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Schmerzmittel statt OP: Wie ein Deutscher auf Mallorca in der Notaufnahme immer wieder weggeschickt wurde

Sieben Mal innerhalb von sechs Monaten quälte sich der Deutsche Michael Langer wegen eines akuten Leidens in die Notaufnahme von Son Espases. Jedes Mal kündigte man ihm dort eine dringende OP an – und nichts geschah

Die Notaufnahme des Landeskrankenhauses Son Espases in Palma de Mallorca DM

Eigentlich war Michael Langer bisher immer zufrieden, wenn er es auf Mallorca mit Ärzten zu tun hatte. „Letztes Jahr bestand bei mir der Verdacht auf Krebs, damals ging alles ratzfatz. Ich kam in die Röhre, sie haben sich um mich gekümmert. Und zum Glück handelte es sich letztlich nur um ein Virus“, so der Hamburger. Doch dieses Jahr trieb ihn ein anderes akutes Leiden wieder in die Behandlung im öffentlichen Gesundheitssystem – und die dortige Untätigkeit schließlich dazu, sich privat auf eigene Kosten operieren zu lassen.

Knapp zehn Jahre ist es her, dass der heute 55-Jährige auf die Insel zog. Ganzjährig, dauerhaft. „Ich bin in Deutschland abgemeldet, habe meinen Lebensmittelpunkt komplett nach Mallorca verlegt“, sagt er. Als Angestellter in der Buchhaltung und im Service arbeitet er in einem gastronomischen Betrieb in Port Adriano, zahlt Steuern, ist also automatisch in der Seguridad Social und im öffentlichen Gesundheitssystem registriert. So weit, so normal.

Michael Langer mit seinem Hund auf Mallorca. | FOTO: PRIVAT Sophie Mono

Ausbeulung so groß wie eine Mango

Schon damals, bei den Untersuchungen zum möglichen Krebsleiden im Juni 2021, befand ein Arzt, dass einer von Langers Hoden größer sei als der andere. Vermutlich eine kleine Wasseransammlung, zunächst kein Grund zur Sorge. Im März hatte Langer, der sich problemlos auf Spanisch verständigen kann, dann einen Termin in Palmas Hospital General, diesmal wegen eines Leistenbruchs. „Mittlerweile war die Ausbuchtung an meinem Hoden etwa walnussgroß. Damals schmerzte es kaum, und ich nahm es nicht so ernst. Wir vereinbarten, den kleinen operativen Eingriff in einem Abwasch mit der Leistenbruch-OP anzugehen“, berichtet der Deutsche. Man bot ihm einen OP-Termin für Ostern an. „Ich lehnte ab, da zu der Zeit bei mir auf der Arbeit viel anstand. Wir vereinbarten, die Operation stattdessen nach der Hochsaison im September durchzuführen“, sagt Langer. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

In den folgenden Wochen wurde die Wasseransammlung im Hoden größer – und schmerzhafter. „Im Mai musste ich zum ersten Mal in die Notaufnahme von Son Espases. Dort sagten sie mir, dass der Hoden sofort operiert werden müsse. Man werde sich bei mir melden.“ Doch nichts geschah. Im Juli trieben die Schmerzen den Deutschen wieder in die Notaufnahme. Erneut wurde ein Ultraschall gemacht, wieder versichert, dass er alsbald operiert werden würde. Und wieder vergingen die kommenden Wochen ohne eine Terminvergabe durch die Gesundheitsbehörde IB Salut. „Also rief ich an. Dort sagte man mir, dass ich auf keiner Notfall-Warteliste stünde, sondern nur auf der Liste für die Leistenbruch-OP“, berichtet Langer.

Der Sommer verging unter Schmerzen. „Mittlerweile war die Ausbeulung am Hoden so groß wie eine Mango. Ich konnte keine kurze Hose mehr anziehen, ohne darauf angesprochen zu werden“, so Langer. „Bei der Hitze schwoll die Stelle noch mehr an, ich konnte mich kaum noch bewegen.“ Am 1. September ließ er sich von seinem Hausarzt krankschreiben. Auch dieser Arzt drängte auf eine OP – und zeigte Unverständnis dafür, warum sie bisher nicht anberaumt worden war. Einziger Hoffnungsschimmer: Für den Folgetag stand der seit März vereinbarte Termin bei der Narkoseärztin für die Doppel-OP im September an. „Sie klärte mich wie gewohnt über die OP-Risiken auf und sagte mir, der Eingriff werde spätestens in anderthalb Wochen erfolgen.“ Doch daraus wurde wieder nichts.

Für schlechtes System entschuldigt

Am 29. September schleppte sich Langer erneut in die Notaufnahme von Son Espases. „Der behandelnde Arzt war entsetzt, als er die Wassereinlagerung sah. Am Telefon schrie er die Kollegen an, dass ich schnellstmöglich operiert werden müsse, und schimpfte über das System.“ Als Langer am 11. Oktober wieder bei ihm auf der Matte stand – weil immer noch kein OP-Termin angesetzt worden war – habe der Mediziner die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. „,Das gibt’s nicht‘, sagte er“, so Langer, der alle Berichte zu seinen Besuchen in der Notaufnahme aufbewahrt hat.

