Mallorca Zeitung

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Trotz Vollzeitjob Mieten zu teuer: Auf Mallorca entsteht ein neues Wohnwagen-Viertel

Ein Besuch bei den Campern auf dem Parkplatz von Son Hugo

Hund Oskar ist die einzige Begleitung von Juan. Früher schlief er im Auto, mittlerweile konnte er sich ein Wohnmobil leisten. | FOTO: BENDGENS

Die Sonne geht unter. Es wird kalt auf dem Parkplatz der Schwimmhalle Son Hugo in Palma. Wohl dem, der sich in die eigenen vier Wände zurückziehen kann. Diejenigen, die hier sind, können das nicht. Sie schlagen sich mit Decken und kleinen Heizgeräten in Autos und Wohnmobilen durch die Nacht. Auf dem Parkplatz haben sie sich zu einer Art Camping-Gemeinschaft zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu helfen und vor Gaffern sowie Dieben zu schützen. „Die Leute, die du hier siehst, haben alle Jobs. Das geringe Einkommen reicht aber nicht, um die hohen Mietpreise auf der Insel zahlen zu können“, sagt ein 53-jähriger Mann, der sich als Juan vorstellt.

Vier Räder statt vier Wände

Der Mallorquiner arbeitet im Sommer als Hausmeister in Hotels und spricht ein wenig Deutsch. „Ich habe mal versucht, der Saisonarbeit zu entkommen und bei einem Kurierdienst angefangen“, erzählt er. Bei der Auslieferung mit dem Motorrad stieß er dann mit einem Auto zusammen. „Fünf Jahre musste ich auf eine Entschädigung warten. Ich konnte lange Zeit nicht arbeiten und bin aus meiner Wohnung rausgeflogen“, sagt Juan. In der Zeit hat er im Auto übernachtet. „Ich war einer der Ersten, die den Parkplatz vom Son Hugo als guten Standort ausfindig gemacht haben.“ Als dann die Entschädigung kam, konnte er sich zumindest ein Wohnmobil leisten.

Immer mehr "Camper" kommen

In den letzten Monaten haben sich ihm andere angeschlossen. „Im vergangenen Sommer waren es gerade mal vier Fahrzeuge hier. Jetzt sind wir an die 30. Und im Sommer werden es noch mehr werden, wenn die Saisonarbeiter kommen und feststellen, dass sie keine günstige Mietwohnung finden“, prophezeit Juan.

ralf@mallorcazeitung.es Nele Bendgens

„Selbst ein WG-Zimmer ist mittlerweile zu teuer“, sagt ein Mann mit Chipstüte in der Hand – nennen wir ihn Victor –, der sich zum Gespräch hinzugesellt. „Unter 400 Euro findet man nichts. Und dann sind die günstigen Angebote meist nur für Frauen.“ Hier tut sich eine Grundsatzfrage auf: Muss man als Arbeitnehmer mit einem Vollzeitjob zwangsweise seinen Wohnort teilen, wenn das Gehalt nicht reicht? „Nein“, sagt Juan verärgert, und Victor stimmt ihm zu. „Ich bin 41 Jahre alt und muss früh raus zur Arbeit. Dann wohne ich mit einem jungen Kerl zusammen, der bis tief in die Nacht Lärm an der Playstation macht. Er hat das Recht dazu, seine Jugend auszuleben. Aber für mich wäre der nächste Tag im Eimer.“

Gehaltserhöhung geplatzt

Er selbst arbeitet als Wachmann bei einer großen Supermarktkette. „Seit die Preise steigen, nimmt der Ladendiebstahl zu“, erzählt der Mann aus Barcelona. Mit einer saftigen Gehaltserhöhung habe ihn sein Arbeitgeber den Umzug auf die Insel schmackhaft gemacht. Als er vor einem Jahr in Palma anfing, kam mit der ersten Lohnabrechnung der Schreck. Das Gehalt war unverändert, die Lebenshaltungskosten aber extrem gestiegen.

