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Von der Stasi fast ermordet und festgenommen: Heute hat Stephan Krawczyk auf Mallorca damit abgeschlossen

Der Thüringer war einer der bekanntesten DDR-Regimegegner. Abstand zur Vergangenheit sucht er in Artà

Stephan Krawczyk lebt heute auch auf Mallorca. Ellen Liebner

Wie umgehen mit in der Vergangenheit erfahrenem Unrecht? Es sich zur Lebensaufgabe machen, daran zu erinnern, es aufzuarbeiten? Oder es irgendwann doch ad acta legen und nach vorne schauen? Stephan Krawczyk und Freya Klier, die einmal ein Paar waren, haben ganz unterschiedliche Wege gewählt. Beide zählten zu den bekanntesten Dissidenten in der DDR, beide haben für ihren Widerstand teuer bezahlt. Doch während Klier die Erinnerung an die damalige Zeit für sich als „elftes Gebot“ bezeichnet, will Krawczyk damit möglichst abschließen. Der Liedermacher und Autor lebt heute zeitweise in Artà.

Erste Zweifel beim Wehrdienst

Der 68-Jährige stammt aus Weida, einer Kleinstadt in Thüringen. Er machte sich als Musiker in der DDR einen Namen und gewann 1981 den Hauptpreis im Chansonwettbewerb. Mehr ging im damaligen Osten kaum. Während seiner 18-monatigen Dienstzeit beim Militär kamen dem SED-Mitglied erste Zweifel. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heutige Grundrecht galt auch für den sozialistischen Mensch in der DDR. Die Soldaten aber wurden wie das letzte Glied in der Kette behandelt“, erzählt Krawczyk.

Seine Lieder wurden verboten

Diese Unzufriedenheit brachte er in seinen Liedern zum Ausdruck. „Ich habe meinen Gedanken dem Leipziger Dichter Andreas Reimann vorgetragen, der daraus die Songtexte verfasste. Ich hatte einen Hang zur Gerechtigkeit“, sagt er. In seinen Liedern ging es mal um die fehlende Möglichkeit zum Reisen, mal um die mangelnde Pressefreiheit. 1983 rückte der Musiker in das Blickfeld der Stasi, die ihm zwei Lieder verbot. Eines davon war „Die Macht des kleinen Mannes“. „Darin ging es um Machtmissbrauch. Zum Beispiel ein Busfahrer, der einen Passagier an der Haltestelle einfach stehen lässt. Oder Wirte, die aus Arbeitsunlust einfach alle Tische als reserviert markieren und keine Gäste bedienen“, sagt Krawczyk. Da sich diese Kritik auch auf das System übertragen ließ, war die Partei wenig erfreut.

Konzerte nur noch in Kirchen

Klier und Krawczyk lernten sich 1984 kennen. Sie war damals eine der bedeutendsten Theaterregisseurinnen der DDR. „Ich sollte ihr die Musik für das Stück ‚Die Wanze‘ liefern“, erzählt der heute 68-Jährige. Das sorgte dafür, dass auch Klier auf die schwarze Liste der Stasi rückte. Nach der Aufführung erhielt sie keine Aufträge mehr. Krawczyk trat aus der Partei aus – das Regime stellte es als Rauswurf dar – und bekam ein Jahr später ein komplettes Berufsverbot. „Die offizielle Begründung lautete, dass ich nicht über moralische und künstlerische Fähigkeiten verfüge“, so der Musiker, der fortan nur noch in Kirchen auftreten konnte und anfing, selbst seine Texte zu schreiben.

In letzter Sekunde das Attentat überlebt

Im November 1987 spitzte sich die Lage zu. Klier und Krawczyk waren mittlerweile verheiratet, als die Stasi einen Anschlag auf das Paar verübte, indem sie wohl den Türgriff des Autos mit Nervengift präparierte. Während der Fahrt fühlte sich Klier plötzlich unpässlich, fing an zu schreien und steuerte auf einen Brückenpfeiler zu. Krawczyk konnte das Lenkrad noch herumreißen. Zwei Monate später wurden beide festgenommen, als sie bei einer Propaganda-Demonstration mit einem Plakat gegen das Berufsverbot des Musikers protestierten. Im Gefängnis zwang die Stasi die Dissidenten, einer Ausreise zuzustimmen. „Die Alternative wären zwölf Jahre Haft gewesen“, sagt Krawczyk. Das Paar reiste zuerst nach Bielefeld und ließ sich später in Westberlin nieder. „Der Übergang war schwierig. Einerseits war es natürlich eine Erlösung. Aber auf der anderen Seite habe ich mich auf einmal bedeutungslos gefühlt.“ Zuvor hatte die Stasi die Wohnung verwanzt, Anrufe und Briefe geprüft.

