50 Jahre Gob - die Erfolgsrezepte der gefeierten und gefürchteten Umweltschützer auf Mallorca

Mallorcas in der Inselgesellschaft fest verwurzelte Umweltbewegung feiert Jubiläum. Heute warten ganz andere Herausforderungen auf die Aktivisten

„Genug der Zerstörung, retten wir Mallorca“: Immer wieder gab es bedeutende Demos, etwa wie hier während der zweiten Regierung Matas (2003–2007) gegen den Straßenausbau.

„Genug der Zerstörung, retten wir Mallorca“: Immer wieder gab es bedeutende Demos, etwa wie hier während der zweiten Regierung Matas (2003–2007) gegen den Straßenausbau. / DAVID MARTÍNEZ

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Am Anfang stand eine Zeitungsmeldung. Miquel Rayó schrieb einen Leserbrief, in dem er seine Sorgen um die Zerstörung der Landschaft auf Mallorca beschrieb und Gleichgesinnte für Ausflüge suchte. Die Anrufe ließen nicht lange auf sich warten. Aus den Wanderfreunden ging das Gründungsteam des GOB hervor. Die Initialen, die für „Grup Balear d’Ornitologia i Defensa de la Naturalesa“ stehen, sind heute auch den meisten Ausländern bekannt: Die „Balearische Gruppe für Vogelkunde und Naturschutz“ ist die Ökobewegung auf Mallorca – eine schlagkräftige Lobby, die in den vergangenen 50 Jahren Naturschätze gerettet und reihenweise Bauprojekte verhindert hat.

Die auch ein paar Niederlagen einstecken musste, aber enormen politischen Einfluss ausübt, ohne sich von den Parteien vereinnahmen zu lassen. Und die heute angesichts von aktuellen Herausforderungen wie dem Klimawandel ihre Rolle neu definieren muss.

GOB-Plakate: Protest gegen den Straßenausbau, Petition für mehr Klimaschutz, Demo gegen Baupolitik, Einsatz für Naturschutzgebiet Punta de n’Amer, Jubel über Bauverbot auf Dragonera.  | FOTOS: GOB

GOB-Protest auf der Plaça Major in Palma. / DM

Der GOB entstand noch im Franco-Regime

Das gesamte Jahr steht im Zeichen des Jubiläums. Das Gründungsdatum war zwar im Dezember 1973, gefeiert wird aber schon jetzt, am 11. Juli mit einer Veranstaltung im Teatre Principal in Palma. „Ich hätte auch ein Straßenfest gut gefunden“, meint Margalida Ramis, Sprecherin des GOB. Auf der Straße, im Kontakt mit den Menschen, da finde die wichtigste Arbeit der Naturschützer statt. Aber die Feier im Theater biete nun einen würdigen Rahmen für die derzeit gut 4.000 Mitglieder sowie all die Aktivisten, die sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten um den Naturschutz auf den Inseln verdient gemacht hätten.

Der GOB entstand im ausgehenden Franco-Regime – in einer Zeit, als es einerseits um den staatlich geregelten Umweltschutz mies bestellt war, andererseits der Tourismus boomte und als Fortschrittsmotor zunächst nicht infrage gestellt wurde. Die Vereinigung füllte mit ihrer Lobby eine gesellschaftliche Lücke, zumal während der Zeit des Übergangs zur Demokratie in den 70er-Jahren der Drang nach gesellschaftlicher Mitbestimmung wuchs.

Besetzung von Dragonera 1977

Und dass es den jungen Leuten nicht nur um Vogelkunde ging, zeigte das Jahr 1977. Im Juli besetzten mehrere Dutzend Aktivisten Sa Dragonera, um gegen den geplanten Bau von Luxusvillen, einem Hotel und einem Casino auf der Insel südwestlich von Mallorca zu protestieren. Der GOB nahm nach einer internen Debatte an der Aktion teil – und entschied sich somit für Auflehnung und Protest. Das „urtümliche“ und „eigene“ der Inseln vor äußeren Eingriffen zu verteidigen, spielte von Anfang an eine große Rolle.

