruhestand redlich verdient: Er ist 79 Jahre alt und seit seinem 13. Lebensjahr Orangenbauer. Doch der Landwirt, der auf der Orangen-Fira im April mit dem Preis der „Goldenen Orange" geehrt wurde, denkt nicht ans Aufhören. Zum einen, weil ihm gefällt, was er tut. „Ich verschwende keine Gedanken daran, was wir verpassen könnten." Zum anderen, weil der Senior auf dem Landgut unverzichtbar geworden ist, seit im vergangenen Jahr ein Schicksalsschlag die Familie traf.


Schwerer Verlust

„Zeig mal deine Hände", sagt Solers Frau Cati Genestra. Bereitwillig hebt ihr Mann seine ­riesigen Pranken. Sie sind kraftvoll und muskulös, ein Kontrast zu seiner eher zierlichen Statur. „Sehen Sie, das sind richtige Bauernhände, die haben gearbeitet", setzt seine Frau stolz hinzu. Jaume Soler nickt und strahlt. Der familiäre Zusammenhalt hier auf dem Anwesen Can Soler Vell ist greifbar. Auch die Tochter Maria Antònia ist beim Treffen mit der MZ zugegen und muss lächeln, wenn sie ihre Eltern betrachtet, die sich nach all den Jahren noch immer liebevolle Blicke zuwerfen.

Seit ihr Bruder Xisco im Februar 2018 mit 38 Jahren an Krebs gestorben ist, hat sich für die Familie viel verändert – schließlich war er es gewesen, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten und den uralten Familienbetrieb weitergeführt hatte. Noch immer steigen Mutter Cati Tränen in die Augen, wenn sie von ihrem einzigen Sohn erzählt oder den Gedenkstein im Garten zeigt. „Um heute vom Orangenanbau leben zu können, muss man eine Familie haben, die einem hilft", sagt Jaume Soler.

Maria Antònia, die eigentlich Musiklehrerin ist, hat seit Xiscos Tod viel gelernt. Wie man Traktor fährt beispielsweise. Oder wie man Bäume beschneidet. Jeden Nachmittag, wenn sie mit ihrem Halbtagsjob fertig ist, fährt sie von Sóllers Zentrum hinaus auf die Finca, um ihre Eltern zu unterstützen. Beim Ernten, beim Bewässern, beim Aufstellen der selbst gebauten Fliegenfallen. „Früher war ich nur ab und an Zuarbeiterin, jetzt muss ich richtig mit anpacken", sagt sie. Bedauern schwingt in ihrer Stimme nicht mit. „Alles hier aufzugeben, ist für uns keine Option."


Verkaufstour in Palma

Jeden Samstag packen Jaume und Cati morgens ihren kleinen Laster randvoll mit ihrer Ernte. Mandeln, Zitronen, je nach Saison auch Aprikosen oder Mispeln. Alles, was sie am Vortag auf ihrem Grundstück gepflückt haben. Und natürlich massenweise Orangen. Dann geht es zum Pere-Garau-Markt in Palma. Seit fast vier Jahrzehnten hat die Familie dort, auf dem nordwestlichen Teil des Platzes, einen Stand. „Man erkennt uns, weil an unseren Orangen noch die Blätter sind", sagt Jaume Soler. „Viele Käufer sind Stammkunden", berichtet Maria Antònia. Genau wie ihre Schwester Clara ist auch sie samstags meist mit dabei. „Wir richten uns nach dem Marktpreis. Unsere Orangen sind nicht teurer als im Supermarkt, aber schmackhafter", sagt Jaume Soler. Vor allem die Canoneta, die, wie er findet, leckerste und saftigste Sorte. „Sie hat bis Anfang Juni Saison, jetzt bald wird sie von der Alberola abgelöst", erklärt er und fügt hinzu: „Die ist aber auch gut." Er verwende keine Pestizide, alles sei ökologisch. Sogar Bienen züchtet er, die für bessere Bestäubung sorgen.

