Adoptionen auf Mallorca: Das Nesthäkchen kommt aus Fernost

In kaum einem anderen Land werden so viele Kinder adoptiert wie in Spanien. Auf Mallorca fanden Hunderte ein neues Zuhause

20-01-2011  
Johnny Alejandro und Willin Andrés mit Adoptivschwester Liang Laura. Rechts die Eltern
Johnny Alejandro und Willin Andrés mit Adoptivschwester Liang Laura. Rechts die Eltern Foto: Terrassa

SILKE DROLL Als ihr die Mitarbeiter eines Waisenhauses in China den kleinen Jungen ins Hotelzimmer brachten, war das für Carme Llinás (45) einer der glücklichsten Momente ihres Lebens. Es war der Augenblick, in dem die Kommunikations-Fachfrau aus Palma zum dritten Mal Mutter wurde und ihre leiblichen Kinder im Teenager-Alter ein Geschwisterchen von eineinhalb Jahren aus einem anderen Erdteil bekamen. Ihr Mann, der Biochemiker Javier Jara (46), übernahm die Abwicklung der Papiere mit den Begleitern seines Adoptivsohns allein, weil seine Frau die Augen nicht mehr von ihrem neuen Kind lassen konnte. Heute, sieben Monate später, ist der kleine Lucas (Name geändert) der viel geliebte Mittelpunkt der mallorquinischen Familie.

Solche Geschichten vom Glück einer Familienerweiterung durch ein Kind aus Fernost gibt es viele in Spanien. Allein auf Mallorca wurden in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 640 Kinder aus dem Ausland adoptiert. China und Russland waren dabei die beliebtesten Herkunftsländer. „Wir sind die familias mallorchinas", sagt Carme Llinás. In ganz Spanien wurden allein im Jahr 2007 nach Angaben der nationalen Statistikbehörde 3.592 Kinder aus anderen Ländern adoptiert. Im „Rekordjahr" 2004 fanden 5.541 Kinder aus dem Ausland eine neue Familie in dem Land.

Mittlerweile sinken die Zahlen wieder leicht, weil mehrere Länder, darunter China, ihre Bestimmungen für Auslandsadoptionen verschärft haben und sich stärker um Adoptiveltern aus dem Inland bemühen. Doch das Interesse aus Spanien ist weiterhin stark. „China braucht ein Jahr, um die Menge an Adoptionsanträgen, die aus Spanien in einem Monat kommen, abzuarbeiten", sagt Maria Luisa Servera, Leiterin der Abteilung für Adoption beim Inselrat. Seit der Jahrtausendwende hat Spanien laut dem britischen Soziologen Peter Selman im weltweiten Vergleich nach den USA die meisten Kinder aus dem Ausland adoptiert – und das bei einer deutlich niedrigeren Bevölkerungszahl. Eine eindeutige Erklärung dafür gibt es nicht. Selman vermutet, dass die spanische Regierung auf diplomatischer Ebene mit den Herkunftsländern der Kinder erfolgreiche Verhandlungen geführt hat. Andere Experten erklären das Phänomen damit, dass das Adoptionsverfahren in Spanien im Vergleich zu anderen Ländern einfacher und günstiger sei. Beliebt sind Adoptionen aus dem Ausland auch wegen der kürzeren Wartezeiten. Bei Kindern aus Russland und China verging in der Vergangenheit oft nicht mehr als ein Jahr, bis sie als neues Familienmitglied begrüßt werden konnten. „Heute müssen künftige Adoptiv-Eltern auf ein Kind aus China rund sechs Jahre und auf ein Kind aus Russland zwei Jahre warten", berichtet Servera.

Im Gegensatz zu Deutschland liegt der Adoptionsprozess in Spanien komplett in staatlicher Hand. Auf Mallorca ist die Jugendbehörde (IMAS) des Inselrats dafür zuständig. Aufgrund des großen Interesses bietet Servera jeden ersten und dritten Montag im Monat um 13 Uhr einen Informationsvortrag an (IMAS, C/. General Riera, 67, Salón de Actos, keine Voranmeldung notwendig). Wenn eine Familie einen Adoptionsantrag stellt, muss sie obligatorisch an einem fünf Einheiten umfassenden Vorbereitungskurs zu juristischen, sozialen und psychischen Aspekten teilnehmen. Danach führen Sozialarbeiter und Psychologen vier Interviews mit den Paaren und besuchen die Interessenten in ihrer Wohnung. Nach einer erfolgreichen Überprüfung werden ein Eignungszertifikat, ein psychosoziales Gutachten und eine Verpflichtung zur Begleitung nach der Adoption durch die Behörde ausgestellt.

