Die Sonne bekommt eine (kleine) Chance

Ein neues Gesetz regelt endlich den Betrieb von Solaranlagen zur Selbstversorgung – und begünstigt Mallorca. Doch wird hier gefördert oder verhindert?

26.11.2015 | 15:36
Die 26 Solarmodule (li.) liefern rund vier Fünftel der benötigten Energie dieser Finca bei Llucmajor.

Morgens kurz nach 10 Uhr strahlt die tiefstehende November-Sonne Mallorcas noch mit halber Kraft. Die 26 Solarmodule, die seit Kurzem auf dem Dach der Finca bei Llucmajor installiert sind, produzieren gerade 349 Watt. Das reicht noch nicht aus, um alle Elektro­geräte im Haus und im Garten mit Energie zu versorgen – auch wenn der Besitzer gerade in Deutschland weilt, werden 570 Watt gebraucht.

Da die Batterie gerade fast leer ist, kommt die fehlende Energie von 221 Watt aus der Leitung, von Mallorcas Stromversorger Endesa. Abzulesen ist das in Echtzeit auf dem Touch-Display des Hauskraftwerks, das auf einem Standfuß in der Garage montiert ist, aber auch über eine Handy-App, die der Finca-Besitzer auf seinem Smartphone installiert hat.

Die rund 27.000 Euro teure Anlage zur Selbstversorgung ist eine der ersten auf Mallorca, die nach dem neuen, bereits seit mehreren Jahren erwarteten und stark umstrittenen Regelwerk der spanischen Zentralregierung funktioniert. Das Real Decreto 900/2015 vom 9. Oktober, dessen 44 Seiten umfassendes, schwurbeliges Amtsspanisch derzeit eifrig in der Branche studiert wird, regelt nach einer langen Zeit der Ungewissheit den Betrieb von Photovoltaikanlagen zur Selbstversorgung (autoconsumo) in Spanien und könnte – trotz einer langen Liste von Kritikpunkten – der seit der Wirtschaftskrise darbenden Branche wieder neue Impulse geben, sodass endlich auch auf Mallorca die Sonnenenergie stärker genutzt würde.

Das hofft man auch im balearischen Industrie- und Energie­ministerium. „Die Veröffentlichung ist einerseits eine gute Nachricht", sagt Generaldirektor Joan Groizard – endlich werde die rechtliche Figur des Photovoltaik-Selbstversorgers (autoconsumidor) anerkannt, was die Genehmigung erleichtere. Andererseits baue die Zentralregierung mehr Hürden auf, als dass sie wirklich die Installation vereinfache.

„Ich sehe durchaus Potenzial", meint Heinz Torwie, Geschäftsführer des Unternehmens Solarta – aber auch er ist skeptisch. Ohnehin müsse sich das neue Regelwerk erst herumsprechen und darüber hinaus in der Praxis bewähren. „Anfang kommenden Jahres, wenn die ersten Anlagen das Genehmigungsverfahren durchlaufen haben, rechnen wir mit mehr Aufträgen auf den Balearen."

Hoffnung gibt es vor allem auf den spanischen Inseln. Denn zumindest hier soll die umstrittene „Sonnensteuer" nicht eingezogen werden. Die „vorläufige Ausnahme" gilt für die Balearen, die Kanaren sowie generell für Anlagen unter zehn Kilowatt. Private Solarstromerzeuger auf dem spanischen Festland dagegen müssen sogenannte peajes de respaldo für die „Nutzung der Netze" zahlen – auch dann, wenn sie den Strom gar nicht einspeisen, sondern direkt selbst verbrauchen.

„Das ist, als würde man das ­Energiesparen durch effizientere Hausgeräte bestrafen", kritisiert Generaldirektor Groizard. Die ­Ein­speisung ist in Spanien ohnehin nur mit bürokratischem Aufwand möglich. Im Gegensatz zu Deutschland wird sie nicht mehr subventioniert. Für Kleinerzeuger ist sie unrentabel und in der Praxis irrelevant.

Die Losung lautet vielmehr: möglichst viel des benötigten Stroms selbst erzeugen – und möglichst wenig Überschuss produzieren, der dann quasi dem Netz geschenkt wird. „Wir müssen schauen, dass wir die ganze Energie durch ein intelligentes Management im Haus nutzen", erklärt Thorsten Schüssler, Geschäftsführer von Balear Haustechnik. Er verweist auf die inzwischen ausgereifte Energiespeichertechnik, die in der Anlage bei Llucmajor zum Einsatz kommt – modulare Batterien aus Lithium-Ionen-Zellen, die den Strom für den Bedarf eines Tages speichern. Installiert ist die Minimallösung: Bei derzeit nur einem Batteriemodul beträgt die Speicherkapazität 2,6 Kilowattstunden, kann aber bei vier Modulen auf 10,4 Kilowattstunden erhöht werden. Das Ziel: den Anteil der aus dem Netz bezogenen Energie so gering wie möglich halten. Im Schnitt müsse nur noch ein Fünftel des benötigten Stroms von Endesa gekauft werden, so Schüssler.

Dass nun in Folge des Madrider Dekrets viel Konkurrenz durch private Solarenergieproduzenten entsteht, muss Mallorcas Stromversorger und Ex-Monopolist nicht befürchten. Nach Einschätzung der Branche sind für Privathaushalte ohnehin fast nur Photovoltaikan­lagen mit einer Leistung bis zu zehn Kilowatt interessant. Größere Anlagen ziehen ein kompliziertes Genehmigungsverfahren und – in Folge der „Sonnensteuer" auf dem Festland – hohe Gebühren nach sich.

