Mallorcas Spürnasen

Die Privatermittler auf der Insel sind gut beschäftigt: Neben der angeblichen Affäre des Bischofs und russischen Geliebten nehmen sie vor allem Betrüger ins Visier

02.03.2016 | 13:18
Ein wahrer Detektiv gibt seine Identität nicht preis, muss unauffällig spionieren und hat stets eine Kamera mit dabei.
Ein wahrer Detektiv gibt seine Identität nicht preis, muss unauffällig spionieren und hat stets eine Kamera mit dabei.

Zuletzt haben sie ihre Nase in Angelegenheiten der katholischen Kirche gesteckt. Ein eifersüchtiger Ehemann hat Mallorcas Bischof Javier Salinas beim Vatikan angeschwärzt, weil er ein Verhältnis mit seiner Sekretärin – zugleich die Ehefrau des Anzeigeerstatters – gehabt haben soll. Die vermeintlichen Beweise, darunter Fotos und Videos nächtlicher Treffen, WhatsApp-Nachrichten und Telefonrechnungen, hatten Privatdetektive zusammengetragen.

Öffentlich darüber sprechen dürfen sie nicht. Weil die Kirche mächtig sei, vor allem aber weil man auch „unübliche" Techniken zum Observieren benutzt habe, sagt einer der beteiligten Detektive.

Prügel ist Berufsrisiko
Fest steht: Privatermittler haben ein mitunter aufregendes Leben. Miguel Obrador, wie wir diesen Detektiv aus Palma hier nennen wollen, ist auf Untreue spezia­lisiert. Etwa auf Fälle wie den der russischen Geliebten eines mallorquinischen Unternehmers. Miguel Obrador sollte herausfinden, ob die Gespielin fremdgeht. Die Russin bekam Wind davon und engagierte vier Schläger, die sich den Verfolger vornehmen sollten. Obrador flüchtete ins Auto, hielt seine Detektivmarke an die Scheibe, die der eines Polizisten ähnelt, die Typen verschwanden wieder, er kam noch mal davon.

Für einen anderen Auftrag verbrachte Miguel Obrador einmal sechs Stunden in einem Mandelbaum, auf den er sich geflüchtet hatte, um nicht von Kampfstieren aufgespießt zu werden. Auf einer Finca in der Inselmitte hatte er heimlich Fotos von einem Mann geschossen, der mit der Spitzhacke ein Feld bearbeitete – obwohl er seit Monaten wegen einer Wirbelsäulenverletzung krankgeschrieben war. Miguel Obrador war so in die Beobachtung vertieft, dass er die Kampfstiere nicht bemerkt hatte. Schließlich erlöste ihn ein Bauer aus seinem unbequemen Versteck: Er rief die Stiere zum Fressen, die Tiere trabten davon, der Privatdetektiv konnte wieder nach Palma zurückkehren.

Der doppelte Juan
Zu den Veteranen unter Palmas Privatdetektiven gehören zwei mit gleichem Vornamen: Juan Cabanach und Juan de Santiago. Cabanach baute die von seinem Vater 1968 gegründete Detektei zur Gruppe Cabanach mit 60 Mitarbeitern aus, darunter auch deutschsprachige Detektive. In den 70er-Jahren vor allem auf die Bereiche Ehe, Hotel- und Gaststättengewerbe spezialisiert, bearbeiten Cabanach und sein Team heute europaweit Fälle. Sie besitzen die technischen Mittel, um Informations- und Datenlecks in Firmen aufzudecken. Und sie sind auch in der Politik zugange. Mithilfe satellitenunterstützter GPS-Überwachung hat Cabanach bereits etliche Politiker ausspioniert – immer im Auftrag ihrer eigenen Partei, die Korruption und andere Gesetzesverstöße unter Mitgliedern aufdecken wollte.

Juan de Santiago hält sich hingegen aus der Politik heraus. Der gebürtige Andalusier bearbeitet vor allem Versicherungsbetrug, Fälle von Diebstahl sowie Raub in Geschäften und Restaurants. „Ich gehöre noch zur alten Schule", sagt Juan de Santiago, der sein Detektivbüro Records vor 25 Jahren auf Mallorca gründete. Ja, er ermittle sogar noch „in Hut und Mantel auf der Straße". Immer mit dabei: eine Foto- und Videokamera. Damit kann er Beweise liefern, die auch vor Gericht Gültigkeit haben. Anfang der 90er-Jahre überführte Santiago erstmals mittels Videoaufnahme einen Täter vor Gericht, damals eine relativ neue Methode in Spanien.

Ausgebuffter Nachwuchs
Santiagos Teilhaber ist jung, unter 30, hat Kriminologie an der Universität Salamanca mit Fachrichtung Privatdetektiv studiert – und trägt wie der Altmeister das Spürnasen-Gen in sich. Vor dem Interview müssen wir ihm versprechen, seinen richtigen Namen nicht preiszugeben. Nennen wir ihn deshalb Roberto Bolaño. „Ein Detektiv darf nicht öffentlich sein, mein Gesicht darf niemand kennen", sagt er. Nur seine Familie und engsten Freunde wissen, was er beruflich macht.