Adoptivmutter Carme Llinás hatte die notwendigen Schritte bereits längst erfüllt und zwei Jahre gewartet, als sie sich im September 2009 zu einer Änderung ihres Vorgehens entschloss. Sie hatte von dem besonderen Verfahren der zentralen chinesischen Vermittlungsstelle für Kinder mit Krankheiten oder Behinderungen erfahren. Auf diesem Weg, der im Spanischen pasaje verde genannt wird, verkürzt sich die Wartezeit deutlich. „Wir haben uns dafür entschieden, weil diese Babys viel größere Probleme haben, von einer Familie aufgenommen zu werden", sagt Llinás, die selbst keine eigenen Kinder mehr bekommen konnte. Nach vielen Gesprächen mit Fachärzten über unterschiedlichste Krankheitsbilder erklärte sich das Ehepaar zur Aufnahme eines Kindes mit gesundheitlichen Problemen bereit. „Wir wollten alles akzeptieren, was im Laufe der Zeit mit medizinischer Hilfe besser werden kann. Mit einem gesunden Kind kann es doch später genauso unangenehme Überraschungen geben."

Die Adoptionsstelle in China bot bereits nach wenigen Tagen ein Kind an, das mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren worden war. Von Ärzten auf Mallorca ließ sich Llinás einen Behandlungsplan aufstellen, zu dessen Durchführung sie sich verpflichtete. Daraufhin sicherte ihr die chinesische Behörde das Kind zu. Demnächst wird Lucas nun das erste Mal in Son Espases operiert. Die Behinderung, die die Ernährung von Babys stark erschwert, war vermutlich auch der Grund, warum Lucas nach der Geburt im Eingangsbereich einer Klinik von seinen Eltern abgelegt worden war.

Mit Schmunzeln erinnert sich Llinás an anfängliche Verständigungsprobleme mit ihrem Sohn. „Wenn ich ihm erklärte, dass man etwas nicht tun sollte, antwortete er mir immer mit dem Wort ,Hah´." Ein Laut, den die Spanierin als Ablehnung empfand, bis ihr auf Mallorca lebende Chinesen erklärten, dass Lucas damit so viel wie okay sagen wollte. Den heute fröhlichen und aufgeweckten Jungen plagten nachts zunächst Alpträume, oft weinte er.

Ähnliches erzählt Adoptivmutter Maria Hincapié (46) vom Eingewöhnungsprozess ihrer Tochter Liang Laura (6), die sie im Jahr 2005 ebenfalls in China in Empfang nahm. Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen wünschte sich mit ihrem zweiten Ehemann, dem Allgemeinarzt José Moragues, eine Tochter. Obwohl sie selbst in der Lage war, schwanger zu werden, wollten sie lieber ein Waisenkind adoptieren. Für China hatte sich die Inhaberin eines Naturprodukte-Ladens entschieden, weil es sich bei den Adoptivkindern aus der Volksrepublik zu 98 Prozent um Mädchen handelt. Ihre beiden leiblichen Kinder hatte die Kolumbianerin bekommen, als sie noch sehr jung war. „Das war damals sehr schwierig, jetzt aber hatte ich mir wirklich ein Kind gewünscht und kann deswegen meine Mutterschaft ganz anders genießen", sagt sie. Ihre Adoptivtochter liebe sie genauso wie ihre leiblichen Söhne.

Den Kindern aus anderen Erdteilen ist von Beginn an bewusst, dass sie anders sind als ihre Eltern oder Geschwister. Der kleine Lucas tastete nach den blonden Haaren seiner Mutter und den grünen Augen seines Bruders. Liang Laura fragte vor kurzem ihre Mutter ganz direkt: „Bin ich adoptiert?" Die Antwort darauf lautete: „Du bist die Tochter meines Herzens."

In der Printausgabe vom 20. Januar (Nummer 559) lesen Sie außerdem:
- Sorge um die Pflegekinder

Diese Artikel finden Sie auch hier.
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