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Steht das Gesundheitsystem auf Mallorca kurz vor dem Kollaps?

Zu wenig Ärzte für immer mehr Patienten und obendrein die gerade erst überstandene Pandemie: Die öffentliche Gesundheitsversorgung auf Mallorca schlingert in die Krise. Wie schlimm ist die Lage wirklich? Was müsste sich ändern? Und droht bald ein Streik?

Protestplakate wegen prekärer Arbeitsbedingungen in öffentlichen Notfall-Gesundheitszentren in Palma de Mallorca. DM

Schlechte Betreuung, Chaos bei der Terminvergabe, respektloser Umgang und heruntergekommene Infrastruktur – unter einigen deutschsprachigen Mallorca-Residenten hat das öffentliche Gesundheitssystem auf Mallorca und den Nachbarinseln einen verheerend schlechten Ruf. Immer wieder erreichen die MZ Horrorgeschichten, die sich so oder so ähnlich in der Sanidad Pública abgespielt haben sollen. Die breite Masse derer, die einigermaßen zufrieden sind, äußert sich – wie so oft – meist weniger lautstark. Fest steht aber: Spätestens seit Corona ist das System ins Wanken geraten. Neben den Patienten leiden darunter auch die Mitarbeiter. Seit Monaten brodelt es, ein Streik der Mediziner, wie in Madrid bereits Realität, ist auf den Inseln nicht mehr auszuschließen. Wo hakt es und welche Lösungen gibt es? Eine Bestandsaufnahme.

Die Lage

Bekanntlich deckt die öffentliche Seguridad Social in Spanien die medizinische Versorgung eines jeden ab, der im Land steuerpflichtig arbeitet oder zu dessen engster Familie gehört. Parallel haben auf den Balearen rund 30 Prozent der Bevölkerung zusätzlich eine private Gesundheitsversicherung abgeschlossen, mit der sie an Privatkliniken und bei Privatärzten behandelt werden können. Je nach Diagnose arbeiten privates und öffentliches System Hand in Hand. Teilweise finden auch Überweisungen von der öffentlichen Versorgung an die privaten Kliniken statt, ohne dass für die Patienten Zusatzkosten entstehen.

Vor allem jetzt, wo die balearische Gesundheitsbehörde IB-Salut darum bemüht ist, die schon immer langen, seit der Corona-Pandemie aber noch einmal gestiegenen Wartezeiten für OPs und ambulante Facharzttermine wieder zu verkürzen. Wer noch nicht diagnostizierte Leiden hat oder operiert werden muss, ohne dass es sich um Notfallmaßnahmen handelt, der muss oft monatelang auf entsprechende Untersuchungen und Eingriffe warten, wie aus öffentlich einsehbaren Listen hervorgeht. Besonders Patienten, die den Fachärzten im Landeskrankenhaus Son Espases zugeordnet sind, müssen sich oft mehr als sechs Monate gedulden, bis sie behandelt werden. Ein Outsourcing der Wartenden an Privatkliniken soll Abhilfe schaffen – und kostet die Gesundheitsbehörde rund 17 Millionen Euro jährlich.

Der Mediziner muss verfügbar sein, Zeit haben und auf den Patienten eingehen können

Carles Recasens - Leiter der balearischen Ärztekammer

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„Allein dass diese Überweisung möglich ist, ist im internationalen Vergleich schon ein Privileg“, sagt Carles Recasens, Leiter der balearischen Ärztekammer Col·legi de Metges Darüber hinaus sei die Betreuung im öffentlichen System „universell und in der Regel von exzellenter Qualität“. Überhaupt seien Wartelisten nicht zwangsläufig ein adäquates Messinstrument für die Betreuungsqualität.

Das eigentliche Problem sieht Recasens vor allem im allgemeinen Personalmangel, der sich nirgends so stark auswirke wie in der medizinischen Erstversorgung (atención primaria). „Sie ist das Tor zum öffentlichen System. Und Grundlage eines gut funktionierenden Gesundheitssystems sollte doch die Beziehung zwischen dem medizinischen Personal und den Patienten sein. Der Mediziner muss verfügbar sein, Zeit haben und auf den Patienten eingehen können“, sagt Recasens.