„Als Detektiv bin ich grundsätzlich misstrauisch, ich kann und darf niemandem trauen", beschreibt er seinen Beruf. Die Vorsicht fängt beim Auftraggeber an. Der Gläubiger, also derjenige, der glaubt, von einem anderen, dem Schuldner, eine Leistung fordern zu können, wird genau unter die Lupe genommen: Woher er den Schuldner kennt, was er ihm vorzuwerfen hat und warum. Von Arbeitgebern lässt sich Roberto Bolaño den Arbeitsvertrag, von Vermietern den Mietvertrag des Schuldners vorzeigen.

Ohne geprüfte Informationen darf kein Detektiv arbeiten, sonst drohen ihm Strafen von bis zu 600.000 Euro.

Sind die Fakten des Gläubigers stichfest, entwickelt Roberto Bolaño eine Strategie. Er sucht im Internet nach Fotos, wühlt sich durch Einträge in sozialen Netzwerken, findet heraus, wo sich jemand aufhält, wer seine Freunde sind, welches Auto er fährt. Das alles sei legal, ebenso jemandem auf der Straße zu folgen, ihn zu fotografieren und zu filmen. Was nicht erlaubt ist: Wanzen und Mikrofone zu installieren.
Seit Google Earth weiß Roberto Bolaño auf einen Blick, wo in der Gegend, in der er observiert, Einbahnstraßen sind und er am besten parken kann, ohne aufzufallen. „Viele Aufträge, wie Familienprobleme, Untreue zwischen Partnern oder wenn es darum geht, ein Kind zu überwachen, sind in relativ kurzer Zeit zu lösen", sagt Roberto Bolaño. Kostenpunkt für den Kunden: 1.500 bis 2.000 Euro.

Um jemandem unbemerkt zu folgen, benutzt Roberto Bolaño im Stadtzentrum am liebsten ein Mofa, das er schnell überall parken kann. Will er einen Hauseingang unauffällig im Blick behalten, leiht er sich schon mal den Hund eines Freundes zum Gassigehen aus. Im Kofferraum seines Autos ist stets ein Karton mit Kleidung, Hüten, Brillen. „Wenn ich einem Angestellten in ein Restaurant folge, brauche ich vielleicht Hemd und Krawatte, spioniere ich in einem heruntergekommenen Viertel, ziehe ich mir eine kaputte Hose an und reibe mir Dreck ins Gesicht", erklärt Roberto Bolaño, der besonders an diesen Rollenspielen Gefallen findet. Was er an seinem Job weniger mag, sind die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Lädt er eine Frau zum Abendessen ein, weiß er nie, ob er das Treffen kurzfristig absagen muss. „Aber ich will nicht jeden Tag das Gleiche machen, das wäre tödlich für mich."

Der Rheinländer
Einsam, aber spannend findet auch ein Deutscher aus Köln sein Leben als Privatermittler. Spezialisiert auf jede Art von Wirtschaftsbetrug möchte auch er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – obwohl er gerne mit der Presse zusammenarbeite, wie er betont. Jochen Krüger, wie wir den Ermittler im Folgenden nennen wollen, observiert seit 15 Jahren Menschen auf Mallorca und in Spanien. Weniger von der Straßenecke aus, sondern zumeist über Internet-Recherchen. „Menschen hinterlassen Spuren, mit denen sie nicht rechnen, zum Beispiel wenn sie ein Knöllchen für Falschparken nicht bezahlen", so der gelernte Diplomkaufmann, der sich intensiv in deutsches und spanisches Recht eingearbeitet hat. Zu seinen Auftraggebern gehören deutsche Privatpersonen, Anwälte und Unternehmen.

„Große Betrügereien kommen auf Mallorca in den vergangenen Jahren seltener vor", sagt Jochen Krüger. Spanien gelte für die Übeltäter nicht mehr als „sicheres Land". „Die europäischen Behörden arbeiten besser zusammen und tauschen ihre Informationen gegenseitig aus, zudem wird es immer schwieriger, in Spanien mit Schwarzgeld zu hantieren", so der Privatermittler.

Kleinere Betrüger und Verbrecher fänden auf Mallorca dagegen noch immer Zuflucht vor deutschen und ausländischen Gläubigern. Sie wissen, dass sie von den spanischen Behörden in Ruhe gelassen werden, solange kein internationaler Haftbefehl gegen sie vorliegt.

Einer von Krügers aktuellen Fällen spielt an der Costa Blanca, könnte sich genauso aber auch auf Mallorca zutragen. Ein Deutscher gibt sich als Immobilienmakler aus, erschleicht sich das Vertrauen von Ferienhausbesitzern und deren Vollmacht, um angebliche Geschäfte mit Kunden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu tätigen. Er verkauft das Ferienheim der Getäuschten weit unter Wert und kassiert selbst eine saftige Provision der Käufer. Der Betrüger sei den spanischen Behörden schon länger bekannt, sagt Jochen Krüger, ohne internationalen Haftbefehl hätten sie den Mann aber wieder laufen lassen müssen.

Jochen Krüger wird auch regelmäßig von Anwaltskanzleien beauftragt, auf Mallorca Menschen ausfindig zu machen, die ihren Unterhaltszahlungen in Deutschland nicht nachkommen. Er mache seinen Job auch aus einem Gerechtigkeitsempfinden heraus, sagt er. „Ich finde es ­tragisch, wenn durch Betrug Ehen zu Bruch gehen oder Menschen in die Armut rutschen." Deshalb rät er Deutschen, die in Spanien leben, unbedingt Spanisch zu lernen, gegenüber angeblich hilfsbereiten Menschen misstrauisch zu sein und vor Abschluss eines Geschäfts genaue Informationen einzuholen.

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