20. April 2020
20.04.2020
Mallorca Zeitung

Das Coronavirus im Visier von Mallorcas Forschern

Auch die Insel beteiligt sich an der weltweiten Suche nach Wirkstoffen gegen das Coronavirus. Die Pandemie wirft aber noch mehr Fragen auf - vom Stress im Krankenhaus über die Mobilität bis zur Arbeit im Homeoffice

20.04.2020 | 01:00
Ministerpräsidentin Francina Armengol lässt sich von Wissenschaftlern in der Corona-Krise beraten.

Wer sich in den vergangenen Jahren mit spanischen Wissenschaftlern unterhalten hat, hörte im Gespräch stets dieselbe Klage. Im Zuge von Banken-, Wirtschafts- und Haushaltskrise sei massiv an Forschung und Lehre gespart worden, obwohl das doch Investitionen in die Zukunft seien. Junge Wissenschaftler gingen in großer Zahl ins Ausland, Universitäten mussten Projekte mit Drittmitteln retten. Jetzt ist alles anders – zumindest, wenn es um das Coronavirus geht. 24 Millionen Euro hat die spanische Regierung im Zuge des Alarmzustands bereitgestellt, um Forschungsprojekte rund um die Covid-19-Pandemie zu fördern. Auf Mallorca bewerben sich mehrere Forscher um die Mittel, und an der Balearen-Universität (UIB) eröffnet die jetzige Pandemie ein breites Feld an Forschungsmöglichkeiten, das weit über die Medizin hinausgeht.

Für Ergebnisse muss man sich freilich noch gedulden, aber schon jetzt zeigt sich eine enorme Spannweite der Forschungen – von Studien zu künftigen Therapien und Impfungen über die psychologischen Folgen für die geforderten medizinischen Fachkräfte, die derzeit die Covid-19-Patienten betreuen, bis hin zu den sozialen Konsequenzen der Pandemie in der gesamten Gesellschaft. „Wir haben eine ganze Reihe von Forschungsprojekten und Initiativen gestartet, um umfassende Antworten auf die Covid-19-Fragen zu geben", so eine Sprecherin der UIB.

Die Symptome lindern

Am naheliegendsten ist die Suche nach Medikamenten und Impfstoffen. Dazu kooperieren jetzt die Nutrigenomik-Forscher der UIB – der Bereich verknüpft Genomforschung, Pflanzenzüchtung, Gentechnik und Medizin – mit den Krankenhäusern Son Espases und Son Llàtzer. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Wirksamkeit von Medikamenten, die schon für andere Erkrankungen zugelassen sind. Vereinfacht gesagt soll getestet werden, wie unterschiedlich die Medikamente – je nach Dosis und Zusammenstellung – auf die Blutzellen gesunder Menschen einerseits und am Coronavirus erkrankter Patienten andererseits wirken. Sollten innerhalb von drei Monaten Erfolg versprechende Ergebnisse erzielt werden, könnte die Studie erweitert werden, heißt es in der Projektbeschreibung. Zwischen den Zeilen schwingt Optimismus mit: Das Team unter Doktor Andreu Palou habe bereits reichlich Erfahrung bei der Entwicklung biochemischer Modelle, die bei der Erforschung von Impfstoffen gegen virale Atemwegserkrankungen zum Einsatz gekommen seien.

Getestet wurde dabei vorwiegend mit Frettchen. Die dem Iltis ähnlichen Tiere haben das Pech, dass ihre Lunge der menschlichen sehr ähnlich ist und deswegen Ergebnisse von Tests zu Atemwegserkrankungen wie Grippe, Mukoviszidose, Lungenkrebs oder auch SARS am einfachsten übertragen werden können – anders etwa als bei Tests mit Mäusen. „Mit dieser Technologie können wir Zeit gewinnen", so Palou. Wenn ein Medikament bei den Frettchen anschlage, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch beim Menschen wirke.

Bereits seit zwei Jahrzehnten arbeite man mit den Tieren, und anhand der aufgeschlüsselten DNA könne man analysieren, wie diese auf verschiedene Medikamente reagiere. Schon im vergangenen Jahr sei die Testmethode in den USA zum Einsatz gekommen, nun verhandle man mit einem internationalen Konzern über die Lizenz zur weltweiten Anwendung bei der Suche nach einem Impfstoff.

