Pottwale - die tonnenschweren Sensibelchen

Die Tiere sind die größten jagenden Säuger der Erde. Im Meer um Mallorca sind sie zu finden – doch Schiffsverkehr und Ölbohrungen könnten dem ein Ende setzen

30.03.2015 | 10:12
Luftsprünge mit 50 Tonnen Eigengewicht: 23 Pottwalsichtungen konnte Forscher Brotons im vergangenen Sommer verzeichnen

Um sie zu Gesicht zu bekommen, braucht man eine Riesenportion Glück – oder technische Ausrüstung: Pottwale, die größten Raubtiere der Welt, fühlen sich auch im Meer vor den Balearen wohl. Allerdings auf hoher See und in Tiefen, die für Menschen unerreichbar sind: „In den Gewässern um die Insel halten sich die Pottwale meist in etwa 1.000 Metern Tiefe auf", erklärt Txema Brotons. Zum Luftholen an die Oberfläche kommen sie nur alle ein, zwei Stunden – und dann auch nur kurz. Am Ufer werden nur tote Exemplare angespült – wie zuletzt 2008 an der Ostküste bei ­Capdepera.

Brotons, Biologe und Gründer der balearischen Meeressäuger-Stiftung Tursiops, begibt sich im Sommer regelmäßig auf Beobachtungstouren, um die riesigen Tiere zu erforschen. Die Weibchen werden etwa zwölf Meter lang, die Männchen erreichen eine Größe von bis zu 18 Metern und bringen dabei fast 50 Tonnen auf die Waage. In diesem Sommer waren es immerhin 23 Sichtungen: Brotons und Kollegen lauschen dafür mit Unterwasser­mikrofonen auf das typische Geräusch, das die Wale zwecks Orientierung und Aufspüren von Beute ausstoßen – es gilt mit 230 Dezibel als lautestes Geräusch im gesamten Tierreich.

Doch Pottwale haben noch mehr Rekorde zu bieten: Das Gehirn der Tiere wiegt bis zu 9,5 Kilo, ihr Darm misst bis zu 250 Meter. Zudem kann kein anderes Säugetier so lange tauchen wie der Pottwal, der fast zwei Stunden lang ohne Sauerstoff auskommt und dabei Tiefen von bis zu 2.000 Metern erreicht. Dort lebt seine bevorzugte Beute: Tintenfische. Den berüchtigten Riesen­kalmar beispielsweise finden Forscher regelmäßig in den Mägen von Pottwalen. Bevor er dort landet, scheint es zu heftigen Kämpfen zu kommen – davon zeugen die Abdrücke großer Saugnäpfe auf der Haut vieler Wale.

Dass der gigantische Säuger überhaupt mit seiner Beute kämpfen muss, liegt an einer Eigenart: Die bis zu 25 Zentimeter langen Zähne des Pottwals brechen nur im Unterkiefer durch, im Oberkiefer sind dafür entsprechende Aushöhlungen vorhanden, in welche die Zähne „einrasten". Sein spanischer Name cachalote stammt übrigens vom okzitanischen Wort für Zahn (cachau).

Die deutsche Bezeichnung hingegen kommt aus dem Niederdeutschen: Pott bedeutet „Kopf". Und der ist beim Pottwal ­riesig: Er nimmt fast ein Drittel der gesamten­ Körperlänge ein. Obwohl der Schädelknochen mit seiner länglich-spitzen Form eher an einen Schnabel erinnert, ist der Kopf eines lebenden Tieres fast schon rechteckig geformt. Das liegt an einem ganz besonderen Körperteil: Auf dem schalenartig ausgehöhlten Oberkiefer befindet sich das sogenannte Spermacetiorgan. Es handelt sich um ein mit einer fett- und wachshaltigen Flüssigkeit gefülltes Organ (bei einem 15 Meter langen Tier können es rund 3.000 Liter sein), das wohl als akustischer Verstärker zur Echo-Ortung dient. Diese Walrat genannte Flüssigkeit wurde lange Zeit für das Sperma des Wals gehalten – bis heute heißen die Tiere auf Englisch deshalb sperm whales. Aus Walrat wurden früher nicht nur Kerzen, sondern auch pharmazeutische Produkte – Kosmetik, Reinigungssmittel und Schmierstoffe – gewonnen.

Forscher Brotons schätzt, dass die Pottwalpopulation im westlichen Mittelmeer bei etwa 400 Tieren liegt. Wachsen kann diese nur langsam: Die Weibchen erreichen ihre Geschlechtsreife erst mit etwa zehn Jahren. Eine Schwangerschaft dauert rund 14 bis 16 Monate, danach wird das Waljunge, das etwa vier Meter groß auf die Welt kommt, ein bis zwei Jahre lang gesäugt. Weibchen leben mit den Jungtieren in größeren Verbänden. Sobald der männliche Nachwuchs geschlechtsreif wird, trennt er sich von der Gruppe und bildet eigene „Junggesellenverbände". Als ausgewachsene Exemplare – Pottwale erreichen ein Alter von bis zu 75 Jahren – ziehen die großen Männchen ganz allein durch die Meere.

Um sich zur Paarungszeit wiederzufinden, setzen die Wale Klicklaute ein. Deshalb stellen die Öl­erkundungsmanöver mit ihren lauten Schallwellen für die Wale ein großes Problem dar – die Tiere können sich wegen des Lärms schlicht nicht mehr finden. Doch auch der Schiffsverkehr zwischen den Inseln macht den Riesen zu schaffen: Ein Großteil der Tiere, die Brotons in diesem Sommer gesichtet hat, wies Verletzungen von Zusammenstößen mit Fähren auf. Wenn die Wale zum Luftholen auftauchen, werden sie von den schnellen und für sie lauten Booten überrascht – und flüchten dahin, wo der wenigste Lärm herrscht: Direkt vor den Rumpf der Schiffe ?

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