Massentourismus: Was Palma von Venedig lernen kann

Die Lagunenstadtgilt als abschreckendes Beispiel dafür, wie Urlauber eine Stadt verändern. Ein Treffen mit einer Aktivistin

04.08.2017 | 11:10
Da geht´s lang zum Markusplatz: Maria Fiano im Urlauberstrom.

Keine hundert Meter von der berühmten Rialto-Brücke in Venedig entfernt, steht an dem kleinen Platz Campo San Bartolomeo die Apotheke Farmacia Morelli. Eine Leuchtanzeige im Schaufenster zeigt die Zahl 54.579 an. „So viele Menschen sind aktuell in Venedig gemeldet. Die Apotheke dokumentiert das seit 2008 als kleines Zeichen des Widerstandes", erklärt Maria Fiano. Damals, vor neun Jahren, waren es noch 60.704 Einwohner. Nichts im Vergleich zu 1951: Da wohnten noch 174.000 Menschen in Venedig.

Die Italienisch-Lehrerin Fiano engagiert sich in der Initiative „No Grandi Navi" gegen die Ankunft von Kreuzfahrtschiffen in der Stadt. Etwa 700 davon kommen jedes Jahr nach Venedig (zum Vergleich: In Palma werden 2017 rund 550 erwartet). „Sie fahren direkt bis in die Stadt. Nicht erst seit der 'Costa Concordia' ist uns angst und bange. Zudem bedrohen die Vibrationen der Motoren die Fundamente der Stadt."

Ende Juni war Fiano in Palma, um anlässlich der Taufe der „Aida Perla" gegen diese Art von Tourismus zu protestieren. „Ich war schockiert, als ich gehört habe, dass es auch noch Überlegungen gibt, den Flughafen auf Mallorca zu vergrößern." Venedig gilt häufig als abschreckendes Beispiel für das, was Palma blühen könnte, wenn noch mehr Touristen kommen.

Natürlich könne man die beiden Städte nicht so einfach miteinander vergleichen, sagt Fiano. Der Tourismus verteile sich auf Mallorca auf der ganzen Insel, in Venedig ­konzentriere er sich auf die Altstadt. „Laut einer Studie, die untersuchte, wie viele Touristen ein Ort maximal aushalten kann, um das Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Bewohner und jener der Touristen nicht zu gefährden, sollten nach Venedig nicht mehr als sieben Millionen pro Jahr kommen", sagt Fiano. „Tatsächlich kommen zwischen 25 und 30 Millionen." (Auf Mallorca sind es über 14 Millionen Besucher.)

Natürlich seien schon immer viele Touristen nach Venedig gekommen. So richtig problematisch sei es aber erst in den vergangenen 15 Jahren mit den Veränderungen in der Reiseindustrie und den Billigflügen geworden, sagt Fiano. Viele Touristen blieben nur einen Tag und kämen nie wieder. „Das hat dazu geführt, dass bei uns nicht wie in Palma von Gentrifizierung, sondern direkt von Touris­tifizierung gesprochen wird." Was das bedeutet, zeigt sie am nächsten Kiosk. „Schau, hier gibt es acht verschiedene Zeitungen und Magazine zu kaufen. Der Rest sind Souvenirs."

Auch in Venedig habe es in letzter Zeit Demonstrationen gegeben, ähnlich wie in Palma verkleideten sich auch hier die Leute teilweise wie Touristen und liefen mit Rollkoffern herum. „Wir stellen aber klar, dass wir nicht gegen den Tourismus sind. Wir wollen nur ein besseres Gleichgewicht."

Auf Hilfe von der Stadtverwaltung, in dessen Zuständigkeit auch Mestre auf dem Festland fällt, könne man nicht hoffen. „Unser aktueller Bürgermeister befürwortet den Massentourismus. Er hat sinngemäß gesagt, Venedig sei für die Touristen, Mestre für die Einwohner." Aber immerhin habe auch die Stadtverwaltung eingesehen, dass es Probleme gibt. „Jetzt überlegt man, für den Besuch gewisser Orte, etwa dem Markusplatz, Eintritt zu verlangen. Da bin ich persönlich strikt dagegen. Das würde die Stadt zum Museum machen."

Stattdessen fordert Fiano Qualitätstourismus – ein Wort, das auch auf Mallorca in aller Munde ist. Nur an der Definition hapert es häufig, meist ist irgendetwas mit Geldausgeben gemeint. Fiano versucht es: „Ich würde sagen, dass ein Qualitätstourist sich wirklich für den Ort interessiert, den er besucht. Er will die Stadt und deren Kultur, auch deren Menschen, kennenlernen. Dafür lässt er sich Zeit."

Einer der Vorschläge der Bürgerinitiativen Venedigs ist denn auch eine Art preislich gestaffelte Eintrittskarte für die Stadt: Je länger man bleibt, desto billiger wird es. „Ein Tourist, der länger bleibt, interessiert sich vielleicht auch dafür, besser zu essen. Das erhöht die Qualität der Restaurants. Zurzeit können sie ja servieren, was sie wollen. Ein Tourist, der nur einen Tag da ist und nicht wiederkommt, kann es verschmerzen, wenn er etwas schlechter isst."

Und wie wird in Venedig die Frage der Ferienvermietung diskutiert? „Seit es Plattformen wie Airbnb gibt, hat sich eines geändert: Plötzlich gibt es sogar im Zentrum Venedigs Supermärkte, weil diese Urlauber welche brauchen. Das finde ich natürlich auch gut." Die Kehrseite sei allerdings ebenso allgegenwärtig: „In Venedig zu wohnen, war schon immer teuer, daran sind wir gewöhnt. Aber jetzt ist es schier unmöglich, eine Wohnung zu finden. Selbst wenn man das Geld hätte."

Maria Fiano wird auch selbst tätig, wenn es darum geht, eine andere Form von Tourismus zu fördern. „Zusammen mit einer Freundin bieten wir Kurse, in denen Touristen die klassischen venezianischen Fischerboote, von der Technik her den Gondeln ähnlich, fahren lernen."

Was also kann Palma von Venedig lernen? Fiano überlegt. „Schützt eure Altstadt. Sie darf nicht zu einem Ort werden, wo Touristen zwei Stunden verbringen und dann wieder gehen. Schützt sie vor Ferienvermietung, die den Menschen den Platz zum Leben nimmt. Und vergrößert auf keinen Fall den Flughafen."

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