Nicht im Sumpf steckenbleiben

1992 ließ sich das Paar scheiden. Heute reden beide nur noch alle paar Monate miteinander. „Die Vergangenheit ist dabei kein Thema“, sagt Krawczyk. Seine Ex-Frau hat Bücher über die Stasi-Morde geschrieben. Der Musiker blickt lieber nach vorne „Ich werde immer wieder darauf festgenagelt. Dabei will ich nicht nur der DDR-Dissident sein und in diesem Sumpf stecken bleiben.“ Wobei das Geschehene ihn immer wieder einholt. Zuletzt 2019, als sich ein Anrufer bei ihm meldete, der ihn damals im Gefängnis vernommen hatte. Er bestätigte unter anderem den Anschlag auf das Auto. „Das ist ein alter Mann, der im Sterben liegt und sein Gewissen beruhigen wollte. Ich habe ihm verziehen“, sagt Krawczyk.

Seine Lieder von damals spielt er heute so gut wie nicht mehr. Fotos, Briefe und Dokumente aus jener Zeit hat er dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig überlassen. Nur wenn er in Schulen eingeladen wird, berichtet der Vater dreier erwachsener Kinder über die Vergangenheit. In den Zeitungen will er eigentlich lieber Berichte über den neuen Liedermacher und Autor lesen. „Ich will mit meinen Liedern die Schönheit der Welt zeigen. Die Leute sind heutzutage schon genug mit politischen Botschaften zugekleistert“, sagt er. Das habe man nicht zuletzt an der Corona-Müdigkeit gesehen, als das Interesse an den täglichen Fallzahlen einfach nicht mehr vorhanden war. „Wer auf eines meiner Konzerte geht, soll einen schönen Abend erleben. Im Anschluss sehe ich die Leute im Publikum immer entspannt. Das gefällt mir.“ Auch der Verkauf von CDs laufe mit schönen Liedern besser als mit Protestsongs. Immer wieder hält Krawczyk während des Interviews inne und trägt selbst geschriebene Sprüche und Gedichte vor. Seine Augen glänzen, wenn seine Lippen die melodischen Worte auspressen.

Dabei habe er aber seine Ader zur Gerechtigkeit nicht verloren, wie er es ausdrückt. „Einige Maßnahmen in der Corona-Pandemie haben mich an die DDR-Diktatur erinnert“, sagt der Künstler, der 2009 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Seine Einschätzungen hat er in seinem jüngsten Buch „Tau“ niedergeschrieben. „Ich sehe mich als Freigeist und lasse mich in keine politische Richtung einordnen. Denn dann nimmt man meist nur die Haltung der jeweiligen Bewegung an.“

Wie Krawczyk nach Mallorca kam

Über einen befreundeten Musiker ist Krawczyk 2020 auf die Insel gekommen. „Er stellt mir seine Unterkunft in Artà zur Verfügung. Ich pendele nun zwischen Berlin und Mallorca.“ Auf der Insel habe er nicht nur „Tau“ geschrieben, sondern es sei generell ein ideales Arbeitsumfeld. „Wenn ich mit dem Bandoneon loslege, kann es ganz schön laut werden. Hier kann ich singen bis in die Puppen. Das geht in einem Berliner Mietshaus nicht.“

In der Kulturfinca von Will Kauffmann war der Thüringer im vergangenen Jahr auch schon auf der Bühne zu sehen. Die nächste Gelegenheit, Krawczyk auf der Insel zu erleben, bietet sich am 16. Februar. Dann trägt er in der Kulturfinca Lieder und Texte vor. Von der MZ verabschiedet er sich mit den Worten: „Er starb gesund und munter, es endet gut mitunter.“

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