Wie deutsche Urlauber die balearische Wirtschaft retten

05.06.2008 | 02:00

Die Frage, wie es um die balearische Wirtschaft bestellt ist, beantwortet ein Blick in den Hafen von Palma. Die Container-Schiffe sind der Puls der Insel-Ökonomie. Er hat sich verlangsamt: Seit Beginn des Jahres wurden 300.000 Tonnen weniger als im Vorjahr geliefert, ein Rückgang von sechs Prozent - weniger Konsumgüter, weniger Treibstoff und vor allem weniger Baumaterial

Mallorca befindet sich im Abwärtssog der spanischen Bau- und Immobilienkrise. Wie auf dem Festland auch bleiben die Verkaufsschilder in den Fenstern immer länger hängen, der Wohnungsmarkt stagniert, die Preise sinken. Gleichzeitig können viele Eigentümer ihre Hypotheken kaum noch bezahlen, die Lebenshaltungskosten ziehen an, die Arbeitslosigkeit steigt, der Konsum sinkt. Es sind die Faktoren, die Abwärtsspiralen in Gang setzen. Einziger Hoffnungsschimmer sind, da sind sich alle befragten Experten einig, die Urlauber. Vor allem die Deutschen unter ihnen.



Tatsächlich sind die Besucherzahlen bislang stabil und legen sogar leicht zu - ein Prozent mehr im Januar, elf Prozent im Februar, fünf Prozent im März. Seit Beginn des Jahres kamen insgesamt 1,5 Prozent mehr Touristen als im Vorjahr, und für das Gesamtjahr wird eine leichte Steigerung der 13 Millionen Urlauber des vergangenen Jahres erwartet.



Alemania stellt ein Drittel aller Balearen-Touristen - eine wichtige Stütze für die Insel-Wirtschaft, in der die Dienstleistungsbranche mehr als 70 Prozent des Bruttosozialeinkommens einbringt. ýDem deutschen Markt kommt eine Schlüsselrolle für unsere Wirtschaft zu", bestätigt Joan Gual, Vorsitzender der Handelskammer. Auch deswegen organisiert die Balearen-Regierung für nächste Woche einen großen Auftritt auf dem Alexanderplatz in Berlin (siehe Seite 9). Die Deutschen sind umso wichtiger, da es auf dem britischen Markt nicht mehr so rosig aussieht: Wegen des schwachen Pfunds seien dort erste Buchungsrückgänge festzustellen, stellt Antoni Horrach, Vorsitzender der Hoteliersvereinigung, fest.



Hauptursache der heraufziehenden Wirtschaftskrise ist der Rückgang der Bauwirtschaft: In der Branche wird die Zahl der bislang unverkauften Neubauwohnungen auf 5.000 geschätzt. Gabriel Oliver, Vorsitzender der Vereinigung der Bauträger auf den Balearen, geht davon aus, dass sich die Zahl der Neubauprojekte im Vergleich zum Vorjahr halbiert hat. Insbesondere nicht-renovierte Altbauwohnungen seien vielfach überbewertet und deswegen schwer verkäuflich.



Hinzu kommen Banken, die kaum noch Kredite vergeben, und kräftig angezogene Hypothekenzinssätze, die viele spanische Familien kaum noch bezahlen können. Makler berichten, dass sich im unteren und mittleren Segment auf dem Immobilienmarkt kaum noch etwas tut. Unteres und mittleres Segment: Gemeint sind damit Objekte unter 600.000 Euro.



Bewegung gibt es einzig und allein noch bei Immobilien, die eine Million Euro aufwärts kosten. Hier finden sich ausländische Käufer, denen Hypotheken-Zinsen weitgehend egal sein können. Auch in diesen Kreisen hat die internationale Finanzkrise Spuren hinterlassen - etwa auf dem britischen Markt. Gehofft wird jetzt auf Käufer aus Osteuropa.



Viele kleinere Immobilien­agenturen und Bauunternehmen haben bereits geschlossen - und jetzt beginnt sich die Krise auch auf die Großen der Branchen auszuwirken. Mallorca Bau-Tycoon Vicenç Grande muss gerade in aller Eile Grundstücke und Beteiligungen verkaufen, darunter auch den Fußballclub Real Mallorca.



Um das Schlimmste abzuwenden, fordern die Bauunternehmer Hilfe vom Staat: Öffentliche Aufträge sollen her. Die Landesregierung sieht das auch so und hat bereits ein großes Investitionsprogramm auf den Weg gebracht (siehe Seite 8). Darüber hinaus aber sind die Balearen chronisch unterfinanziert. Rettung soll ein für dieses Jahr geplantes Finanzierungsabkommen mit Madrid bringen, das die stark gestiegene Einwohnerzahl der Inseln berücksichtigt.



Unterdessen steigt die Arbeitslosigkeit weiter, im Jahresvergleich um 20 Prozent auf rund 41.000 Menschen. Dies und die allgemeine Verunsicherung beginnen, sich auch auf den Konsum auszuwirken. Einzelhändler und Gastronomen berichten über teils erhebliche Umsatzrückgänge. Im ersten Quartal gingen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um bis zu ein Viertel zurück, heißt es beim Branchenverband Afedeco. In einer Umfrage gaben drei Viertel der Befragten an, dass die Geschäfte schlechter laufen als vor einem Jahr. Und das war, bevor der Mai buchstäblich ins Wasser fiel.



Auch hier müssten also wieder die Urlauber ran - wenn sie denn so zahlreich kommen und so ausgabenfreudig sind wie erhofft. In der Tourismusbranche wächst die Sorge, dass die Saison, unter anderem wegen der anziehenden Flugpreise, doch nicht so rosig verlaufen könnte. Insbesondere der spanische Tourismus könnte erheblich einbrechen. Die Deutschen bleiben auf jeden Fall gefragt.

In der Druckausgabe lesen Sie außerdem:

Inflation: Von gefühlten und reellen Preissteigerungen

Kommentar: Die fetten Jahre sind vorbei - zum Glück

Mallorquiner ächzen unter der Hypotheken-Last

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