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Mallorca Zeitung

Hier wird auf Mallorca legales Marihuana angebaut

Die MZ hat eine legalen Cannabis-Farm bei Binissalem besucht. Die Weiterverarbeitung der Pflanzen mit über 90 medizinisch wirksamen Substanzen erfolgt teils im Ausland

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"Marihuana light" – Plantage auf Mallorca MZ

Der erste Anblick der Marihuana-Plantage könnte das Herz eines Kiffers höherschlagen lassen. Doch wenn ihm die Landwirte erklären, dass sie auf dem rund 600 Quadratmeter großen Feld Pflanzen ohne psychoaktive Substanzen zu medizinischen Zwecken legal kultivieren, wird er eher enttäuscht sein.

Mit dem Experiment bei Binissalem starteten schon im vergangenen Jahr die ehemalige Lehrerin Inés Calleja (37) und Tontechniker Nuño Monasterio (39). Das Paar hatte sich vorgenommen, Land ökologisch mit Ideen der Permakultur zu bewirtschaften. Wichtig war dabei, Pflanzen zu finden, die auf der Insel leicht zu kultivieren sind und deren Anbau obendrein lukrativ ist. So kam es zu der Plantage mit Cannabis light, das nicht high macht.

Die Chemie muss stimmen

Die Lizenz für den Anbau hat das balearische Landwirtschaftsministerium vergeben, das Öko-Zertifikat des Inselrats ist beantragt. Für die Behörden war die Grundvoraussetzung für eine Genehmigung, dass die Cannabis-Pflanzen (Cannabis sativa bot., cañamo span., cànem kat.) weniger als 0,2 Prozent des psychoaktiven Tetrahydrocannabinol (THC) produzieren. Für einen Joint taugen sie nicht, doch dafür liefert die Pflanze 90 verschiedene, medizinisch wichtige Cannabinoide. Das wirksamste unter ihnen ist Cannabidiol (CBD). Und um dieses geht es hier.

Schon die Auswahl der Samen für die weiblichen Pflanzen ist entscheidend: Diese müssen zertifiziertes Cannabis gebildet haben, die den oben genannten THC-Wert nicht überschreiten. Die Setzlinge wurden im Frühjahr in Töpfen mit niedrigem pH-Wert gezogen, weil der Cannabis die kalkhaltige Inselerde nicht mag. „Im Mai haben wir 2.000 Setzlinge ausgepflanzt“, sagt Monasterio.

Zuvor hatte ein benachbarter Landwirt für die beiden Furchen mit 30 Zentimeter Tiefe gezogen. Diese wurden dann mit Kompost gefüllt. „Wir müssen auf die Bodenqualität achten, sie kann den THC-Wert nach oben treiben“, erklärt Monasterio. Ein Brunnen mit enormen Vorräten liefert Wasser, die Schläuche für die Tröpfchenbewässerung sind dicht neben den Pflanzen verlegt.

Ernte Anfang September

Zwischen Mai und September wuchsen die Setzlinge zu stattlichen Pflanzen zwischen einem und zwei Meter Höhe heran. Bevor Monasterio einen der dicken Stängel abtrennt, nimmt er die Blüte, im Spanischen cogollo genannt, genau unter die Lupe. Reif sind diese erst, wenn sich die ätherischen Öle der Blüte auf die daneben stehenden Blätter verteilt und sie mit einer glitzernden, wohlriechenden Schicht bedeckt haben.

Dann schneidet das Paar den daumendicken Stängel kurz über der Erde ab und legt die Staude in die Schubkarre. „Zurzeit sind jeden Tag ein paar Pflanzen erntereif“, sagt Inés Calleja. Aber der Tag werde kommen, an dem sie alle auf einmal geerntet werden müssen. Und das geht so: Zuerst werden die Äste abgetrennt, dann werden im Labor die großen Blätter maschinell entfernt und die Äste zum Trocknen aufgehängt. Die cogollos müssen dann auf eventuelle Schädlinge untersucht werden. Danach reinigen und pulverisieren Maschinen die Blüten. Diese werden zur Extraktion ins Ausland verschickt, weil es dafür in Spanien noch keine Lizenz gibt.

Mix mit nativem Öl

Möglich ist in Spanien dagegen die Herstellung des CBD-Öls. Dafür schickt das Paar den reinen Extrakt aus dem Ausland mit einem Olivenöl aus Öko-Anbau an ein Labor aufs Festland. Von dort kommt dann das medizinische Öl in Konzentrationen von 10, 15 und 25 Prozent, das als Tropfen eingenommen wird.

CBD-Öl wirkt entkrampfend, schmerzstillend und entzündungshemmend. Außerdem hat es eine beruhigende Wirkung. Enthalten sind neben Cannabidiol weitere Cannabinoide sowie Terpene und Flavonoide. Erhältlich ist das CBD-Öl an 80 Verkaufsstellen wie etwa Kräuterläden auf der Insel, aber auch online. Mit Apotheken sei man im Gespräch.

Doch damit nicht genug. „Wir machen das nicht nur für uns, wir wollen unsere Erfahrungen mit anderen teilen“, sagt Monasterio. Weil der Cannabis-Anbau viel lukrativer sei als der mit herkömmlichen Ackerpflanzen, könne er den Insellandwirten zu finanziellem Wohlstand verhelfen. Zu diesem Zweck haben die beiden die landwirtschaftliche Kooperative Noma gegründet. Mit der Balearen-Universität sind Veröffentlichungen über die Erfahrungen mit Cannabis in Binissalem geplant.

Richtig spannend, so Monasterio, werde es aber vor allem dann, wenn der Cannabis-Anbau mit höheren THC-Werten in der EU legalisiert werde. „Wahrscheinlich werden große Konzerne die Genehmigungen zum Anbau bekommen.“ Doch dank der dann bereits gewonnenen Plantagen-Erfahrungen könnten Insellandwirte mit von der Partie sein.

Hemp Farmers: Cannabis-Öl mit spezieller Mischung

Auf Mallorca entwickelt wurde auch das Cannabis-Öl von Hemp Farmers, genauer gesagt CBD-Öl (Cannabidiol) mit besonders hohem CBG-Anteil (Cannabigerol). Es werde in der Schweiz biologisch angebaut und produziert, erklärt Mallorca-Residentin Sylvia Nowèl. Die Kombination von CBD und CBG wirkt Studien zufolge zum Beispiel bei Migräne, Epilepsie, Morbus Crohn, Darmkrebs, Multipler Sklerose und Glioblastom. Auch sei es schlaffördernd und stärke das Immunsystem (hempfarmers.shop).

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