Leben unter dem Limit auf Mallorca

Deutschland diskutiert: Reicht Hartz IV für ein menschenwürdiges Leben? Viele Familien ohne Einkünfte auf der Insel wären froh, wenn ihnen vom Staat so geholfen würde wie in der Bundesrepublik

18-02-2010  
Klamotten von der Caritas: Vater Francisco Herrera (43), Tochter Sheila (2), Mutter Ana Llinas (40).
Klamotten von der Caritas: Vater Francisco Herrera (43), Tochter Sheila (2), Mutter Ana Llinas (40).  Nele Bendgens

SILKE DROLL In der Nacht lassen die Sorgen Maria Eugenia Hernández (46) kaum schlafen. Sie und ihr Mann Andres Macmillan (47) wissen nicht, wovon sie nächsten Monat die Miete bezahlen sollen. Oder das Schulessen für ihre jüngste Tochter Emilia (8). Oder den Kieferorthopäden für den ältesten Sohn Lucas (17). Oder die Turnschuhe für Anais (13). Die fünfköpfige spanisch-chilenische Familie in Palma lebt am Limit. MacMillan hat im Oktober 2008 seinen Job als Grafik-Designer verloren, seine Frau wurde bereits ein Jahr zuvor entlassen. Ihren Arbeitslosenanspruch haben sie aufgebraucht, für wenige Monate erhalten beide noch die staatliche Familien-Beihilfe. Damit kommen sie auf insgesamt 852 Euro im Monat. Doch allein für ihre Sozialwohnung zahlen sie schon 650 Euro, dazu kommen rund 100 Euro im Monat für Strom und Gas. Ein Mietzuschuss, den MacMillan beim Wohnungsamt beantragen wollte, wurde ihm nicht gewährt. „Das Programm ist eingefroren." Jetzt will er wenigstens Kindergeld beantragen. Familien mit extrem geringen Einkünften können pro Kind monatlich 24,25 Euro beziehen. Doch in wenigen Monaten werden sie überhaupt keine Unterstützung mehr bekommen. Auf den Balearen gibt es keine Grundsicherung des Existenzminimums vom Staat, wie Hartz IV in Deutschland.

Dort wird nach der umstrittenen Kritik von Vize-Kanzler und FDP-Chef Guido Westerwelle an den deutschen Sozialleistungen heftig über Hartz IV diskutiert. Zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die seit 2005 geltenden Hartz-IV-Regelsätze für Erwachsene und Kinder gegen das Grundgesetz verstoßen. Sie würden nicht dazu ausreichen, die nach der Verfassung festgeschrieben Menschenwürde zu garantieren. Zudem ordneten die Richter an, dass Hartz-IV-Empfänger ab sofort in seltenen Ausnahmefällen – zum Beispiel bei Krankheiten, für die Kranken- und Sozialkassen keine Kosten übernehmen – Extraleistungen bekommen.

Auf den Balearen stößt die Auseinandersetzung in Deutschland auf Unverständnis. Sogar Gewerkschaftsvertreter Manolo Pelarda sagt: „Natürlich ist jedes Sozialsystem verbesserungsfähig, aber die Spanier würden Luftsprünge machen, wenn sie vom Staat so aufgefangen würden wie in Deutschland. Wenn du hier nichts mehr hast, landest du auf der Straße." Verlassen können sich mittellose Bürger auf den Inseln allenfalls noch auf die Familie, Freunde, private oder kirchliche Hilfsorganisationen. Wer sein Arbeitslosengeld sowie eine eventuelle Anschluss-Hilfszahlung aufgebraucht hat, bekommt vom Staat keinerlei Unterstützung. „In anderen Regionen in Spanien gibt es noch Zahlungen von den jeweiligen autonomen Gemeinschaften, aber hier nicht", erklärt der Sprecher der Gewerkschaft UGT, die seit Jahren für die Einführung einer minimalen Grundsicherung für die Bürger der Balearen kämpft. „Das deutsche System ist fantastisch", sagt dann auch Andres Macmillan, als er hört, wie viel staatliche Stütze ihm und seiner Familie zustehen würde, wenn er in Deutschland leben würde. Insgesamt 2.149 Euro würde die kinderreiche Familie laut Angaben der Agentur für Arbeit in der Bundesrepublik für Lebensunterhalt, Miete und Heizung erhalten. Und das ohne zeitliche Begrenzung – im Gegensatz zur Beihilfe in Spanien, die nach dem Auslaufen des Arbeitslosengeldes gezahlt wird, aber auf maximal zwei Jahre begrenzt ist.

Macmillan und seine Frau sind Bildungsbürger. Die Regale im beengten Wohnzimmer sind voller Bücher und Musik-CDs, an der Wand hängen Originale von befreundeten Künstlern aus früheren Zeiten. Sie lieben Theater-, Kino- und Konzertbesuche. Doch derlei Vergnügen sind bereits seit langem ersatzlos gestrichen. In den vergangenen Monaten haben sie sogar ihre Ernährung umgestellt und so ihr Supermarkt-Budget von rund 450 Euro im Monat auf 300 Euro reduziert. „Schinken oder Süßigkeiten gibt es nicht mehr, auch weniger Fleisch, jetzt essen wir viel Nudeln und Reis. Die Kinder wissen auch, dass sie zur Vesper nur maximal ein belegtes Brot essen können und dass der Obstsaft für die ganze Woche rationiert ist." Neben den Ausgaben für Lebensmittel lastet auf der Familie noch ein Kredit für Möbel und einen Computer, den der Grafik-Designer für seine Arbeit brauchte. Monatlich 300 Euro sind dafür fällig.