Beim nächsten Besuch dort, am 17. Oktober, begutachtete ihn eine Urologin. „Zehn Stunden verbrachte ich dort, es wurde ein Ultraschall gemacht und Bluttests, eine Ärztin wollte ein Foto des Hodens machen, um es ihrem Chef zu zeigen. Man entschuldigte sich für das schlecht funktionierende Gesundheitssystem.“ Dennoch wurde der 55-Jährige mit Schmerzmitteln nach Hause geschickt, ebenso am 25. Oktober. „Mittlerweile machte auch die Mutua (Unfallkasse, Anm. d. Red) Druck, weil ich so lange krankgeschrieben war. Der dort beschäftigte Amtsarzt bestätigte die Dringlichkeit eines Eingriffs, aber helfen konnte man mir dort auch nicht.“

Bei einem weiteren Besuch in der Notaufnahme am 3. November platzte Langer der Kragen. „Ich drohte mit der Polizei, sagte, ich würde hier nicht weggehen, bevor ich nicht operiert würde.“ Er füllte das offizielle Beanstandungsformular (hoja de reclamación) aus – bereits zum zweiten Mal. „Dabei sagte man mir, das meine erste Beanstandung vom 29. September noch nicht einmal bearbeitet worden war.“ Immerhin ließ man ihn letztlich zum Sekretariat der urologischen Station vor. Stunden später sagte man ihm, dass er auf keiner der Urologie-Wartelisten aufgeführt sei. Wieso, konnte ihm niemand erklären.

OP auf eigene Kosten

„Das war der Moment, wo ich aufgab.“ Noch am selben Nachmittag ließ er sich einen Termin bei einer privaten Klinik in Palma geben – obwohl er nicht privat versichert ist. Bereits am kommenden Tag empfing man ihn dort zu einem Beratungsgespräch. Es sei „eine Frechheit“, dass man ihn nicht früher behandelt habe, sagte auch der dort zuständige Urologe zu ihm. Man hätte schon vor einem Jahr mit einer Spritze Flüssigkeit abziehen können, dann wäre es vermutlich nie so weit gekommen. Jetzt aber sei eine OP unvermeidlich – und dringend. Der Kostenvoranschlag betrug 1.000 Euro, dafür war der OP-Termin aber auch vier Tage später. Wegen leichter Komplikationen musste Langer letztlich 1.200 Euro für den Eingriff zahlen. „Aber das ist einem die Gesundheit wert“, sagt der Norddeutsche.

In der Presseabteilung der Gesundheitsbehörde IB-Salut wiegelt man eine MZ-Anfrage zum Fall ab, verweist nur auf die öffentlich einsichtbaren Wartelisten für nicht dringende OPs (siehe unten). Auch der Pressesprecher des Son-Espases-Krankenhauses gibt sich ratlos. Zu dem konkreten Fall könne er nichts sagen. „Grundsätzlich ist es jedoch der behandelnde Arzt in der Notaufnahme, der darüber entscheidet, welche Priorität eine OP hat“, heißt es. Auch die Tatsache, dass sich über mehrere Wochen niemand auf die eingereichte Beschwerde bei Langer gemeldet hat, kann man sich in Son Espases nicht erklären. „Eigentlich hätte das der Verantwortliche in der Urologie tun müssen.“

Kurz habe er überlegt, nach Deutschland zurückzuziehen, so Michael Langer. „Aber nicht ernsthaft, dafür ist es auf Mallorca zu schön.“ Eine Mitgliedschaft in einer privaten Versicherung sei auch keine Option. „Als frisch Operierter in meinem Alter müsste man da horrende Summen zahlen.“ Bleibt nur die Hoffnung, möglichst lange keine Beschwerden mehr zu haben. Er hofft, sich bis Dezember von der OP erholt zu haben. „Den Leistenbruch ignoriere ich jetzt, damit kann ich leben. Noch einen Eingriff will ich jetzt nicht – wenn sie ihn denn überhaupt je anberaumen.“

Lange Wartelisten

Die Wartelisten für chirurgische Eingriffe im öffentlichen Gesundheitssystem auf den Balearen sind seit Jahren für als nicht dringend („no urgente“) eingestufte OPs lang. Durch personelle Engpässe während der Pandemie hat sich die Situation noch einmal verschärft. Aktuell (Stand: September 2022) warten laut den öffentlich einsehbaren Statistiken der Gesundheitsbehörde IB-Salut Patienten auf den Balearen im Schnitt 125 Tage (also gut vier Monate) auf einen chirurgischen Eingriff. In Son Espases liegt der Schnitt bei 135 Tagen. Jeder vierte der rund 4.000 Patienten auf der Warteliste muss sich im Landeskrankenhaus sogar mehr als ein halbes Jahr bis zur OP gedulden.

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