Aber auch bei den kleinen Anlagen gibt es Hürden: Zum Beispiel darf deren Leistung nicht die vertraglich festgelegte Leistung des Stromanschlusses überschreiten. Außerdem dürfen – nach mehrheitlicher Interpretation – nur Ein- statt Mehrfamilienhäuser als Produzenten auftreten. Zumindest erlaubt das neue Dekret nun die Nutzung von Batterien – das bisherige Verbot stammt aus einer Zeit, als noch großzügige Einspeisevergütungen gezahlt wurden und dem Betreiber unterstellt wurde, dass er billig aus dem Netz bezogenen, gespeicherten Strom zu subventionierten Preisen hätte verkaufen können.

Die gut 40 Quadratmeter Solarmodule, die auf zwei Nebengebäuden der Finca bei Llucmajor montiert sind, kommen auf eine maximale Leistung von 6.760 Watt und bleiben somit unter dem Limit von zehn Kilowatt. Und da auf den Balearen keine „Sonnensteuer" anfällt, müsse lediglich eine einmalige Einschreibegebühr von etwa 9 Euro pro Kilowatt gezahlt werden, erklärt Schüssler.

Unter diesen Voraussetzungen amortisiere sich eine solche Anlage nach sechs bis neun Jahren, schätzt Jürgen Holzinger. Der selbständige Unternehmer aus Santa Ponça, der die Rentabilität von Photovoltaikanlagen unter den Bedingungen des neuen Regelwerks analysieren will, hat als nachhaltiges Zukunftsmodell die Kombination von Solarmodulen, Energiespeicher und Elektroauto vor Augen: Dann werde nicht nur das Auto von der Sonne angetrieben, sondern auch praktisch die gesamte eigenproduzierte Energie genutzt.

Also doch ganz sonnige Aussichten auf Mallorca? Zunächst einmal müssten sich die neuen Möglichkeiten herumsprechen und ein Bewusstseinswandel einsetzen, meint Schüssler: „Bei den meisten ist im Kopf verankert: Das sind hohe Investitionen, und ich bekomme sowieso nichts dafür".

Hinzu kommt, dass die Photovoltaik in der spanischen Öffentlichkeit deutlich weniger thematisiert wird als in Deutschland. „Die Verbraucher machen sich in erster Linie Sorgen um ihre Stromrechnung", meint Alex Durán von der Energiegenossenschaft Som Energia. Debattiert wird außerdem über die Bekämpfung der pobreza energética, also die Probleme ­bedürftiger Haushalte, denen der Strom wegen Zahlungsausfällen abgeschaltet zu werden droht.

Um das neue Potenzial der Sonne bekanntzumachen, will die Landesregierung eine „große Informationskampagne" starten, wie Groizard ankündigt. 2016 sei zudem geplant, die Gebühren für Anlagen unter zehn Kilowatt auf den Balearen ganz zu streichen sowie Subventionsprogramme aufzulegen.

Doch ein weiterer Knackpunkt ist die fehlende Planungssicherheit, die auch das so lange erwartete Dekret von Oktober nicht schafft. Die Ausnahmen für die Inseln gelten vorläufig. „Es ist sehr schwierig, die Rentabilität zu berechnen, wenn eine Meinungsänderung im Madrider Ministerium die Kosten erheblich steigern kann", so Groizard. Darüber hinaus sind Ende des Jahres Parlamentswahlen in Spanien – und alle Oppositionsparteien haben bereits angekündigt, dass sie im Fall eines Regierungswechsels die derzeitige Regelung kippen wollen. Das dürfte zwar im Sinne der Solarenergie sein, macht aber das Planen nicht unbedingt einfacher.

Aber Planbarkeit war ohnehin ein Fremdwort in der neueren spanischen Energiepolitik: Einst hohe Subventionen für Solarparks wurden im Zuge der Krise nachträglich einkassiert, Investoren vor den Kopf gestoßen. Dem jetzigen Dekret ging eine mehrjährige Phase der Ungewissheit voraus. Und die Genehmigungsverfahren für große Solarparks auf der Insel, bei denen zahlreiche Behörden mitmischen, stecken fest (Llucmajor) oder liegen auf Eis (Manacor).

Verbraucher wiederum ärgern sich über hohe Rechnungen, die sie in Folge eines hohen Fixkostenanteils kaum durch Stromsparen beeinflussen können. Und diese Fixkosten müssen eben auch Hausbesitzer mittragen, die ihren Strom selbst erzeugen – falls sie nicht ganz auf einen Anschluss ans Netz verzichten, wie im Fall abgelegener Landhäuser.

Auf der Finca bei Llucmajor ist die Sonne inzwischen höher geklettert und knackt die 1.000-Watt-Marke. Jetzt am Vormittag wird aber weiterhin ein Teil des Stroms von Endesa bezogen, zumal eine Umwälzpumpe im Pool in Betrieb und auch die Klimaanlage angesprungen ist, die die Raumtemperatur auf 16 Grad hält. In den Mittagsstunden aber, wenn eine Leistung von 2.800 Watt erreicht werden wird, kommt die Energie weder von Atomkraftwerken auf dem Festland, noch von Kohle- und Gaskraft­werken auf Mallorca, sondern von der Sonne. Sie allein versorgt das Haus – und lädt bis zum Abend auch wieder die Batterie auf.

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