Füllhorn Mallorca: Was Wiesen und Feldern alles an Essbarem hergeben

Die Botanikerin Catalina Sebastià erklärt bei ihren Führungen die hiesigen Pflanzen. Für Mensch und Tier ist das ein riesiges Reservoir

Bei Führungen erklärt Catalina Sebastià, was auf Mallorcas Feldern und Wiesen alles wächst.

Bei Führungen erklärt Catalina Sebastià, was auf Mallorcas Feldern und Wiesen alles wächst. / Nele Bendgens

Es ist Nachmittag im Tal bei Campanet. Noch bringt die Sonne das Grau der Serra de Tramuntana-Ausläufer zum Leuchten und die hellgrüne frische Saat auf dem Feld zum Glänzen. Die Wanderung, bei der Catalina Sebastià Pflanzen bestimmen wird, führt neben einem Sturzbach (torrent) einen Weg entlang. Im Sommer zeigt die 49-Jährige Besuchergruppen die Insel Cabrera. Im Winter erklärt sie Erwachsenen und Kindern die Natur Mallorcas und Menorcas.

Der Echte Venusnabel schmeckt in Winter-Salaten aromatisch.  | FOTOS: NELE BENDGENS

Die Myrte blüht sonst am Ende des Winters. / Bendgens

Ihre Kurse organisieren Kommunen, Nachbarschaftsvereinigungen und Schulen sowie die Balaren-Universität innerhalb des Erwachsenen-Programms UOM (Universitat Oberta per a Majors de la UIB). „Es geht nicht nur darum, die Körbe mit Essbarem zu füllen“, sagt die Mallorquinerin. Sie will den Teilnehmern vermitteln, dass die Natur ein riesiges Reservoir ist – auf das womöglich noch weiter zurückzugreifen sei. So erklärt Catalina Sebastià nicht nur Aromen und Geschmack der Gewächse, sondern auch ihre Anwendungsmöglichkeiten, etwa um Stoffe zu färben und Seifen zu fertigen, sowie ihre kulturelle Bedeutung.

Kräuter am Wegesrand

Das schmale Stück Wiese neben dem Weg bietet vielen Arten ein Habitat. Manche von ihnen zeigen wegen der milden Temperatur dieses Winters gleichzeitig frische Blätter, Blüten und Samen. „Das hat sehr wohl mit dem Klimawandel zu tun“, sagt Sebastià, „aber die Natur hat viel mehr Kraft für Anpassung und Regeneration, als man annimmt. Wir sollten sie mehr aus der Perspektive der Pflanzen betrachten als aus dem Blickwinkel des Menschen“.

Die Myrte blüht sonst am Ende des Winters. Dieses Jahr sind Blüten und die blauen Beeren im Januar gleichzeitig zu beobachten.

Auch wenn die Hagebutten winzig sind, Vögel lieben die roten Beeren. / Bendgens

Mit Fenchel Speisen aromatisieren

Am Wegrand wächst der Fenchel (Foeniculum vulgare bot., hinojo span., fonoll kat.). Zu sehen ist jetzt das frische Kraut, es wird zum Aromatisieren von Fleischspeisen genutzt. Direkt daneben zeigen sich an langen trockenen Stängeln die Samen, die als sanfte Tees und als Gewürz genossen werden. Die Blüten des Fenchels sind gelb, sie sitzen an Stielen, die einem Regenschirm ähneln. Außer dem typischen Fenchel-Geschmack bieten sie eine süße, sanfte Note, was sie als Gewürz sehr begehrt macht. Zudem sind die Blüten wichtig für Bestäuber, denn das Angebot ist derzeit spärlich.

Behaart und in hellem Grau präsentieren sich die Blätter der Kleinblütigen Königskerze, (Verbascum thapsus bot., candelaria span., gorolobo kat.). Ihre 60 Zentimeter hohe Blüte ist im Sommer eine Zierde, sie enthält außerdem kostbare ätherische Öle.

Von der Milchfleckdistel (Galacites tormentosa bot., galactites span., card blanc kat.) schneidet die Mallorquinerin ein großes Blatt ab und danach die stacheligen Blätter, sodass nur noch die Mittelachse stehen bleibt. Sie schmecke nach Spargel und auch ein wenig bitter. Man solle den Gaumen an Bitteres gewöhnen, sagt sie und empfiehlt, ein Mal täglich eine bittere Pflanze zu sich zu nehmen, das tue der Leber gut.

