02. Juni 2018
02.06.2018
40 Años

Das Rotlicht flackert in Palma de Mallorca nur noch schwach

Die Plaça de Sant Antoni und ihre Umgebung ist die letzte größere Schmuddelecke in der Altstadt. Eine Erkundung

04.06.2018 | 16:12
Auf diesem Stuhl wartet häufig eine Prostituierte auf ihre Freier.

Überleben, daraus bestand die Jugend von Gabi Beltran. Der heute 52-Jährige wuchs in Palmas Rotlichtviertel, dem sogenannten barrio chino, auf. „Es war das gefährlichste Viertel von Palma. Es war voller Prostitution, Drogen, Kriminalität – und ich war mittendrin", sagt er. „Zu meiner Clique zählten damals 25 Leute. Nur drei davon leben heute noch. Die anderen starben an einer Überdosis Heroin, an Aids oder auch bei einem Überfall, der tödlich endete."

Zu seinen Hochzeiten in den 80er-Jahren waren die Grenzen des barrio chino im Norden die Plaça Sant Antoni, im Westen die Plaça Major, im Osten die Avenidas und im Süden das Meer. Wie es damals zuging, lässt heute nur noch die Umgebung der Plaça Sant Antoni erahnen. „Mehr ist davon nicht geblieben", sagt Beltran, der sich mit der MZ hier auf ein Café trifft. Im Carrer de la Ferreria stehen rund um die Uhr Prostituierte in Hauseingängen. An den Bushaltestellen im Carrer del Sindicat warten klapprige Autos auf Kunden, um sie zum Drogenkauf in andere Stadtviertel zu bringen. Hin und wieder sammelt die Polizei einen Betrunkenen auf dem Platz auf.

Wo die Sanierung stockte

Heute heißt das Viertel wieder Sa Gerreria, nach der einst hier beheimateten Töpferzunft. Ein erster großer Eingriff in das Handwerker-Quartier erfolgte nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), als das Rathaus von Palma die Altstadt umbaute. Die Pläne legte 1943 der Architekt Gabriel Alomar vor. „Er hat unter anderem die Plaça Mayor und die Einkaufsstraße Jaime III gestaltet", sagt Marc Morell. Der Sozialanthropologe von der Balea­ren-Uni hat zwischen 2003 und 2013 seine Doktorarbeit über die Gentrifizierung Palmas geschrieben, mit besonderem Augenmerk auf das barrio chino (die englischsprachige Arbeit mit dem spanischsprachigen Titel „La flor y la muerte de un barrio" ist kostenlos im Internet einsehbar).

Mancherorts jedoch kam der Umbau ins Stocken. „In manchen Fällen lag es an Gebäuden, die als Kulturerbe nicht so einfach renoviert werden konnten", sagt Morell. „In den Vierteln Sa Gerreria und Calatrava war es hingegen die hohe Bevölkerungsdichte. Sie verteuerte die Sanierung, die Stadt musste zuerst Investoren suchen."


„Das Schmutzige"

Letztlich blieben diese Viertel unangetastet. „Die Stromversorgung war schlecht, die Wohnungen klein, die Infrastruktur ungenügend", sagt Morell. Das ließ die Mieten sinken. Nach dem Tourismus-Boom in den 60er-Jahren zog zudem die arbeitende Bevölkerung in bessere Wohnungen. „Zurück blieben die Armen und Alten. Der soziale Status des Viertels sank, Prostituierte und Drogenhändler hielten Einzug", sagt Morell. Aus Sa Gerrereria war das Es Brut (das Schmutzige) oder das barrio chino geworden, eine spanienweite Bezeichnung für Rotlichtviertel.

Verarbeitung im Comic

Einen detaillierten Einblick in das Leben zu dieser Zeit liefern die Comics von Gabi Beltran. Der Zeichner und Autor hat gemeinsam mit Bartomeu Seguí zwei autobiografische Bände verfasst („Geschichten aus dem Viertel" und „Wege aus dem Viertel", beide auch auf Deutsch erschienen). „Ich hasste das Viertel. Es war ein schmutziger, trister Ort. Ein schwarzes Loch, das nur die schlechten Dinge des Lebens anzog", schreibt Beltran in „Geschichten aus dem Viertel". Nach einem Gefängnisaufenthalt gelang ihm der Absprung. Er floh aus dem Viertel und ließ seine Familie zurück.

1985 griff das Rathaus von Palma das Sanierungsprojekt neu auf. Zehn Jahre später lag auch ein Plan für Sa Gerreria vor. Es dauerte noch einmal Jahre, ehe sich die benötigten 100 Millionen Euro auftreiben ließen. Schließlich rückten 2003 die Bagger an und machten 14.000 Quadratmeter von Es Brut dem Erdboden gleich. Es entstanden 308 neue Wohnungen, ein unterirdischer Parkplatz und 57 Geschäfte. „Man hat die Armen durch Reiche ersetzt", sagt Morell. Die Drogenhändler zogen weiter. Einige Prostituierte blieben. „Zum Teil gehören ihnen die Wohnungen. Daher sind sie nicht so leicht zu vertreiben." Von Seiten der Polizei wird das Viertel heute jedoch nicht mehr als gefährlich angesehen.

Auch Gabi Beltran hat seiner renovierten Heimat eine zweite Chance gegeben. 2009 kehrte er zurück. „Ich hatte damals einen Job bei der spanischen Zeitung 'El País' und konnte mir eine Wohnung leisten, wo ich wollte." Aber auch er wurde ein Opfer der Gentrifizierung. „Im Zuge der Wirtschaftskrise verlor ich meine Aufträge. Die Miete stieg, und ich konnte mir die Wohnung nicht mehr leisten." 2013 zog Gabi Beltran nach Can Pastilla, wo er bis heute lebt.

Was auf Gentrifizierung folgt

„Das nennen wir in Fachkreisen Super-Gentrifizierung. Nachdem das Viertel einen gewissen sozialen Status zurückerlangt hat, steigen die Preise, und es kommen noch wohlhabendere Investoren", sagt Marc Morell. Die ursprünglichen Bewohner des Viertels haben davon nichts mehr. „Das Geld steckt sich jemand ein, der vielleicht nie dort gewohnt hat. Das tötet das Leben im Viertel."

Das Rathaus habe derzeit keine größeren Projekte für Sa Gerreria, heißt es auf MZ-Anfrage. Es würden lediglich die üblichen Reparaturen, wie an Gehwegen oder Straßenlaternen, verrichtet. Dabei gibt es in dem Viertel noch ein paar Ruinen. „Die Investoren warten darauf, dass die Preise weiter fallen und sie mit diesen Grundstücken und Immobilien spekulieren können", sagt Morell. Er prognostiziert für das Viertel eine immer weiter fortschreitende Gentrifizierung. „Bald gibt es innerhalb des Innenstadt-Rings nur noch Boutiquehotels und keine Residenten mehr", überspitzt er. „Die Mallorquiner können dann dort im Hotel wohnen."

Gabi Beltran stört das nicht mehr. „Ich will von dem Viertel nichts mehr wissen", sagt er. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Er arbeitet an der Verfilmung der Comics. Sechs Millionen Euro sollen die Dreharbeiten kosten. Das Geld ist noch nicht da. Doch selbst wenn der Film ein großer Erfolg wird, will Beltran nicht mehr ins Viertel zurückkehren: „Ich will nur noch meine Ruhe haben."

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