Ihre Familienkarte für die städtischen Sporteinrichtungen haben sie schweren Herzens aufgegeben. Die 190 Euro im Jahr waren einfach nicht mehr aufzutreiben. Dabei würde ihnen das Schwimmen so gut tun. „Alle Ärzte empfehlen meinem Mann und unseren Kindern immer schonende Sportarten, um ihre Muskulatur zu trainieren", sagt Maria Eugenia Hernández. Denn außer ihr leiden alle Familienmitglieder am Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS), einer genetischen Bindegewebserkrankung. Ihre Haut ist besonders elastisch und anfällig für Verletzungen.

Eine Überweisung der Oma aus Chile rettete die Familie in Palma vor kurzem davor, den kalten Winter in ihrer Wohnung ausschließlich mit Decken überstehen zu müssen. Hernández kaufte Paraffin für ihre einzige Mini-Heizung und dringend benötigte Kleidung für die Kinder. „Wir haben hier in Spanien Geld aus dem vermeintlichen Schwellenland Chile bekommen, nicht andersherum!" Über die verkehrte Welt schüttelt sie selbst den Kopf. Außerdem hilft ein Onkel mit kleinen Finanzspritzen. Die Eltern selbst versuchen, so gut es geht, schwarz zu arbeiten. Mutter Maria Eugenia, von Beruf Erzieherin, geht putzen oder gibt Nachhilfe, Vater Andres gestaltet das Layout kleiner Magazine. „Etwas anderes bleibt uns nicht übrig, mich offiziell selbstständig zu machen, kann ich mir nicht leisten, und Aufträge gibt es sowieso kaum."

Die Schattenwirtschaft ist für viele Arbeitslose auf den Balearen die einzige Möglichkeit, noch irgendwie ihr Dach über dem Kopf zu behalten. Je nach Statistik gibt es unterschiedliche Arbeitslosenzahlen für die Balearen. Von den nach einer Schätzung der UGT rund 50.000 Menschen, die auf den Inseln weder einen Lohn noch staatliche Hilfsgelder bekommen, überleben 30.000 bis 40.000 auf diese
Weise. Von den insgesamt rund 110.000 Erwerbslosen erhalten derzeit noch 35.000 bis 40.000 Arbeitslosengeld und 20.000 bis 25.000 eine Beihilfe von weniger als 500 Euro. Doch die Zahl der Menschen, die überhaupt keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben, steigt laufend. Hilfsorganisationen auf den Inseln, die kostenlose Mittagessen oder gebrauchte Kleidung anbieten, melden eine enorme Zunahme der Bedürftigen.

„Alles von der Caritas", sagt Francisco Herrera (43) und zeigt auf seine Hose und seine Schuhe. Der arbeitslose Bauarbeiter und seine Frau Ana Llinas (40) greifen auf die Hilfe der Kirche zurück. Auch Lebensmittel können sie sich dort alle zwei Wochen abholen. So sparen sie sich einen Einkauf im örtlichen Mercadona, dessen Gebäude Herrera, Spezialist für Einschalungen, vor wenigen Jahren mit aufgebaut hat. In ihrer Wohnung (Kaltmiete 420 Euro) sitzen sie mit ihrer Tochter Sheila (2) ausschließlich in dem kleinen Zimmer neben der Küche. Denn dort ist der Kamin. Das Holz dafür haben sie selbst gesammelt. Die Familie wohnt in Llucmajor, nach einem kleinen Spaziergang sind sie draußen in der Natur. Um ihr schmales Budget aufzubessern, suchen sie auch nach Schnecken und Pilzen, die sie entweder selbst essen oder an Bars und Restaurants verkaufen. Die Möbel haben schon bessere Zeiten gesehen, in einer Tür fehlt das Innenglas, in den Lampen die Glühbirnen, der Backofen ist kaputt, Festnetz-Telefon und Internet gaben sie auf. „Zu teuer."

In den vergangenen Monaten hatten sie nur 450 Euro Familienbeihilfe und 175 Euro Behindertenrente zur Verfügung. Francisco Herrera zahlte fast 18 Jahre in die Sozialkasse Seguridad Social ein und hat als Familienvater Anspruch auf die maximale staatliche Unterstützung, doch die Beihilfe läuft bald aus. Seine Chancen auf einen Job sind gleich null. Herrera hat zwar viel Erfahrung, ist aber stark sehbehindert, und die spanische Bauwirtschaft liegt bekanntermaßen am Boden. Seine Frau Ana arbeitete früher auf Volksfesten und nähte zu Hause Schuhe zusammen, bis der Hersteller Pleite machte. Einen Schulabschluss oder eine Ausbildung haben sie beide nicht. „Für Leute wie uns ist es besonders schwer, einen Job zu finden", sagen sie. Dank eines staatlichen Programms arbeitet Ana nun seit kurzem als Putzfrau im Rathaus. Dabei muss sie wegen Schmerzen immer wieder Pausen einlegen. Die starke Raucherin leidet unter Bandscheibenproblemen und Gefühllosigkeit in Händen und Armen. Doch der auf ein halbes Jahr befristete Job bringt immerhin 840 Euro netto in die Familienkasse.
In Deutschland würden der dreiköpfigen Familie dann 1.381 Euro inklusive Miete und Heizung zustehen. Herrera: „Da ginge ich sofort hin."

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