30. Januar 2019
30.01.2019

Mallorcas ethische Sparkasse

Der Gründer der Sparkasse "Colonya Caixa Pollença" kämpfte einst mit günstigen Krediten für die Emanzipation der Bauern. Noch heute beruht Spaniens kleinstes Finanzinstitut auf den Werten von damals – und konnte als einzige Sparkasse gestärkt aus der Krise hervorgehen

30.01.2019 | 01:00
Faire Sparkonditionen für die kleinen Leute: Auch heute wirbt Colonya Caixa Pollença damit

Als der Pädagoge Guillem Cifre de Colonya1880 die erste Sparkasse von Mallorca gründete, war es eigentlich ein Schulexperiment. Heute, fast 140 Jahre später, ist die Colonya Caixa Pollença die einzige mallorquinische Sparkasse, die die Wirtschaftskrise nicht nur unverändert überstanden hat, sondern sogar gestärkt aus ihr hervorgegangen ist. Die Zahl der Kunden und Mitarbeiter steigt. Abteilungsleiter Juan José Caldés: „Wir können bestehen, weil wir immer noch auf die gleichen Werte setzen wie Guillem Cifre damals: Solidarität, Transparenz und Ethik."

Als Guillem 1852 geboren wurde, lautete sein Nachname noch Coll, und seine Familie – Landwirte, die sich um das riesige Anwesen Possessió Colonya kümmerten – war ärmlich. „Aber Guillem hatte Glück, die Beziehung zu den Großgrundbesitzern war für damalige Verhältnisse familiär und eng. Der Chef seines Vaters vermachte Guillem sein Erbe, weil sein eigener Sohn gestorben war", berichtet Pere Salas. Seit mehreren Jahrzehnten recherchiert der Historiker zur Geschichte des Mannes, der bis heute jedem in Pollença ein Begriff ist. „Die einzige Bedingung des Großgrundbesitzers war, dass Guillem seinen Nachnamen annehmen sollte und studieren ging. Und das tat er."

An der Universität in Madrid traf Guillem auf Anhänger der institucionalistas, die getreu dem deutschen Humanisten Karl Christian Friedrich Krause die Ausbeutung der arbeitenden Klassen und die unangefochtene Machtstellung der katholischen Kirche beenden wollten – durch Demokratie und laizistische Institutionen. „Er war nicht antikatholisch, er setzte sich nur dafür ein, dass es auch Einrichtungen gab, die außerhalb des strengen Wirkungsbereichs des Vatikans liegen", so Salas. „Er wollte das Leben seines Dorfes verbessern, also kehrte er nach Pollença zurück und gründetete 1879 die Institució d'Ensenyament de Pollença, eine offene Schule." Dort sollten die meist anal-
phabetischen Bauern Lesen und Schreiben, aber auch Rechnen und Fremdsprachen lernen können ­– Cifres Ansicht nach die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.

Die Sparkasse, die Cifre dann 1880 gründete, war zunächst innerhalb des Schulgebäudes untergebracht. „Sie war eigentlich für ehemalige Schüler gedacht, um ihnen Starthilfen nach dem Abschluss zu geben", so Salas. Schnell kamen auch Landwirte, denen Geld zu fairen Konditionen gegeben wurde, damit sie ihren Herren Parzellen abkaufen konnten. Kleine Kredite für kleine Leute – bis heute hat sich an diesem Prinzip nichts geändert. Bürgernähe und Kredite für lokale Kleinunternehmer statt große Immobiliendeals seien noch immer das Grundprinzip der Colonya Caixa Pollença, berichtet Abteilungsleiter Caldés. „Guillem Cifre war nicht gegen das System, aber er wollte verhindern, dass Menschen von ihm ausgeschlossen wurden", fügt Salas hinzu. „Heute mag das moderat klingen, damals war es sehr revolutionär."