Zuverlässigere Tests

Gleich mehrere Studien am Start sind am Institut für Gesundheitsforschung (Idisba), das unter anderem von der UIB und dem balearischen Gesundheitsministerium getragen wird. Auch hier werden bereits anderweitig angewandte Medikamente auf ihre Covid-19-Wirksamkeit getestet. Konkret geht es beispielsweise um einen Wirkstoff, der Diabetes-Patienten verabreicht wird – könnte er die Symptome bei Coronavirus-Erkrankungen lindern und die Sterblichkeit senken? Mehrere Dutzend Wirkstoffe, die unter anderem Aids- oder Malaria-Patienten einnehmen,
haben ebenfalls derlei Hoffnungen geweckt.

Weitere geplante Idesba-Projekte kreisen um praktische Fragen. Es geht etwa darum, Covid-19-Tests, die auf der Basis der gebildeten Antikörper funktionieren, zuverlässiger zu machen und falsche Negativ-Ergebnisse zu verhindern. Ist es vielleicht sinnvoller, Proben statt aus der Nasenschleimhaut aus dem Sputum zu entnehmen, also dem ausgehusteten Schleim? Eine Studie zur psychischen Belastung der Mediziner an der Coronavirus-Front wiederum hat zum Ziel, eine Art Guide zu entwickeln, mit dem Symptome schnell erkannt und Abhilfe geschafft werden kann. Und auch die Schutzausrüstung der Ärztinnen und Pfleger soll auf dem Prüfstand: Welche Elemente schützen am wirkungsvollsten vor einer Ansteckung durch den Patienten?

Darüber hinaus wird es in Zukunft nicht nur polizeiliche, sondern auch wissenschaftliche Antworten darauf geben, inwieweit die derzeitige Ausgangssperre letztendlich eingehalten wurde und wie diese Maßnahmen bei der Bekämpfung der Pandemie geholfen haben. Die Frage, wie sich die allgemeinen Mobilitätsmuster in Spanien in den vergangenen Wochen verändert haben, ist ein Fall für das Institut für interdisziplinäre Physik und komplexe Systeme (IFISC) – eine Einrichtung, die von der UIB und dem obersten spanischen Wissenschaftsrat (CSIC) getragen wird.

Die Variablen lauten unter anderem: Verteilung der Bevölkerung, Altersstruktur, Standorte von Krankenhäusern, Gesundheitszentren und Altersheimen. „Kenntnisse über die Mobilitätsmuster sind ein Schlüssel, um die Expansion des Virus zu bremsen", heißt es in der Beschreibung des Projekts, an dem zahlreiche weitere Forschungseinrichtungen sowie auch Konzerne wie Telefónica beteiligt sind.

Das HomeOffice als Labor

Und wenn die Menschen zu Hause statt im Büro arbeiten, ist das ebenfalls ein spannendes Forschungsfeld. Schließlich gehört Spanien zu den Ländern, in denen Homeoffice bislang in jeder Hinsicht ein Fremdwort war und es nicht selten Teil der Firmenkultur ist, möglichst immer Präsenz gegenüber dem Chef zu zeigen – Produktivität hin oder her. Wie sich die Angestellten in diesem bislang weitgehend unbekannten Terrain schlagen, erforscht die Fakultät der Sozialpsychologie an der UIB.

Die Forscher haben zahlreiche Fragen: Wer macht Telearbeit und welche Unterschiede gibt es hinsichtlich der Branchen und der Arbeitsprofile? Sind die Angestellten zufrieden mit den Vorgaben und Hilfen der Arbeitgeber? Und was hat das für Konsequenzen für die Aufteilung der anfallenden häuslichen und familiären Aufgaben? Antworten werden derzeit in einer anonymen Online-Umfrage gesammelt (bit.ly/studie-homeoffice), die interessante Erkenntnisse verspricht – es geht schließlich um mehr als Kinder, die spielen wollen, und Katzen, die auf die Tastatur springen. Eine nicht unwichtige Frage lautet: Würden Sie auch nach Ende des Alarmzustands gern von zu Hause aus arbeiten?

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