Ich habe keine Vorstrafen, nehme keine Drogen, habe mein ganzes Leben gearbeitet und kann mir in meinem Land keine Unterkunft leisten.

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Anfangs fand er noch ein WG-Zimmer für 350 Euro im Monat. „Im Sommer erhöhte der Vermieter auf 400 Euro, im September erneut auf 450 Euro“, sagt Victor. Das war der Punkt, an dem er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Heute ist er einer von drei Personen auf dem Parkplatz, die im Auto schlafen. „Ich schäme mich nicht davon zu erzählen, da es nicht meine Schuld ist“, sagt Victor. „Ich habe keine Vorstrafen, nehme keine Drogen, habe mein ganzes Leben gearbeitet und kann mir in meinem Land keine Unterkunft leisten. Es ist erniedrigend.“ Dann stellt er eine Art Rangfolge des Wohlstands auf: „Auf der Straße leben, im Auto, im Wohnmobil, im WG-Zimmer, in der eigenen Wohnung und in einer Villa.“

Das Auto als Wohnung

Er zeigt der MZ, wie er lebt. Rückbank und Beifahrersitz werden im VW Golf runtergeklappt. „Mit den Füßen im Kofferraum passe ich gerade so rein.“ Heizung oder Klimaanlage bleiben aus, da Benzinkosten gespart werden müssen. „Im Winter ist das Auto ein Kühlschrank, im Sommer eine Mikrowelle.“ Mit seinem kleinen Campingkocher versucht der 41-Jährige, das Auto wenigstens etwas hochzuheizen. „Das hält aber nicht lange. Zudem beschlagen die Scheiben, was auch nicht sonderlich gesund ist.“

Mangels eines echten Kühlschranks kann er nur haltbare Lebensmittel kaufen und lagern. Dusche und Klo nutzt Victor in der anliegenden Schwimmhalle Son Hugo. „30 Euro kostet das Monatsabo für Nicht-Residenten. Das Rote Kreuz ermöglicht Wohnungslosen, sich bei der Stadt anzumelden. Aber das ist ein langwieriger Papierkram“, sagt Victor. Er zahlt die 30 Euro. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm eine warme Dusche sein kann.“

ralf@mallorcazeitung.es Nele Bendgens

Ansonsten muss er jeden Cent umdrehen. „Wenn ich mal etwas Geld übrig habe, kaufe ich in der Regel eine kleine Matratze, um den Komfort im Autobett zu erhöhen.“ Bis Sommer will er noch durchhalten. Dann steht ein Prozess gegen seinen Arbeitgeber an. Im Anschluss will er sich einen besser bezahlten Job suchen. „Freunde haben mir einen Schlafplatz angeboten, wenn ich nach Barcelona zurückkehre. Aber ich will mich hier durchboxen.“

Frust auf den Wohnwagen

Juan hat keinen Plan B auf dem Festland. „Ich wurde hier geboren, und meine Tochter lebt hier. Wegziehen kommt für mich nicht infrage.“ Immerhin ist er vom Auto zum Wohnmobil aufgestiegen. Bei den Wertstoffhöfen kann der Klobehälter geleert und das Wasser kostenlos aufgetankt werden. „Ein Solarpanel versorgt mich mit Strom“, sagt er.

Einen Campingausflug mache ich im Leben nicht mehr.

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Die meisten der unfreiwilligen Camper auf dem Gelände von Son Hugo sind Spanier und Single-Männer. „Familien gibt es unter uns nur wenige. Und Paare könnten sich mit zwei Gehältern in der Regel eine Wohnung leisten, zumindest bislang“, sagt Juan. Ein glückliches Leben sei es nicht auf dem Parkplatz. „Sollte ich irgendwann mal eine Wohnung haben, verschenke ich mein Wohnmobil mit Schleife drum. Einen Campingausflug mache ich im Leben nicht mehr.“

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