Mallorca Zeitung

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Öko-Kirschen auf Mallorca: An den Berghängen wächst eine der seltenen Kirschbaum-Plantagen

Toni Calafell berichtet über den Anbau und seinen Aufgaben als Mitglied der Vereinigung "Varietats Locals"

Die Obstbäume von Toni Calafel in Estellencs Nele Bendgens

Die Terrassen bei Estellencs sind schmal, der Hang fällt steil zum Meer ab. Von weit unten sind Stimmen zu hören. Die Lehrer der Dorfschule sind mit zwölf Schülern zu Besuch, die Münder rot verschmiert, die Gesichter glücklich. Sie besichtigten Ca’n Montserrat, eine 8.000 Quadratmeter große Finca, die durch gepflegte margades (Terrassen) mit Bioanbau besticht. Neben Gemüse wurzeln hier 400 Kirschbäume, die, unter lang gestreckten weißen Netzen versteckt, wie Gespenster wirken. „Es ist ein Pilotprojekt, das Landwirten zeigt, dass sich der Anbau von Biokirschen lohnt“, sagt Toni Calafell. Er verkauft seine Biokirschen direkt an Kunden.

Die weißen Folien schützen vor Fruchtliegen Nele Bendgens

Wie auf den Terrassen seiner Eltern, seien Kirschbäume auf Mallorca einst ein Muss im häuslichen Obstgarten gewesen. Auch er hätte sich als Kind am Kirschbaum seiner Eltern in Estellencs den Bauch mit den Früchten vollgeschlagen. Anders als bei Mandeln-, Aprikosen- oder Johannisbrotbäumen gab und gibt es auf Mallorca aber keine größeren Kirschbaum-Plantagen.

Mallorquinische Vögel tragen zur Vielfalt von Kirschbäumen bei

Doch die Kirschbaum-Tradition verlor sich, vor einigen Jahren fanden sich auf der Insel kaum noch Einzelbäume, wie der heute 39-jährige Calafell während seines Agraringenieur-Studiums feststellte. Er machte sich mit den Kollegen von Varietats Locals, der Vereinigung, die sich für einheimische Inselsorten engagiert, auf die Suche nach alten Bäumen. Fündig wurden sie auf dem Landgut Planícia bei Banyalbufar sowie im Tal von Sóller. Die Kirschbäume (Prunus avium bot., cerezo span., cirerer kat.) waren aus Kernen gewachsen, die von Vögeln ausgeschieden worden sind. „Die Botaniker nennen sie Prunus avium silvestris“, berichtet der Biolandwirt. Weil ohne Veredelung direkt aus den Kernen Bäume mit guten Erbanlagen wachsen, konnte es auf der Insel zu einer Vielfalt an Kirschsorten kommen.

So entstand ab 2010 auf Ca’n Montserrat eine Kollektion mit vielen Varianten. Um möglichst viel Erfahrung zu sammeln, holten sich Calafell und seine Mitstreiter Äste von alten Bäumen und veredelten damit welche, die bereits auf den Terrassen Wurzeln geschlagen hatten. Mitarbeiter des Inselrats nahmen die Maße von Blüten und Früchten und stellten sie auf einer Website vor. Es sind insgesamt 19 Sorten, deren Frucht, Kern und Blüte dort auf Katalanisch genauer beschrieben werden.

Auf Ca’n Montserrat sind derzeit die Urkirsche comosa und die primerenca de Estellencs reif, etwas später die mosagran und de capella. Diese sind, so Calafell, größer, extrem süß und aromatisch. Noch später dran sind die Porreres und die Sorte blanc.

Öko-Kirschen aus dem Anbau in Ca'n Montserrat Nele Bendgens

Herausforderungen des Bioanbaus

Toni Calafell beobachtete, dass die teilweise schon veredelten Kirschbäume vor allem dort gedeihen, wo die Motorhacke nicht hinkommt. Er fand so heraus, dass die Flachwurzler die Bearbeitung durch Traktoren nicht vertragen. Deshalb wachsen auf den Terrassen in Estellencs zwischen den Bäumen, nach den Prinzipien der Permakultur, viele verschiedene Wildkräuter.

Zu bedenken ist auch der Klimawandel. Ein Kirschbaum benötigt im Winter rund tausend Kältestunden – die aber werden immer weniger. Seit etwa zehn Jahren attackiert zudem die Kirschbaumfliege die reifen Früchte. Je wärmer es wird, desto größer ihr Appetit. Im konventionellen Kirschanbau werden, so heißt es, Bäume und Früchte fünf Mal pro Saison mit chemischen Mitteln gegen Insekten, Würmer und Pilze behandelt. In Ca’n Montserrat setzt man neben der Permakultur auf in der Biolandwirtschaft zugelassene, sanfte Mittel zur Insektenbekämpfung. Zudem schützen Netze die Früchte an den knapp zwei Meter hohen Bäumen von der Zeit des etwa erbsengroße Fruchtansatzes bis nach der Ernte. Die Bäume sind knapp zwei Meter hoch, unter den Netzen steht es sich bequem, die Zweige sind biegsam, zum Pflücken zieht sie Calafell zu sich. „Das Teuerste an den Kirschen ist die Arbeitszeit während der Ernte, die Früchte verderben schnell“, erklärt Toni Calafell.

Genuss ohne Rückstände

Von den morgens für die Schüler geernteten Kirschen sind leider nur wenig übrig geblieben. Doch es sind genug, um sie zu kosten: Die Früchte sind klein, dafür umso intensiver im Geschmack, mit süßem, festen Fruchtfleisch mit purpurrotem Saft. Die Kirschen aus dem Valle de Jerte in der Provinz Cácereres sind ein ganzes Stück größer. Doch die Inselkirschen aus Estellencs bieten gesunden Genuss, denn sie enthalten keinerlei Rückstände.

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