Spaniens früherer Fußball-Verbandspräsident Luis Rubiales und drei weitere Funktionäre sind im Kuss-Skandal offiziell angeklagt worden. Das habe der zuständige Untersuchungsrichter am Staatsgerichtshof in Madrid, Francisco de Jorge, am Donnerstag (25.1.) entschieden, teilte die Justizpressestelle auf Anfrage mit. Die Ermittlungen und Anhörungen der Zeugen hätten ergeben, dass der umstrittene Kuss, den Rubiales Weltmeisterin Jennifer Hermoso bei der WM-Siegerehrung in Sydney am 20. August auf den Mund gegeben hatte, «ohne Einvernehmen» erfolgt sei, stand in einer schriftlichen Mitteilung des Gerichts.

Im spanischen Kuss-Skandal um Luis Rubiales hat die von dem inzwischen suspendierten Fußballverbandschef geküsste Spielerin Jennifer Hermoso Anzeige erstattet. Hermoso habe bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt und anschließend Rubiales angezeigt, berichteten der Radiosender Cadena Ser und weitere Medien am Mittwoch unter Berufung auf Justizkreise in Madrid. Ein Justizsprecher bestätigte auf dpa-Anfrage diese Informationen. Nach der Anzeige von Hermoso kann die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie bei einem Untersuchungsgericht die Einleitung von Ermittlungen gegen Rubiales beantragt. Nach Schätzungen von Experten könnte der 46 Jahre alte frühere Profi zu einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren verurteilt werden, wenn er schuldig gesprochen werden sollte. Rubiales hatte bei der Siegerehrung nach dem von Spanien gewonnenen WM-Finale in Sydney am 20. August Hermoso auf den Mund geküsst. Er beteuert, dies sei in beiderseitigem Einvernehmen erfolgt. Hermoso erklärte aber, sie habe sich «als Opfer einer impulsiven, sexistischen und unangebrachten Handlung gefühlt, der ich nicht zugestimmt habe». Der Weltverband FIFA hat Rubiales bereits für 90 Tage suspendiert und ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft am Staatsgerichtshof in Madrid war Ende August aktiv geworden und hatte Hermoso gefragt, ob sie Anzeige erstatten wolle. Man gehe «aufgrund der eindeutigen öffentlichen Erklärungen» davon aus, dass die Fußballerin Opfer eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs geworden sein könne, da es offenbar «keine Art von Einwilligung» gegeben habe, hieß es. Die Behörde konnte allerdings nicht von Amts wegen handeln und benötigte nach spanischem Recht eine Anzeige der Spielerin. Rubiales weigert sich weiterhin, als Verbandschef zurückzutreten, obwohl das unter anderem auch von den Regionalverbänden des RFEF gefordert wurde. Die Möglichkeit eines Misstrauensvotums gegen den suspendierten Präsidenten lehnte der Nationalverband jedoch ab. Der spanische Sportgerichtshof Tad hat zwar die Eröffnung eines Verfahrens gegen Rubiales beschlossen, aber nur wegen «schweren» Fehlverhaltens. Damit ist eine Suspendierung von Rubiales durch die oberste spanische Sportbehörde CSD nicht möglich. Nur im Falle der Einleitung eines Verfahrens wegen eines «sehr schweren» Fehlverhaltens hätte auch der CSD den 46-Jährigen vorläufig des Amts entheben können. Isabel Infantes

Mehrjährige Haftstrafe

Sollte die Anklage bei Gericht zugelassen und Rubiales verurteilt werden, müsste er laut Experten mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen. Wann die mündliche Verhandlung wegen sexueller Gewalt beginnen könnte, war zunächst unbekannt.

Nach der Mitteilung des Gerichts wird es im Strafprozess um eine rechtliche Beurteilung der Frage gehen, ob der Kuss einen erotischen Charakter hatte und inwiefern er im Zustand der Euphorie über den Weltmeistertitel erfolgte. In diesem Fall weise vieles darauf hin, dass der Kuss auf die Lippen «den Bereich der Intimität betrifft, der sexuellen Beziehungen vorbehalten ist, insbesondere im Kontext zweier Erwachsener», schrieb der Richter. Konkrete Straftatbestände nannte de Jorge in diesem Stadion des Verfahrens jedoch nicht.

Jorge Vilda, Trainer von Spanien, feiert mit dem Pokal nach dem Sieg gegen England. Die spanische Justiz hat nun auch den ehemaligen Nationaltrainer ins Visier genommen. Foto: Alessandra Tarantino/AP/dpa

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Drei Funktionäre wegen Nötigung angeklagt

Der Richter erhob auch Anklage gegen Rubiales und drei Fußballfunktionäre wegen Nötigung Hermosos. Rubiales als damaliger Präsident des Fußballverbandes RFEF sowie der Sportdirektor der Auswahl der Männer, Albert Luque, der damalige Trainer der Frauennationalmannschaft, Jorge Vilda, und der im RFEF für Marketing zuständige Rubén Rivera hätten Druck auf Hermoso ausgeübt, in einem Video zu sagen, der Kuss sei mit ihrem Einverständnis erfolgt. Das hatte sie jedoch stets bestritten. Rubiales, der im Zuge des Skandals von der FIFA für drei Jahre und vom spanischen Sportgerichtshof gesperrt wurde und als RFEF-Chef zurücktreten musste, beteuert, Hermoso habe dem Kuss zugestimmt.