20. Oktober 2019
20.10.2019

Fast wie vor 100 Jahren auf einer Finca auf Mallorca leben

Die Klimakrise zeigt: Wir alle müssten weniger konsumieren. Doch wie ist das, auf einen Großteil des Komforts zu verzichten und wieder weitgehend im Einklang mit der Natur zu leben? Ursula Wachendorff tut es seit 23 Jahren. Hier auf Mallorca

20.10.2019 | 01:00
„Man muss sich für etwas begeistern können", sagt Ursula Wachendorff.

Unser Spaziergang mit Ursula Wachendorff über die zwei Hektar große Finca Cás A Dojo bei Inca beginnt an ihrem Jungbrunnen – obwohl die 83-Jährige so etwas niemals sagen würde. Sie führt uns flott über die Terrasse und ein paar Stufen zu einem vielleicht fünf mal zehn Meter großen Wasserbecken aus Beton hinauf, in das beständig ein Grundwasserstrahl sprudelt. Er wird aus 70 Metern Tiefe mit einer Pumpe gefördert, die mit Solarenergie angetrieben wird. Mit dem ­Wasser werden die Pflanzen und Tiere des landwirtschaftlichen Betriebes der Finca versorgt, zu der noch einmal zwölf Hektar Nutzfläche gehören.

"In das Becken springen wir, wenn wir uns waschen wollen", sagt Ursula Wachendorff, die in Hattenheim im Rheingau aufgewachsen ist und in einem vorherigen Leben Musiklehrerin an einer Bremer Schule war. Eine Dusche oder einen Boiler für Warmwasser gibt es auf dem Anwesen nicht. Der ständige Sprung ins kalte Wasser scheint Ursula Wachendorff gutzutun. Die vergangenen 23 Jahre, seit sie die Finca gekauft hat, um mit zwei Freundinnen ihren gemeinsamen Traum einer nachhaltigen Landwirtschaft zu erfüllen, sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Aber Ursula Wachendorff wirkt alles andere als alt.

Die Landwirtin und Musiklehrerin begrüßt eine ihrer Kühe. FOTO: NELE BENDGENS

Von den beiden Freundinnen lebt heute noch die 56 Jahre alte Marie-Luise Eicke mit auf der ­Finca. „Sie ist das Herz der Landwirtschaft", sagt ­Ursula Wachendorff. Ihre Freundin Barbara ­Redinger ist vor einigen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt und mittlerweile verstorben. Unterdessen leben neben den beiden Frauen noch die Holländerin Lima, der Deutsche Ricardo und ihre beiden Kinder mit auf der Finca. „Wir betreiben eine biodynamische Landwirtschaft", sagt ­Ursula Wachendorff. Dabei kommen keine Herbizide oder Pestizide zum Einsatz. Dem Boden soll nicht geschadet werden, gedüngt wird mit dem Kompost der Tiere. Auch die Menschen leisten ihren Beitrag, darum steht im Garten ein Plumps-Kompost-Klo. „Man gewöhnt sich daran", so ­Ursula ­Wachendorff. Biodynamische Landwirtschaft ist ein von der Natur vorgegebener Kreislauf.

Rund 20 Vierbeiner leben auf dem Hof, 13 Kühe der Rasse Vermella Menorquina, ein paar Kälber und ein Stier. Mit der Hilfe von Ponys wird der Boden gepflügt. Hinzu kommen noch einmal 30 Hühner und ein paar Hähne, die frei umherlaufen. „Die Vögel klettern abends in die Bäume, teilweise fünf Meter hoch mit ihren Küken", erzählt die Landwirtin. Die Eier legen die Tiere dort, wo sie es bevorzugen. Auch das ist biodynamische Landwirtschaft, ein respektvolles Miteinander. „Wir sind eigentlich die ganze Zeit auf der Suche nach Eiern", sagt Ulrike Wachendorff.

Wo es doch auch so genug zu tun gibt, die ­Gemeinschaft baut Tomaten, Zucchini, Auber­gi­nen, Bohnen, Brokkoli oder Blumenkohl an – ­alles zum Eigenbedarf. Dabei könne man sich aber keinesfalls ganz selbst versorgen. Beim Gang durch den „Lustgarten", wie sie es nennt, wo ­wilder ­Salbei und andere Kräuter in die Höhe schießen, blickt Wachendorff auf zum Himmel: ein ­Flugzeug , gut hörbar im Landeanflug auf die Insel. „Die Vor­stellung von einem autarken Leben ist eine Illusion, die nicht erstrebenswert ist", sagt ­Ulrike ­Wachendorff. Für das Leben auf der Finca kaufen sie Reis, Nudeln und Getreide von einem Biohändler ein. Das Getreide wird mit einer ­Elektromühle aus Holz gemahlen, um daraus Brot zu machen. „Die Mühle ist vielleicht das wichtigste elektrische Gerät im Haushalt." Es gibt auch ­einen Staubsauger, der jedoch nur selten benutzt wird. Auf einen Kühlschrank verzichtet man. „Die Butter legen wir ins Wasser, wenn die Milch nicht mehr frisch ist, wird sie zur Dickmilch." Auch Energiesparlampen sind nicht gern gesehen. „Sie ­vibrieren und das Licht flackert. Das macht einen nervös", sagt Ulrike Wachendorff.

