Nackt, naturverbunden und illegal in Cala Varques

Vier Freunde betreiben seit Jahren eine Bar am Naturstrand im Osten von Mallorca. Legal ist das nicht. MZ-Interview ohne Hose und schlechtes Gewissen

26.07.2017 | 12:44
Ausflug in die Cala Varques

Cala Varques, 9.30 Uhr: Die abgeschiedene Bucht im Gemeindegebiet von Manacor im Osten von Mallorca erwacht langsam zum Leben. Eine paar Badegäste haben schon ihre Handtücher ausgeworfen, eine junge Frau mit Schlafsack, die offensichtlich im Schatten der angrenzenden Bäume übernachtet hat, reibt sich die Augen.

Ein stattlicher Mann tritt aus einem kleinen Unterschlupf, der aus Planen provisorisch am Rand des Strands errichtet worden ist. Raúl (Name von der Redaktion geändert) ist gänzlich nackt, langhaarig und freut sich, angesprochen zu werden. „Die meisten Journalisten, die hierhin kommen, reden gar nicht mit uns", sagt er. „Und die wenigen, die es doch tun, hören nicht richtig hin, weil sie schon vorher ihre Story im Kopf hatten." Raúl ist einer der vier Betreiber der kleinen Strandbar. Sie besteht aus einer Arbeitsplatte und aufeinander gestapelten Natursteinen, darüber ein Sonnensegel. Hier verkaufen Raúl und seine Kumpanen Getränke und Snacks. „Nein, legal ist das nicht", sagt Raúl wissend. Von schlechtem Gewissen keine Spur. „Wir tun der Natur hier gut. Aber das will keiner hören."

Tatsächlich ist es auffallend sauber, sowohl an dem unwegsamen Pfad, der durch ein Wäldchen zur Bucht führt, als auch am Naturstrand selbst. „Wir haben ja auch schon aufgeräumt", sagt Raúls Kumpel Marco und nähert sich zögerlich. Auch er will seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen, doch auch er ist davon überzeugt, dass sein Wirken und das der anderen Nackedeis keinesfalls schädlich für die Umwelt am Naturstrand ist. „Komm, guck hier", sagt er und kommt nun richtig in Fahrt. „Die ganzen Müllsäcke da sind voller Plastikzeugs, das wir aus dem Wald, vom Strand und aus dem Wasser aufgesammelt haben. Wir bringen es mit eigenen Händen hier weg, den ganzen Weg", sagt er.

Nein, Margalida Ramis von der balearischen Umweltschutzorganisation GOB, hat dafür keine lobenden Worte übrig. „Sie betreiben eine Bar ohne Lizenz in einem geschützten Gebiet, das ist illegal. Was soll ich daran positiv bewerten", sagt sie auf MZ-Anfrage entschieden. „Es gibt Fälle, die wir als noch dringender einschätzen, ja. Aber trotzdem sind wir dagegen." Regelmäßig prangert der GOB die Situation an der Cala Varques an, regelmäßig verteilt die Ortspolizei Geldbußen gegen die Strandbesetzer. Mehr ist bisher nicht geschehen.

Marco würde sich selbst nicht als Besetzer bezeichnen und auch nicht als Hippie. „Ich bin Unternehmer." Vor acht Jahren war Marco noch Besitzer einer Transportfirma, doch die Krise traf ihn hart. Zunächst schenkten zwei seiner Kollegen damals nur tagsüber Getränke in der Cala Varques aus. „Aber nachts wurde uns immer alles geklaut." Seit fünf Jahren ist nun auch Marco vollzeit beim Strandkiosk dabei, hat seine Firma aufgegeben. Seit vier Jahren schlafen immer mindestens zwei der vier Freunde in dem provisorisch errichteten Unterschlupf. Hier haben sie weder Strom noch Duschen. Raúl zieht sich eine Hose an, setzt seinen Rucksack auf. Er ist dran mit Einkaufen und muss den 30 minütigen Fußmarsch plus die anschließende Autofahrt antreten. Und später den Rückweg.„Alle paar Tage kommen wir nach Hause, an den anderen Tagen waschen wir uns im Meer", so Marco. Das klinge romantisch und sei mal ganz schön. „Aber ich würde auch lieber nach der Arbeit nach Hause in mein Bett."

Nachts sorgen die Männer dafür, dass keiner der Ausflügler, die im Freien an der Naturbucht schlafen wollen, ein Lagerfeuer macht. Wenn sich tagsüber jemand verletzt, helfen sie, so gut sie können, spielen Rettungsschwimmer.

Mittlerweile steht die Sonne über der Cala Varques höher, mit der Hitze kommen auch die Besuchermassen.„Es waren noch nie so viele wie dieses Jahr und sie waren noch nie so rücksichtslos der Umwelt gegenüber", kritisiert Marco. Darin ist er sich mit den Umweltschützern einig. „Ich verlange nicht, dass sie und die Politiker uns komplett akzeptieren", sagt er. „Aber wir sind keine Monster. Wir tun der Bucht hier gut. Das sollten sie berücksichtigen, wenn sie gegen uns hetzen."

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