Der Echte Venusnabel (Umbilicus rupestris bot., ombligo de Venus span., capellet de teulada kat.) gilt als Delikatesse im Salat. Das fleischige Kraut wächst in den Wintermonaten zwischen Mauersteinen und Dachziegeln, im Sommer zieht sich die Pflanze zurück.

Eine interessante Geschmacksnote im Salat gibt ebenso der Krause Ampfer (Rumex crispus bot., romaza crespa span., llengua de bou kat.), den viele auch Wilder Spinat nennen. Weil er Tannine enthält, zählt er auch zu den Färberpflanzen für Stoffe und Papier.

Doch nicht alle Gewächse versprechen Gutes. Der Erd-Burzeldorn (Tribulus terrestris bot., picatalons span., gordolobo kat.), dessen Blätter derzeit eher harmlos aussehen, hassen Hunde- und Katzenbesitzer, weil ihre Samen als Kletten an den Tierhaaren hängen bleiben.

Die Blätter der Milchfleckdistel sind gesund, schmecken jedoch bitter.

Der Erd-Burzeldorn sieht harmlos aus, seine Samen aber sind Kletten. / Bendgens

Die Hecke

Es ist dem Wasser im Sturzbach zu verdanken, dass hier eine Hecke aus wilden Pflanzen wachsen konnte. Sie bietet Nahrung für viele Vogelarten, so beispielsweise die blauen Beeren der Myrte (Myrtus communis bot., mirto span., murta kat.). Ein Rotkehlchen hüpft den Weg entlang, es zählt zu den Arten, die vor Menschen nur wenig Angst haben. In regelmäßigen Abständen hinterließ hier ein Baummarder (Martes martes) seine Exkremente. Den Tieren schmecken die adstringierenden Beeren, im menschlichen Gaumen hinterlassen sie eine seltsam bitteren Geschmack.

Catalina Sebastià mit einem vitaminreichen Blatt Krausen Ampfers.

Die Botanikerin Catalina Sebastià mit einem Blatt des vitaminreichen Krausen Ampfers. / Bendgens

Dafür sind die Blätter umso interessanter: Jedes Jahr im Sommer ernten die Bewohner von Selva riesige Mengen Myrtenzweige und destillieren sie gemeinsam zu Hydrolat (Pflanzenwasser). Früher war dies ein beliebtes Schönheitswässerchen, dem nachgesagt wurde, dass es Falten glätte. Mit den Zweigen bedeckte man bei Prozessionen die Wege – wenn die Karren darüber gefahren waren, erfreuten sich die Zuschauer an dem Duft. „Heute aromatisieren die Zweige gegartes Fleisch“, so Catalina Sebastià.

Einen Teil der Hecke bildet die Hundsrose (Rosa canina bot., rosal campesino span., gavarrera kat.). Ihre Früchte, die Hagebutten, sind reich an Vitamin C. Die Botanikerin empfiehlt, Kerne und Haare zu entfernen und den Rest zu pürieren, beim Kochen gingen die Vitamine verloren. Zwischen das Püree gibt sie mehrere Schichten Zucker und stellt das Ganze in die Sonne. Hagebutten eigneten sich auch als Tee oder getrocknet über die Gerichte gestreut.

Die Natur als wahres Füllhorn

Die Blüten schmecken süß, intensiv und dabei sanft nach Fenchel. / Bendgens

Das Bachbett

Wegen fehlender Niederschläge steht in dem Sturzbach derzeit das Wasser. Er führt eigentlich ganzjährig Wasser von der Serra de Tramuntana in den Naturpark s’Albufera. In einer Wasserstelle wächst die Wasserminze (Mentha aquatica bot., menta aquatica span., herba d’aigua kat.), sie zählt wie alle Minzen zu den Klassikern unter den Arzneimittelpflanzen mit großer Bedeutung in der Volksmedizin.

Doch bevor Arzneipflanzen heute als Therapie gegen ernsthafte Erkrankungen zum Einsatz kämen, so die Expertin, wäre das nicht ohne wissenschaftliche Analysen zu vertreten. Denn Heilkräuter aus dem Inselosten hätten andere Wirkstoffe wie die aus der Serra de Tramuntana. Das hindert die Minze jedoch nicht daran, ihr Kräutertee-Aroma zu verströmen. Wir nehmen den Duft als Souvenir aus dem Pflanzenreservoir mit. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, es geht zurück in das urbane Mallorca.