Schnell hatte Cifre die führenden Geistlichen im Ort mit seinem aktiven Laizismus gegen sich aufgebracht. „Das war die erste Krise für die Körperschaft. Für die Schule war es schwer, aber die Sparkasse überstand es, denn da hatte sie bereits zahlreiche Kunden aus dem Ort. Einfach, weil das Prinzip funktionierte." Als Cifre 1888 seine Gemahlin Clara Hammerl („eine Deutsche und noch dazu Protestantin") mit nach Pollença brachte, war die zweite Krise nicht weit. Cifre selbst hielt dem Druck nicht ewig stand. 1908 beging der 56-Jährige Selbstmord – wohl auch, weil die Familie mehrere Kinder an tödliche Krankheiten verloren hatte. „Aber Cifre ist seinen Werten nie abtrünnig geworden und hat bis zum Ende an das Gute im Menschen geglaubt", berichtet Joana Colom, deren Urgroßvater Cifre persönlich kennenlernte und die heute die Vizepräsidentin der Sparkasse ist.

„Clara Hammerl war stärker, sie übernahm als erste Frau in Spanien die Leitung einer Sparkasse und führte das Ziel ihres Mannes fort", so Salas. Nach ihr übernahmen Freunde und Anhänger Cifres das Amt. Wieder schwierig wurde es während des Bürgerkriegs in den 1930er-Jahren und als Diktator Franco die Herrschaft übernahm – denn die Caixa war traditionell republikanisch. Doch wieder bewährte sich das Prinzip der Nähe und des Vertrauens. „Trotz der Gegenwehr des Regimes legten Menschen in Pollença, Linke wie Rechte, weiter ihr Geld bei der Colonya Caixa an."

Bis Ende der 1960er-Jahre sollte es dauern, bis die Einrichtung auch über die Grenzen von Pollença hinaus Kundschaft erwarb. Heute sind 16 Filialen auf ganz Mallorca zu finden, seit 2002 auch auf den Nachbarinseln. Eigentlich, so Abteilungsleiter Caldés, habe die Sparkasse in ihrer Geschichte ständig Krisen durchlebt, aber sei daran auch jedes Mal gewachsen. Zuletzt natürlich die Wirtschaftskrise 2008: Während Mallorcas andere Sparkasse Sa Nostra die Krise nur durch Fusionen überstehen konnte, blieb die Colonya Caixa unabhängig. „Wir haben nie mehr Geld ausgegeben, als wir auch wirklich hatten", so Caldés. Gerade die Wirtschaftskrise habe bei vielen die Frage aufkommen lassen: Was machen die Banken mit meinem Geld? „Durch unser Transparenz-Prinzip kann diese Frage jeder beantworten." Seit jeher war die Colonya Caixa ein Institut ohne Gewinnabsichten und fordernde Aktionäre. Seit 1999 gilt zudem das Prinzip des ethischen Sparens, das die Sparkasse als Erste in ganz Spanien einführte: Die Hälfte der Zinsen eines jeden Sparers wird für gemeinnützige Zwecke auf den Balearen eingesetzt – auf der Website ist genau zu sehen, wohin es geht. „Rund 500.000 Euro kommen jährlich für soziale Projekte zusammen." Und gemeinnützige Organisationen bekommen besonders günstige Zinssätze.

Rund 40.000 Kunden zählt die Colonya Caixa mittlerweile, Tendenz steigend. „Das Durchschnittsalter der Kunden liegt bei 37 Jahren, sie sind also sehr jung. Wir haben das Gefühl, dass gerade junge Menschen Werte suchen, auf die sie vertrauen können", so Caldés. Trotz der guten Aussichten sind aber weiterhin Herausforderungen zu meistern. Technische Neuerungen wie Online-Banking mussten in den vergangenen Jahren etabliert werden, auch mit der Konkurrenz reiner Online-Banken mit ihren Niedrigstkonditionen um Kunden zu buhlen, sei nicht leicht. „Aber wir halten weiter an unseren Werten fest. Letztlich hat sich das immer bewährt."

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