Doch genau das ist aktuell in vielen Fällen in den örtlichen Gesundheitszentren, der ersten Anlaufstelle der Patienten, nicht möglich. „Die Ärzte sind die Ersten, die eine gute Betreuung bieten wollen. Aber wenn ein Hausarzt 40, 45 oder 50 Patienten an einem Vormittag behandeln soll, dann geht das nicht.“ Immer mehr Überstunden für die Angestellten und immer längere Wartezeiten für die Patienten seien aktuell kennzeichnend für die Realität auf den Inseln. „Dieser Zustand der absoluten Überlastung ist zur Regel geworden. So kann das System nicht mehr lange aufrechterhalten werden. Eher früher als später wird es zusammenbrechen“, warnt Recasens.

Man weiß kaum noch wohin mit sich

Mitarbeiter des Gesundheitszentrums Son Pisà in Palma de Mallorca

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Ein Beispiel: Am Sonntag (27.11.) war in Son Pisà – einem der drei in Palma rund um die Uhr geöffneten Gesundheitszentren mit Notfallbetreuung (SUAP, auf dem Land heißen sie PAC) – nur ein Arzt statt vier im Einsatz. Zum wiederholten Male. Dabei ist die Einrichtung zuständig für rund 120.000 Palmesaner. „Manchmal hat man allein Schichtdienst, und zwischen den zahlreichen Wartenden sind plötzlich zwei Patienten mit Infarktsymptomen. Da weiß man kaum noch, wohin mit sich“, klagt ein Angestellter von Son Pisà, der anonym bleiben will. Viele Patienten wenden sich deswegen direkt an die Notaufnahme der Krankenhäuser – die dann regelmäßig kollabieren.

Die Notaufnahme des Landeskrankenhauses Son Espases auf Mallorca DM

Dass es bei Wochenend- und Nachtschichten personale Engpässe gibt, liege nicht nur an den hohen Überstunden-Konten, sondern auch daran, dass eine im Sommer vereinbarte Erhöhung der Bereitschaftsdienstvergütung nicht angewendet werde, so Antonio Bosch Bennazar. Er ist Notfallmediziner in Son Pisà und zudem Sprecher der balearischen Ärztegewerkschaft Simebal. „Zur schlechten Bezahlung kommt hinzu, dass fest angestellte Ärzte und Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, und es für sie keinen Ersatz gibt“, sagt er. „Die Zahl der Mitarbeiter in den SUAPs wurde nicht erhöht, und die Hälfte der dort beschäftigten Personen hat einen Zeitvertrag“, beklagt er. „Aus diesem Grund entscheiden sich die Ärzte, in der privaten Gesundheitsversorgung zu arbeiten, sich anderen Berufen zu widmen oder an ihren Herkunftsort außerhalb der Inseln zurückzukehren“, so Bosch. Nicht zuletzt auch wegen der horrenden Mietpreise auf dem Archipel.

Die Patienten

Auch die Hausärzte sind ausgebrannt. Zwischen all den unangemeldeten Patienten müssen sie zahlreiche telefonische Betreuungen durchführen, ihr Arbeitsalltag wird zur Hölle“, sagt Iñaki Olaizola, der bei der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“ seit Jahren für Gesundheitsthemen zuständig ist. „Auch ohne dass Personal ausfällt, müssen die Kinderärzte in den Gesundheitszentren oft die Arbeitslast von drei Vollzeitstellen allein schultern – und das auf Dauer. Das zehrt an den Nerven.“

Mitverantwortlich für die Situation seien aber auch die Patienten selbst, glaubt Olaizola. „Es hat sich eine Kultur entwickelt, wegen jeder Kleinigkeit direkt zum Arzt zu rennen, auch wenn das nicht immer nötig ist.“ Der starke Bevölkerungsanstieg auf den Inseln verschärfe die Situation zusätzlich, ebenso wie auswärtigen Nutzer des Systems: Saisonkräfte vom Festland, nicht angemeldete Nordeuropäer mit Zweitwohnsitz, Urlauber. „Wer einen Unfall hat, wird jederzeit im öffentlichen System behandelt. Das ist gut, aber der Bedarf übersteigt dabei die kalkulierte Nutzerzahl“, so Olaizola.

