Jagd auf Mallorca: Des einen Jagdrecht ist des anderen Katze

Die Jäger dürfen auf rund 75 Prozent der Insel jagen. Das Nachsehen haben nicht nur die Tiere, sondern auch die Anwohner. Doch es regt sich Widerstand

03-11-2011  
Auf der Pirsch: Derzeit nehmen Mallorcas Jäger wieder Rebhühner, Kaninchen und Tauben ins Visier.
Auf der Pirsch: Derzeit nehmen Mallorcas Jäger wieder Rebhühner, Kaninchen und Tauben ins Visier.  Foto: Sebastián Terrassa

FRANK FELDMEIER Die Katzen verschwanden immer zwischen Ende Juli und Januar – dann, wenn die Jäger unterwegs sind. Nach vier Jahren seien so von acht Stammkatzen nur noch drei übrig, berichtet Ulrike Friedrich, die auf einer Finca zwischen Manacor und Felanitx lebt. Dabei sei an der Ernährung der Tiere, dem Zustand ihres Fells und nicht zuletzt an den Halsbändern eindeutig zu erkennen gewesen, das es sich nicht um verwilderte Exemplare handelte. „Sie wurden aus der Nähe geschossen", so Friedrich, „das erkennt man, wenn man sieht, wie tief der Schrot unter die Haut gedrungen ist." Jäger dürfen Katzen nur schießen, wenn sie verwildert sind.

Ins Visier nehmen sie derzeit aber vor allem Rothühner, Kaninchen und Tauben. Noch bis Januar dauert die Jagdzeit, rund 20.000 Jäger gehen auf den Balearen auf die Pirsch. Die Jagd ist ein fest in der mallorquinischen Bevölkerung verwurzelter Volkssport, und trotz strikter Auflagen zu Jagdquoten, Jagdzeiten und Sicherheit haben die cazadores weitgehend freie Bahn. Dabei kommt es immer häufiger zu Konflikten mit Finca-Besitzern.

Nicht nur für Katzenfreunde ist der einzige Ausweg oft die Erklärung der eigenen Finca zum Schutzgebiet. Dazu muss beim Inselrat, in dessen Zuständigkeit die Jagd fällt, ein Antrag gestellt werden. In den vergangenen fünf Jahren wurden allein mit Unterstützung der balearischen Umweltschutz­vereinigung Gob auf der Insel mehr als 40 ­solcher refugios de caza eingerichtet (auch refugios de fauna genannt). Dieser Schritt erweise sich als sehr effektiv, sagt Gob-Sprecher Gerald Hau. Denn Verstöße fielen auf lokale Jagdverbände zurück, die Sanktionen fürchten müssten. Voraussetzung für die Ausweisung des Schutzgebiets ist unter anderem eine Mindestgröße der Finca von zehn Hektar.

Erste Schritte für ein refugio de caza hatte bereits die Deutsche Renate Zielke unternommen, nachdem auch Wiedehopfe, Rotmilane sowie ebenfalls Katzen rund um ihre Finca in der Gemeinde Capdepera verschwunden waren und die Schrotkugeln fast in der Kaffeetasse landeten. Die Initiative kam jedoch bislang nicht voran, weil auch die Grundbucheinträge der betroffenen Fincas beigebracht werden müssen. Eine Anzeige bei der Guardia Civil habe sich als Fehler erwiesen: Der Beamte entpuppte sich selbst als Jäger und verstand ihre Aufregung nicht, so Zielke. Inzwischen habe sich die Situation gebessert. Das dürfte aber auch an ihrem Plan B liegen. „Ich habe die Stereoanlage voll aufgedreht, das vertreibt die Wildtiere", so die Mallorca-Deutsche. Auch mit ihren bellenden Hunden beim Spazierengehen fährt sie den Jägern in die Parade.

Bei Finca-Bewohnerin Friedrich eskalierte der Streit sogar so weit, dass er in einer Anzeige bei der Polizei mündete – nach einer Auseinandersetzung habe einer der Jäger die Waffe auf ihren Partner gerichtet. „Seither ist es um die Finca etwas ruhiger geworden, das Verfahren läuft noch."

