Trotz Energiekrise: In Spanien muss in diesem Winter niemand in der Wohnung frieren
Im Gegensatz zu den Ländern Nordeuropas ist Spanien nicht von russischem Gas abhängig und kann entspannt in die kalte Jahreszeit gehen. Trotzdem soll gespart werden

Ukraine, Wolowez: Ein Arbeiter dreht an einem roten Rad an der Erdgasverdichterstation. / Pavlo Palamarchuk/AP/dpa
Bei Temperaturen von über 40 Grad fällt es nicht leicht, die Klimaanlage etwas zurückzufahren, um Strom zu sparen. Doch auch Spanien bereitet sich darauf vor, demnächst wegen der drohenden Versorgungsengpässe durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine den Energieverbrauch zu drosseln.
Die Zentralregierung in Madrid hatte bereits im Mai einen Plan erstellt, wie im öffentlichen Bereich weniger verbraucht werden kann und spielte den Ball an die Regionalverwaltungen weiter. Als erste autonome Region gab das Baskenland am Dienstag (26.7.) einen Kontingenzplan mit Empfehlungen an Haushalte und Betriebe zum Energiesparen ab.
Spanien muss Gasverbrauch nur um 7,5 Prozent zurückfahren
Nach derzeitigem Stand dürfte es im Herbst und Winter in Spanien jedoch nicht so ungemütlich werden, wie etwa in Deutschland befürchtet wird. So wehrte sich die Linksregierung gegen das Vorhaben aus Brüssel, wonach alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ihren Gasverbrauch um 15 Prozent senken sollten. Spanien und andere Länder, vornehmlich aus dem Süden, sahen sich ungerechterweise in die Verantwortung genommen. Denn im Gegensatz zu Deutschland hat man sich hier nicht von der Willkür des russischen Präsidenten Wladimir Putin bei der Erdgasversorgung abhängig gemacht. Am Ende bekamen Madrid und andere im europäischen Notfallplan eine Ausnahme bewilligt und müssen statt 15 Prozent nur die Hälfte einsparen.
Spanien hat energiepolitisch in den vergangenen Jahren einen anderen Weg eingeschlagen. Anstatt von Russland war man bis vor Kurzem größtenteils auf Erdgas aus Algerien angewiesen, das rund die Hälfte der Versorgung ausmachte. Doch trotz einer jahrzehntelangen Partnerschaft wollten sich die Spanier unabhängiger machen. Grund dafür war die politisch sensible Lage im Maghreb.
Im vergangenen Jahr hatte Algerien zum Beispiel im Streit mit Nachbar Marokko eine Pipeline abgedreht, die Gas nach Spanien und Portugal liefert. Madrid hat daher massiv in den Ausbau der Infrastruktur für Flüssiggas (LNG) investiert, das mit dem Schiff angeliefert wird. Spanien hat inzwischen sechs Wiederaufarbeitungsanlagen, eine weitere kommt bald hinzu. Das sind mehr LNG-Terminals als in jedem anderen Land in Europa und entspricht rund einem Drittel der Kapazitäten der EU.
Spanien als Gasverteiler
Das Ergebnis ist, dass die USA mittlerweile Algerien als Haupt-Gaslieferant abgelöst haben. Spanien bietet schon länger den europäischen Partnern seine Kapazitäten zur Gasversorgung an. Der staatlich kontrollierte Monopolist der Erdgasinfrastruktur Enagás plant den Bau drei neuer Leitungen nach Portugal, Frankreich und Italien. Denn bislang sind die Anbindungen Spaniens zum Rest Europas beschränkt. Die neuen Röhren sollen mit Blick auf die Energiewende in Zukunft auch Wasserstoff transportieren. Diese Technologie soll dabei helfen, die Schadstoffemission zu reduzieren.
Hierzulande fürchten die Verantwortlichen keine Engpässe bei der Gasversorgung. „Spanien wird den Winter ohne Probleme überstehen“, versicherte der Vorsitzende von Enagás, Arturo Gonzalo. Energieministerin Ribera reagierte unterdessen auf die Brüsseler Pläne einer Reduzierung von 15 Prozent des Gasverbrauchs zunächst schnippisch. „Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir Spanier nicht über unseren Möglichkeiten gelebt, was die Energie angeht“, erklärte sie. Damit spielte Ribera, eine von drei Stellvertreterinnen von Ministerpräsident Pedro Sánchez, auf den Vorwurf an, den die Nordeuropäer den Südländern zu Zeiten der Finanzkrise gemacht hatten.
Das Land will aus Solidarität mitsparen
Auch der außenpolitische Beauftragte der EU Josep Borrell lobte die Bemühungen zur Diversifizierung der Rohstoffversorgung seines Heimatlandes gegenüber anderen Staaten, „die einzig und allein“ auf russisches Gas gesetzt hätten, Namen nannte er nicht. Borrell sieht Spanien in einer guten Position, um eine alternative Rolle bei der Energieversorgung Europas zu spielen und plädiert daher für den Ausbau der Pipelines über die Pyrenäen und durchs Mittelmeer nach Italien.
Das ist jedoch noch Zukunftsmusik. Zunächst müssen sich auch die Menschen in Spanien aufs Energiesparen einrichten, und sei es „aus Solidarität mit jenen EU-Mitgliedsländern, die viel stärker von dieser fürchterlich harten Situation betroffen sind“, wie Ribera am Dienstag beim Ministerrat in Brüssel verkündete.
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