Die Lösungsansätze

Allein mit Geld ist den Problemen nicht beizukommen. „Es ist gut, dass die Politik mehr Geld in das Gesundheitswesen pumpt. Aber das allein ist nicht ausreichend“, sagt Carles Recasens von der Ärztekammer. „Es kommt auch entscheidend darauf an, wofür das Geld verwendet wird. Das öffentliche Gesundheitssystem ist technisch gut ausgestattet. Da weiter zu investieren wäre absurd, denn kaum jemand hat Zeit, die neuen Geräte zu nutzen.“

Um die Arbeitslast herunterzufahren, haben die Gewerkschaften, Berufsverbände und Ärztekammern dem balearischen Gesundheitsministerium vergangene Woche einen Maßnahmenkatalog vorgelegt. Unter anderem fordern sie in den Gesundheitszentren eine maximale Patientenanzahl von 25 pro Tag und Hausarzt. Auch müssten die Öffnungszeiten einiger Zentren übergangsweise reduziert und die Betreuung auf einige wenige Einrichtungen konzentriert werden, um Überstunden abzubauen – ein Vorschlag, den die Landesregierung, wohl auch angesichts der Wahlen im kommenden Frühjahr, ablehnt. „Aber was nutzen lange geöffnete Gesundheitszentren in jedem Dorf und jedem Stadtviertel, wenn kein Arzt vor Ort ist“, fragt Carles Recasens von der Ärztekammer.

Die Politiker sprechen eine andere Sprache. Sie scheinen unsere Klagen nicht zu hören und bieten uns keine kurzfristige Lösung

Mariana Mambié - Vorsitzende der balearischen Vereinigung der Kinderärzte (APapIB)

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Von der Politik verstanden fühlten sich viele Mediziner nach dem Treffen am vergangenen Donnerstag (24.11.) nicht. „Die Politiker sprechen eine andere Sprache. Sie scheinen unsere Klagen nicht zu hören und bieten uns keine kurzfristige Lösung“, beschwerte sich beispielsweise Mariana Mambié, Vorsitzende der balearischen Vereinigung der Kinderärzte (APapIB).

Derweil weist die konservative Opposition im Balearen-Parlament auf das Sprachproblem hin. Aktuell müssen alle Ärzte, die auf den Balearen im öffentlichen Gesundheitsystem praktizieren, mit Zertifikaten nachweisen, dass sie die katalanische Sprache zumindest verstehen. Nicht gerade ein Anreiz für auswärtige Mediziner, auf die Inseln zu kommen. Die Ärztekammer gibt sich in diesem Punkt diplomatisch. „Wir verstehen den Standpunkt der Linksregierung, dass Patienten besser eine Bindung zum Arzt aufbauen können, wenn sie in ihrer Muttersprache kommunizieren können. Sprache ist neben Empathie, Fachwissen, Vertrauen und Verfügbarkeit aber nur ein Aspekt von vielen, um die Beziehung zu verbessern“, so Recasens.

Für eine Stellungnahme war der Generaldirektor der Gesundheitsbehörde IB-Salut gegenüber der MZ nicht bereit. Tatenlosigkeit kann man der balearischen Landesregierung jedoch nicht vorwerfen: Immerhin hat sie vergangene Woche 118 neue Hausärzte auf den Balearen eingestellt, 23 davon mit Festverträgen. Im Raum stehen rund 150 weitere Neueinstellungen medizinischen Personals. Theoretisch.