Hier gibt es noch wirklich freilaufende Hühner. Foto: Bendgens

Stattdessen habe man einen zweiten schwachen Stromkreislauf im Haus installiert, der
23 Volt starke Glühbirnen zum Leuchten bringt. Gekocht wird unter anderen mit Gas, im Winter erwärmen sie Wasser in einem Bottich und stellen ihn in eine halb gefüllte Badewanne:„Da werden dann die Kinder reingestellt." Die Zahnbürsten sind aus Holz, das Getreide wird nur in Papier­tüten gekauft und in Einweggläsern gelagert.
„Wir versuchen, so CO2-neutral wie möglich zu ­leben", sagt Ursula Wachendorff, die eine Befürworterin der Klimaaktivistin Greta Thunberg ist. „Diese Kinder sagen endlich, was passieren müsste." In der Verantwortung stünden dabei ganz klar die Erwachsenen. Einen Abstrich muss Ursula Wachendorff in ihrer Klimabilanz dennoch machen – sie ist wegen ihres Alters auf ein Auto angewiesen.

Beim Gang durch den Garten fallen immer wieder ungewohnte Gerätschaften auf, wie ein wagenradgroßer Schleifstein, der offensichtlich rege genutzt wird, zwei Sonnenöfen aus Blech, die das Sonnenlicht einfangen und die zum Kochen verwendet werden, ein länglicher Bottich aus Ton mit einem halbrunden Boden und einem Wasserhahn. „Ein fehlgeschlagenes Experiment", sagt Ursula Wachendorff. Das Gefäß haben sie bei einem lokalen Keramiker herstellen lassen, um Wasser auf dem Lehmofen zu erhitzen. „Im halbwarmen Wasser haben sich Bakterien gebildet." Zum Wegwerfen sei das schöne Stück zu schade, man suche noch nach einer Verwendung.

Die Küche der Finca. Foto: Bendgens

Ursula Wachendorff führt uns entlang einer zerfallenen Steinmauer zu den Kühen, die gut 700 Meter entfernt von dem Haus in einem Hain aus wilden Olivenbäumen stehen. Sonnensegel bieten ihnen zusätzlichen Schatten. „Das ist unser Stall", sagt Ursula Wachendorff. „In einer Zeitschrift habe ich neulich gelesen, das jedes Tier das Recht haben sollte, den Himmel zu sehen. Das finde ich auch." Aus Futtertrögen mampfen die Tiere frisches Heu und blicken uns mit ihren braunen Augen entgegen. „Ist das nicht beruhigend?", fragt Ursula Wachendorff und geht auf eines der Tiere zu. Neugierig riecht es an ihrer Hand.

Jeden Abend mache sie diesen Gang – wenn sie denn Zeit habe, wie sie auf dem Rückweg erzählt. Denn zweimal in der Woche sei sie abends nicht zu Hause, weil sie da ihrer anderen Leidenschaft nachgehe. Und das ist die Musik.

Der wahre Jungbrunnen


Bevor sich Ursula Wachendorff für die Landwirtschaft interessierte und nach Mallorca zog, war sie Musiklehrerin in Bremen. „Erst unterrichtete ich an einer Schule, dann gab ich am Naturkundemuseum Bremen Kurse für indonesische Gamelan-Instrumente." Diese Musikensembles bestehen meist aus einzelnen Bronzegongs, Metallofonen oder Xylofonen. „Bei dem Spiel macht man schnell Fortschritte, ist ganz bei sich und trotzdem offen für die Gruppe", sagt Ursula Wachendorff. Auch auf Mallorca gibt sie Unterricht, in diesem Herbst finden vom 10.10. bis zum 12.12. zwei Kurse jeweils an den Donnerstagen in Binissalem statt, einmal für Eltern mit Kindern (ab acht Jahren, von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr) und für Erwachsene von 20 bis 21 Uhr (Infos und Anmeldung unter der Telefonnummer 677-77 41 66).

Und so entdeckt man auf der Finca auch immer wieder Musikinstrumente, wie Trommeln oder ein Cembalo im Wohnzimmer. „Marie-Luise war ­früher Musikerin, sie spielt die Laute, ich die Barock-Geige. Dafür brauchen wir manchmal ein Cembalo", sagt sie. Ursula Wachendorff spielt auch einmal die Woche im Barockmusik-Orchester Ars
Musicae in Bunyola. „Wir haben Auftritte in Barcelona oder auch London", sagt sie. Seit 13 Jahren ist sie als einzige Nicht-Mallorquinerin dabei. Ihre ­Leidenschaft für die Musik sei auch der Hauptgrund, warum sie in ihrem Alter noch so fit sei: „Man muss sich für etwas begeistern können." Wahrscheinlich spielen aber auch die guten Gene eine Rolle. „Vor zwei Wochen war ich auf dem 100. Geburtstag meiner Schwester in Deutschland."

Fragt man Ursula Wachendorff nach einer Zwischenbilanz ihrer Zeit auf Mallorca, sagt sie, dass Landwirtschaft damals wie heute viel Arbeit bedeute und wenig Geld einbringe. „Ich habe mir nicht alles so vorgestellt, wie es dann gekommen ist. Aber wenn ich um die Schwierigkeiten vorher gewusst hätte, hätte ich es vielleicht nicht ­gewagt." Der Sprung ins kalte Wasser, er hat ihr definitiv gutgetan.

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