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Blog Mallorcapriolen - Heinz Joachim Rogel

Heinz Joachim Rogel

In allem schwach. Besonders im Schreiben von Satiren.

Über diesen Blog | Leben

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Person dumm ist, besteht unabhängig von jeder anderen Eigenschaft dieser Person.


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  • 01
    Mai
    2018

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    Mallorca Leben Umweltverschmutzung Segeln

    Drainspotting

     

    SEGELN, ANISSCHNAPS, WALE GUCKEN

    Volkers Freund Georg hat kürzlich seinen Segelschein gemacht. Stolz empfängt er Volker und seine Gattin auf einem gemieteten Segelboot im Yachthafen von Palma. Er will nachweisen, dass er seine Lizenz zum Segeln nicht nur recht billig, sondern auch recht und billig erworben hat. Außer seinen Gästen und seiner Gattin kommt sicherheitshalber noch ein Skipper mit, ein schweigsamer alemannischer Seebär.

     

    Georg will seine Segelkünste vorführen, Volker will Anisschnaps trinken, Volkers Gattin will Wale gucken. Was Georgs Gattin will, umschreibt sie geheimnisvoll mit "Drainspotting". Volkers Gattin fragt nach und bekommt Bescheid, das sei so was wie Wale gucken, also freut sie sich drauf. Der Skipper freut sich auf nichts. Missmutig betrachtet er die Wolkenberge, die sich am Horizont auftürmen.

     

    Und tatsächlich, schon kurz nach Beginn des Segeltörns kommt starker Wind auf und das Boot gerät ins Schlingern. Ob aus diesem oder einem anderen Grund, jedenfalls überlässt Georg jetzt dem Skipper die Praxis des Segelns und geht zur Theorie über. Er erklärt Volker, wie man Tiefenlinien abfährt, einen Hafen bei Nacht ansteuert und einen doppelten Achtknoten knüpft. Dazu setzen die beiden sich in die Kajüte und beginnen eine Flasche Anisschnaps zu leeren.

     

    Nach einer Weile dringt ein fauliger Geruch zu ihnen herein. Sie klettern nach draußen. Georgs Gattin zeigt auf die braune, übelriechende Suppe, in deren Mitte das Boot sich hebt und senkt. Man befinde sich auf Höhe einer der 124 Stellen, an denen rund um Mallorca Abwässer ins Meer geleitet würden, erklärt sie. Wo denn die Wale seien, will Volkers Gattin wissen. Volker spürt plötzlich, wie sein Magen Einspruch gegen die braune Suppe einlegt. Er hält sich die Nase zu und stolpert in die Kajüte zurück. Georg ruft ihm nach, er möge seinen Magen mit ein paar großen Gläsern Anisschnaps friedlich stimmen. Stöhnend befolgt Volker seinen Rat. Er liegt in der Koje und wünscht nichts sehnlicher, als endlich zu sterben......

     

    Ein paar braune Suppen später gesellt Georg sich zu Volker und befolgt seinen eigenen Rat. Beide liegen stöhnend in den Kojen und wünschen zu sterben. Nach der 123. braunen Suppe hat sich die übrige Besatzung in der Kajüte versammelt, außerdem fünf Möwen, drei zu einem doppelten Achtknoten verknüpfte Abflussrohre und ein weißer Wal, alle trinken stöhnend Anisschnaps aus großen Gläsern und wünschen zu sterben. Käpt'n Volker steht nun am Ruder. Ein tropischer Wirbelsturm, Windstärke 12, spielt mit dem Boot, hebt es zum Wellenkamm und schleudert es ins Wellental, es dreht sich und tanzt, es kentert und richtet sich wieder auf. Endlich, die letzte braune Suppe breitet sich vor Käpt'n Volker aus, haucht ihn mit widerlichen Miasmen an, Fäkalien klatschen ihm wie fliegende Fische ins Gesicht......

     

    Ein nasser, nach Erbrochenem schmeckender Waschlappen klatscht Volker über den Mund. Er öffnet die Augen. Das vertraute Antlitz seiner Gattin hängt mit besorgter Miene über ihm. Georg wolle wissen, ob es ihm besser gehe. Oder ob sie den Törn wirklich abbrechen sollen. Jetzt, wo doch die Sonne gerade rauskomme.

     

     

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