Der Nachwuchs

Der Fachkräftemangel ist ein spanienweites, auf den Balearen besonders ausgeprägtes Problem. Um mittelfristig Abhilfe zu schaffen, bietet die Balearen-Uni (UIB) seit 2016 den Studiengang Medizin an. Im Sommer beendeten 60 Absolventen ihr Grundstudium. Doch positiv auf die aktuelle Krisensituation im Gesundheitssystem dürften sich die Jungmediziner noch nicht auswirken. „Zwar haben die meisten Absolventen die Absicht hierzubleiben. Aber bis sie praktizieren dürfen, wird es noch mehrere Jahre dauern. Ihnen fehlt ja noch die Facharztausbildung“, sagt der Dekan der Fakultät, Miguel Ángel Roca. Auch er verteidigt das öffentliche Gesundheitssystem. Seine Studierenden hätten während ihrer neunmonatigen Pflichtpraktika in verschiedenen öffentlichen Gesundheitseinrichtungen durch die Bank gute Erfahrungen gemacht. Aber, gibt Roca zu, gleichzeitig hätten sie auch miterlebt, wie die an der Hochschule gelehrten Inhalte teilweise an der Arbeitswirklichkeit zerschellten. Dass einen guten Arzt weit mehr ausmacht als nur seine wissenschaftlichen Kenntnisse, dass es auch auf Einfühlungsvermögen, respektvollen Umgang und Empathie ankommt, klingt in der Theorie im Hörsaal schlüssig. In der Berufspraxis ist dafür jedoch immer weniger Raum. „Auch das ist dem Personalmangel geschuldet“, glaubt Dekan Rocas.

Es stimmt nicht, dass es keine Ärzte gibt, sondern dass ihre Arbeit wieder attraktiv gemacht werden muss.

Antonio Bosch - Notfallarzt und Gewerkschafter

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Gewerkschafter und Notfallarzt Antonio Bosch widerspricht: „Es stimmt nicht, dass es keine Ärzte gibt, sondern dass ihre Arbeit wieder attraktiv gemacht werden muss.“ Genug Nachfrage für den Beruf gibt es jedenfalls: Auf 60 Studienplätze im Fachbereich Medizin an der UIB bewarben sich zuletzt mehr als 2.000 junge Menschen.

„Viele wissen nicht, was sie erwartet. Es gab eine ganze Reihe an Nachwuchsmedizinern, die nach elf Jahren der Ausbildung und zwei Jahren Corona, in denen sie sich gefühlt haben wie auf dem Schlachtfeld in Vietnam, entschieden haben, den Beruf zu wechseln“, sagt Gesundheitsexperte Iñaki Olaizola. So oder so: Eine kurzfristige Lösung der aktuellen Probleme bietet die Ausbildung neuer Ärzte nicht.

Der Arbeitskampf

Protestaktion von Mitarbeitern im öffentlichen Gesundheitssystem auf Mallorca DM

Ist ein Streik, wie derzeit in Madrid, auf den Balearen also unausweichlich? „Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass es so weit kommt, auszuschließen ist es aber nicht“, so Iñaki Olaizola am Dienstag (29.11.), musste seine Aussage anschließend jedoch revidieren: Bei einem von der Ärztekammer koordinierten Treffen der Gewerkschaften und Berufsverbände am Donnerstag (1.12.) stimmten die Mediziner für einen Streik Anfang nächsten Jahres, sollte die Politik bis dahin nicht auf ihre Forderungen eingegangen sein. Konkret beschwerten sich die verschiedenen Verbände bei dem Gemeinschaftstreffen auch über eine angebliche Ungleichbehandlung. So hätten die Verantwortlichen des balearischen Gesundheitsministeriums einige der Gruppierungen bei Einzelgesprächen in den vergangenen Tagen durchaus ernst genommen und weitere Treffen mit ihnen veranlasst, während andere - darunter die größte Gewerkschaft Simebal - sich abgewiesen und nicht erhört fühlten. Auf der Versammlung versicherten sich die verschiedenen Gruppierungen gegenseitig ihre Solidarität. Derweil betonte die balearische Gesundheitsminsiterin Patricia Gómez am Freitag (2.12.), dass man alles dafür tun wolle, um einen Streik zu verhindern. Sie versprach, sich alle Vorschläge und Forderungen der Mediziner genau anzusehen und Lösungen zu finden, die dem Wohle der Bevölkerung dienten. Gewerkschafter Antonio Bosch ist weiter auf Krawall gebürstet: „Mich würde es nicht wundern, wenn es zum Streik kommt. Und die Engpässe über die Weihnachtsfeiertage werden die Lage ohnehin noch verschärfen.“

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