Das erklärt auch, warum der Naturschutz ideologisch so eng verknüpft ist mit den Bewegungen zum Erhalt der Inselkultur und -sprache. Bis heute ist im Zweifel der Schutz von Ackerfläche wichtiger als ein von internationalen Investoren geplanter Solarpark.

Immer wieder auch vor Gericht gezogen

Cala Mondragó, Es Trenc, Cabrera – in den 70er- und 80er-Jahren mobilisierte die Vereinigung Tausende von Menschen, um die Bebauung von Naturräumen zu verhindern, zog aber gleichzeitig auch immer wieder vor Gericht. Der GOB schaffte es, sich schnell zu professionalisieren, holte Architekten, Bauplaner oder Juristen an Bord. Dass eine am Strand von Es Trenc begonnene Siedlung nach Jahrzehnten schließlich 2013 abgerissen wurde, war das Ende eines vom GOB angestoßenen Gerichtsverfahrens.

Kristallklares Wasser und Dünenlandschaft am Strand Es Trenc auf Mallorca.

Kristallklares Wasser und Dünenlandschaft am Strand Es Trenc auf Mallorca. / Andreas Drouve/dpa-tmn

In den 90er-Jahren verlagerte sich die Stoßrichtung. Die Vereinigung machte vor allem gegen Neubausiedlungen mobil, auch gegen die Pläne für eine Müllverbrennungsanlage, die dem Protest zum Trotz letztendlich gebaut wurde. Immer stärker gerieten konservative Inselpolitiker ins Visier der Umweltschützer, allen voran Premier Jaume Matas mit seinem massiven Ausbau des Straßennetzes in seiner Amtszeit ab 2003.

"Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht"

Dass er die Wahlen 2007 verlor, dazu dürfte auch der Protest des GOB unter dem Motto „Qui estima Mallorca no la destrueix“ (Wer Mallorca liebt, zerstört es nicht) beigetragen haben. Auch unter der Regierung von José Ramón Bauzá (2011–2015) ließ die Gruppe ihre Muskeln spielen, etwa 2012 mit einer Menschenkette am Es-Trenc-Strand, um erfolgreich gegen Pläne für einen Hotelkomplex in Sa Ràpita zu protestieren.

Seit 2013 ist alles komplizierter geworden. Da wäre zum einen die Politik der Linksregierung, die zwar den Umweltschutz vorantrieb, aber bei Weitem nicht so stark, wie es sich der GOB gewünscht hätte. Immerhin wurde eine vom GOB initiierte Peretition zum Klimaschutz als Gesetz verabschiedet.

Umweltbewegung hat sich aufgesplittet

Da wäre die Aufsplitterung der Umweltbewegung: Kreuzfahrtschiffe, Meer, Wasserressourcen – neue Gruppierungen machen sich für einzelne Aspekte des Umweltschutzes stark. Da wäre das Greenwashing, das allgegenwärtige Gerede von Umweltschutz, ohne dass sich substanziell etwas ändert. Und da wären natürlich die sozialen Netze, nach dem Motto: Posts statt Transparente.

Nur eine "Ausnahme"? Fünf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen von Palma de Mallorca

Fünf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen von Palma de Mallorca / B. Ramon

Das werde sich nun wieder ändern, ist sich Sprecherin Ramis sicher: „Wir gehen wieder auf die Straße.“ Zum einen habe man gemerkt, dass man bei den Menschen sein, ihnen zuhören und ihre Probleme aufgreifen müsse, um sie nicht den Populisten zu überlassen. Zum anderen werde es in den kommenden vier Jahren PP-Regierung Anlass genug für Proteste geben, auch wenn noch nicht absehbar sei, wie sehr sich die Klimawandel-Leugner von Vox durchsetzen. Die Stärke des GOB: Die Gruppe versteht sich als Netzwerk, als Dachorganisation, unter der sich andere Initiativen versammeln – und die jederzeit wieder die Massen mobilisieren kann.

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