Bei der balearischen Jagdvereinigung wie auch beim Inselrat versteht man die Aufregung um die Jäger nicht und warnt vor Pauschalurteilen. Vertreter der Zunft, die sich nicht an die Regeln hielten, seien Einzelfälle, sagt Jaume Ripoll, Vorsitzender der Federación Balear de Caza. „Weder stimmt es, dass alle Jäger böse sind, noch, dass alle Umweltschützer gut sind." Ripoll berichtet, wie sich einmal eine deutsche Finca-Besitzerin bei ihm beschwert habe, weil permanent geschossen werde. „Sie wohnen eben nicht am Paseo Marítimo", gab ihr der Vorsitzende zu bedenken – die Jäger seien Vertreter einer jahrhundertealten Tradition auf Mallorca und schon lange vor ihr und ihrer Finca da gewesen. Folgerichtig hält Ripoll auch nicht viel von der Ausweisung von Schutzgebieten.

Auch Joan Escales, der Jagd-Verantwortliche im Inselrat, hält Verstöße eher für die Ausnahme. Er verweist auf eine eigene Abteilung aus sechs Personen, die über die Jäger wache. Zudem stelle auch Seprona, die Umweltabteilung der Guardia Civil, sicher, dass die Jäger nicht übers Ziel hinausschössen. Escales verweist zudem darauf, dass die Jäger einen wichtigen Teil zum Umweltschutz beitrügen: Sie regulierten den Wildbestand, trügen zum Brandschutz bei, setzten Jungtiere aus und legten auch auf die Nester der schädlichen Prozessionsspinner-Raupe an. In den vergangenen Jahren erhielten die politisch gehätschelten Jäger sogar Subventionen für den Umweltschutz. Diese Zeiten seien jedoch längst vorbei, betont Escales.

Auch Umweltschützer Gerald Hau hat die Erfahrung gemacht, dass auf Mallorca im Vergleich zu anderen Mittelmeer-Regionen wie Malta oder Italien weniger Wild geschossen wird. Außerdem hält auch er die Regulierung des Wildbestands für notwendig. Vor allem die verwilderten Ziegen vermehren sich rasch, fressen Jungtriebe ab und treiben die Erosion voran.

Das Problem: Der überwiegende Teil der Jäger legt lieber auf Kleintiere an. Laut Ripoll haben nur 1.000 bis 2.000 Jäger einen Schein für die Großwildjagd. Hau verweist zudem darauf, dass die Bleimunition den Boden vergifte. Auch bestehe das Problem der Giftköder auf hohem Niveau weiter: Statt verwilderter Katzen verenden immer wieder auch Rotmilane. Gegen einen der Jäger erreichte der Gob inzwischen ein Gerichtsurteil.

Wie sehr das Gesetz weiterhin die Rechte der Jäger schützt, zeigt sich in der Ausweisung der Jagdgebiete. Die Faustregel: Verboten ist die Jagd nur im Umkreis von besiedeltem Gebiet, in Naturschutzgebieten der öffentlichen Hand, an der Steilküste sowie den derzeit rund 50 refugios de caza.

Andersherum ist die Jagd in den cotos privados de caza erlaubt, also in den privaten Jagdgebieten, die laut Hau jeweils mindestens 40 Hektar groß sein müssen, auf öffentlich zugänglichen Privatgrundstücken sowie auf Grundstücken in den Gemeinden, die dem jeweiligem kommunalen Jägerverband zur Nutzung übergeben werden. Durch diese großzügige Auslegung machen die Jagdgebiete laut Inselrat derzeit bis zu 75 Prozent der Fläche Mallorcas aus.

Aber auch in der Umgebung von Residentin Zielke stoßen die Jäger inzwischen an ihre Grenzen. Sie habe nicht weit entfernt die ersten Schilder mit dem Schriftzug refugio de caza entdeckt, berichtet die Deutsche. „In diesem Jahr hatten wir das Glück, wieder drei Rotmilane und einige Wiedehopfe zu sehen." Auch zwei Nachbarn, die auf die Jagd gingen, hätten sich verständnisvoll gezeigt. Jetzt schössen sie nur noch auf Tauben.

Auch Ulrike Friedrich hält das Schutzgebiet für eine mögliche Lösung für das Dauerproblem. Die Jäger seien schließlich mit den ersten Sonnenstrahlen aktiv, kämen in der Abenddämmerung wieder, stiegen über Grundstücksmauern und ließen den Schrot auf die Terrasse niederprasseln. „Das sind dann die Schüsse, die am nervenaufreibendsten sind."

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 3. November (Nummer 600) lesen Sie außerdem:
- Bis ins Detail geregelt: Was Mallorcas Jäger wann und wo schießen dürfen

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