Abtreibungsdebatten spalten schon lange die Gesellschaft. Es geht um Ethik und Moral, um Grundsatzfragen, über unsere Werte – und leider immer wieder auch um politische Ideologien. Das ist in Deutschland nicht anders als in Spanien. Da sind die einen, die auch ungeborenem Leben Rechte einräumen wollen, und da sind die anderen, die alles daran setzen, die Selbstbestimmung der Frau so hoch wie möglich zu halten. Nüchtern betrachtet lässt sich sagen: Beide Seiten haben ihre Berechtigung, beide Seiten haben ihre Argumente, und die Abwägung zwischen dem einen und dem anderen Extrem ist an und für sich ein wichtiger Reflexionsprozess, den jeder für sich und eine Gesellschaft als ganze durchleben sollte. So gesehen ist es also wünschenswert, dass die Debatte – mal wieder – die politische und gesellschaftliche Agenda bestimmt.

Wenig zielführend sind allerdings die ideologischen Verstrickungen und die parteipolitischen Instrumentalisierungen, die in Spanien besonders ausgeprägt sind. Wir reden von einem Thema, bei dem es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, oder zumindest nicht geben sollte. Keine Frau sollte gezwungen werden, ihr Ungeborenes in 4-D-Technik auf dem Bildschirm zu betrachten, wenn sie für sich zu dem Schluss gekommen ist, es – aus welchen Gründen auch immer – nicht behalten zu wollen. Gleichzeitig darf Abtreibung aber auch nicht zur neuen Verhütungsmethode werden, die im Expressverfahren an jeder Ecke durchgeführt wird. Reflexion, Bedenkzeit und Information sind besser als überstürztes Handeln. Und ein paar Tage Bedenkzeit keine Freiheitsberaubung der Frau. Das sollte auch die Linke sehen.