Nach dem wöchentlichen Trip in die Hauptstadt ist Soler jedes Mal froh, wieder zu Hause bei seinen Bäumen zu sein. Nicht, dass er die Fremde meide. „Ich bin auch gereist, war zum Beispiel in Deutschland." Aber statt über die Insel oder zum Strand zu fahren, bleibe er lieber draußen in der Natur seines Anwesens. „Vielleicht bin ich ein wenig seltsam", sagt er. Wie viele Bäume auf dem 4,5 Hektar großen Gelände stehen, könne er nicht sagen. Vor 20, vielleicht 30 Jahren habe er das letzte Mal nachgezählt. Damals habe das Rathaus noch Düngerspenden verteilt. „Das ist lange vorbei, heute kriegt man nichts." Seitdem seien einige abgestorben und andere neu gewachsen. „Manche sind 100 Jahre alt und produzieren immer noch Früchte. Das schaffen die in Valencia nicht."


Konkurrenz vom Festland

Keine Frage: Die Konkurrenz der Großplantagen auf dem spanischen Festland macht den kleinen Orangenbauern auf der Insel das Leben schwer. Ein Problem, mit dem seine Vorfahren nicht kämpfen mussten. Die Solers sind eine der Ur-Familien in Sóller. Der Sargent Soler, der bis heute eine der Heldenrollen beim Es-Firó-Spektakel spielt, das an einen Piratenangriff im Jahr 1561 erinnert, sei einer seiner Vorfahren, sagt Jaume – und auch er sei Bauer gewesen. „Seit mindestens 400 Jahren betreiben meine Ahnen Orangenanbau und haben in diesem Haus gewohnt", berichtet er und deutet auf die meterdicken Mauern des Wohnhauses, in dem seine Frau und er wohnen. Es ist von Generation zu Generation weitervererbt worden. Noch immer hängen an den Wänden alte Erntegabeln, auf dem Sims des Holzkamins stehen antike Tonkrüge und Waagen – alter Familienbesitz. „Wir bemühen uns, alles zu erhalten, wie es einmal war", sagt Cati.

Als Jaume klein war und sein Vater noch lebte, habe er ihn oft begleitet. „Einmal pro Woche sind wir mit einem Maultier-Wagen losgezogen und haben Orangen zum Hafen von Sóller gebracht", sagt der 79-Jährige und blickt in die Ferne. Damals sei die Sóller-Orange im ganzen Mittelmeerraum beliebt gewesen. „Das Schiff brachte sie nach Barcelona, Marseille und in andere mediterrane Hafenstädte, es war ein lohnendes Geschäft."


Wie der Opa, so der Enkel

Genau wie er vom Vater lernte, bis dieser starb, als Jaume 13 Jahre alt war, lernt heute der kleine Toni von ihm. Jeden Tag nach der Schule kommt der neunjährige Enkel mit seiner Mutter Maria Antònia auf die Finca des Großvaters und begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Man merkt, dass der Großvater den Grundschüler ernst nimmt und es ihm wichtig ist, seine Kenntnisse weiterzugeben. Schon jetzt kann der Kleine die 15 Orangensorten, die hier das ganze Jahr über für Erträge sorgen, mühelos auseinanderhalten, erkennt von Weitem, wenn Ratten sich an Früchten zu schaffen gemacht haben und weiß, wie man ertragreiche Bäume mit weniger ertragreichen kreuzen kann, um die Bestände aufzubessern. Anders als seine acht Jahre alte Schwester Clara wird er nicht müde, sich die Hände schmutzig zu machen. „Ich will auf jeden Fall Orangenbauer werden. Wenn es geht", sagt er ernst.

Seit dem Tod von Sohn Xisco hofft Jaume Soler umso mehr, dass der Enkel diese Begeisterung beibehalten wird. Er will ihm so lange zur Seite stehen, wie sein Körper es zulässt. „Natürlich könnte ich das Anwesen verkaufen. Aber was soll ich mit dem Geld und ohne das alles hier machen? Es ist doch mein Leben."

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